Wenn Twitter-Chef Jack Dorsey morgens um fünf Uhr aufsteht und auf seinem Smartphone News checkt, dürfte er nicht gerade erbauliche Meldungen über sein Unternehmen lesen. Die Nutzerzahlen stagnieren, der Börsenkurs ist eingebrochen, die Anleger sind nervös. Hinter dem Vorstandsvorsitzenden, der in Personalunion den mobilen Bezahldienst Square führt, liegen turbulente Wochen. Erst musste er den Weggang zahlreicher Manager verkraften. Dann musste er den Aktionären erklären, wie das Unternehmen profitabel werden soll. Das Geschäftsmodell, monieren Kritiker, sei nicht innovativ. Dorsey müsse jetzt liefern.

Dabei startete der Mikroblogging-Dienst 2006 mit grossen Hoffnungen. Kurznachrichten, verknappt auf 140 Zeichen, schienen eine Revolution in der Kommunikation zu sein. Politiker zwitscherten im Universum ebenso wie Stars aus Kultur und Sport. US-Präsident Barack Obama folgen knapp 70 Millionen Nutzer, sogar der Papst hat einen eigenen Twitter-Account. Das Wachstum schoss in schwindelerregende Höhen. Wissenschafter beschäftigten sich mit dem Phänomen, die Revolten im Nahen Osten wurden gar als «Twitter»-Revolution apostrophiert. Das Instrument schien so mächtig, dass man damit Diktatoren aus ihren Palästen jagen konnte.

Zu seinem Höhepunkt 2015 zählte Twitter 332 Millionen aktive Nutzer. Doch während Konkurrent Facebook global expandiert und auf 1,6 Milliarden Mitglieder zusteuert, verharrt die Zahl der Twitter-Nutzer bei 320 Millionen. Stagnation bedeutet Rückschritt im Silicon Valley. Die Analystin Debra Aho Williamson vom Marktforschungsunternehmen eMarketer sieht den Grund für die Wachstumsdelle in der vergleichsweise schwierigen Nutzung. «Mit dem 140-Zeichen-Limit, den Hashtags und Antworten sind neue oder gelegentliche Nutzer nicht vertraut», sagt sie im Gespräch. Twitter bewege sich sehr schnell, und wenn jemand vielen Accounts folge, quillt die Timeline rasch über.

Das Problem ist auch, dass Twitter von Millionen Fake-Accounts unterwandert wird. Sogenannte Bots, automatisierte Skripts, generieren millionenfach Tweets. Russlands Präsident Wladimir Putin beschäftigt eine ganze Twitter-Armee, die den Kurznachrichtendienst systematisch mit propagandistischen Beiträgen bombardiert. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton soll laut einer Analyse von «Twitteraudit» unter ihren Followern mehr als eine Million Fake-Accounts haben. Twitter ist davon viel stärker betroffen als Facebook.

Laut einer Untersuchung der US-Börsenaufsicht SEC handelt es sich bei 8,5 Prozent aller Twitter-Nutzer um Bots. Auf Seiten wie www.buycheapfollowersfast.com kann man sich für läppische neun Dollar 3000 Follower kaufen. Twitter kommt mit der Löschung von Fake-Accounts kaum hinterher. Wegen der Fake-Accounts leiden die Glaubwürdigkeit und auch der Werbewert.

Die Konkurrenten Snapchat und Instagram, die beide zu Facebook gehören, holen kräftig auf. Die Dienste sind vor allem bei Teenagern beliebt. Facebook hat kürzlich einen Live-Chat für Sportveranstaltungen gestartet. Sports Stadium, wie das Feature heisst, versammelt alle Fakten und Diskussionen zu einem Sportevent. Damit greift Facebook den Rivalen Twitter frontal an. Und zwar dort, wo er bislang stark war: in der Echtzeit-Berichterstattung und Second-Screen-Nutzung. Twitter reagierte auf Facebooks Livestream mit der Einbettung der Video-App Periscope. Streams von Periscope werden seitdem direkt in dem Mikroblogging-Dienst abgespielt. Damit will Twitter dem Echtzeitvideo-Trend Rechnung tragen.

«Wir sind fokussiert auf das, was Twitter am besten kann: live», sagte Vorstandschef Jack Dorsey selbstbewusst. «Twitter wurde lange als Second Screen betrachtet. Aber wir glauben, dass wir der First Screen werden können.» Dorsey versucht, den Konzern konsequent von einem reinen Kurznachrichtendienst zu einer Multimedia-Plattform umzubauen.

Unter dem neuen alten Chef scheint nichts mehr heilig. Selbst über eine Anhebung des 140-Zeichen-Limits, dem Markenzeichen von Twitter, wird spekuliert. «Ich glaube, Twitter wird die Begrenzung aufheben, und meiner Meinung wäre das auch gut», sagt Analystin Williamson. eMarketer prognostiziert in diesem Jahr einen leichten Zuwachs der Nutzerzahlen, die Werbeeinnahmen werden im Vergleich zum Vorjahr um eine Milliarde auf drei Milliarden US-Dollar ansteigen. Schlaflose Nächte wird Dorsey wohl noch keine haben. Doch braucht er eine Strategie, um Twitter auf Kurs zu bringen.

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