Ein Festspiel der lustigen Hörerfragen war die Sendung «Hallo SRF» am vergangenen Donnerstagmorgen bei Radio SRF 1, als sich Radio- und Fernsehdirektor Ruedi Matter eine Stunde lang live dem Publikum stellte.

Warum die Kindersendung «Zambo» nach dem «Echo der Zeit» ausgestrahlt werde und ihn zu einem Senderwechsel zwinge, wollte ein Hörer wissen. Antwort des SRF-Direktors, prototypisch für fast alle Antworten: «Ich verstehe das Problem sehr gut» – geändert wird trotzdem nichts. «Die Lösung wäre ein eigener Kindersender, aber dafür fehlen uns die Mittel», so Matter.

Ein weiterer Höhepunkt: «Warum immer ‹ White Christmas› vor Weihnachten, warum immer englische Weihnachtslieder?», wollte ein Hörer wissen. Antwort SRF: «Wir nehmen diese Kritik mit für nächste Weihnachten, die kommt ja bestimmt.»

Über 400 Fragen von Hörerinnen und Hörern gingen im Vorfeld der Sendung per Mail ein, dazu Dutzende weitere live per Telefon. Sie drehten sich vor allem um das gefühlte Service-public-Elend, das im Juni 2015 in der Abstimmung zum neuen Gebührenmodell fast zu einem SRG-Absturz führte: Die neue Mediensteuer («Warum muss ich für etwas zahlen, das ich gar nicht konsumiere?»), das «linkslastige Staatsradio» und die «hohen Kosten». Ein Hörer wollte wissen, was Direktor Matter gegen den «grassierenden Feminismus» zu unternehmen gedenke. Antwort Matter: «Ich stelle den Feminismus nicht als so gravierend fest.»

Beim Sender hält man die Radio-Premiere von «Hallo SRF» für gelungen: «Die rege Beteiligung des Publikums zeigt uns, dass das Bedürfnis nach dieser Form des Austauschs gross ist», sagt SRF-Sprecherin Andrea Hemmi. «Nach dem Erfolg von ‹Hallo SRF› im Fernsehen war für uns klar, dass dies keine einmalige Sache bleiben darf.»

Hallo Fernsehen!
Ja, das Fernsehen. Symptomatisch: Nicht selten war in der Radio-Ausgabe von «Hallo SRF» das Fernsehen eigentliches Thema. Ein Hörer wünschte sich die «Tagesschau» um 20 Uhr – und sprach Ruedi Matter als «Fernsehdirektor» an. Ein anderer Hörer beklagte die vielen Werbeunterbrechungen – im TV.

Mit der sogenannten Konvergenz werden Radio und Fernsehen verschmolzen. Dieser Prozess ist noch nicht verdaut – und auch noch nicht abgeschlossen. Das konvergente Studio in Basel ist frühestens Ende 2018 fertig. Aber mit jedem verbauten Betonelement wird auch das Schicksal von TV und Radio noch enger verknüpft.

Das schürt vor allem beim Radio Ängste – etwa, zu kurz zu kommen, für immer weniger wichtig gehalten zu werden. Oder genau das Gegenteil davon: des Fernsehens wegen zu stark in die Kritik zu geraten.

Die Gemütslage bei den Service-public-Radiosendern schwankt zwischen diesen beiden Extremen. Einerseits also: Obwohl das Radio einen Bruchteil des Fernsehens kostet, bekommen die SRG-Radios den Hass gegen das TV – zu teuer, zu irrelevant – mit ab. «Die Konvergenz ist für uns ein klarer Nachteil», sagt ein Radio-Mitarbeiter. «Geht das TV unter, gehen wir mit.»

Andererseits: Wie stark Radio SRF in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz kommt, zeigt sich zum Beispiel daran, dass derzeit praktisch alle Schlüsselpositionen der SRG-Sender neu besetzt werden – und keinen interessierts. Unvorstellbar beim Fernsehen.

So wird zum Beispiel der stellvertretende Chefredaktor Peter Bertschi pensioniert und die bisherige Bundeshausredaktorin Elisabeth Pestalozzi ersetzt. Inlandchef Lukas Schmutz tritt aus gesundheitlichen Gründen ab, seine Nachfolgerin wird Bundeshausredaktorin Géraldine Eicher. This Wachter, bisher stellvertretender Leiter von «SRF4 News», geht ins Ausland – und wird von Helen Hürlimann ersetzt, bisher Chefin vom Dienst. Die Nachfolgerin von Mark Livingston (bisher Chef «Rendez-vous» und neu Online-Chef), wird Ivana Pribakovic, bislang stellvertretende Leiterin «Rendez-vous». Die Stellen von Auslandchef Martin Durrer (Pensenreduktion kurz vor der Pension) und «Echo der Zeit»-Chefin Isabelle Jacobi (wird Korrespondentin) werden ausgeschrieben. «Die Neubesetzungen sollen bis Sommer erfolgen», sagt SRF-Sprecherin Andrea Hemmi, die diese bemerkenswerte Häufung von Personalwechseln als «zufällig» bezeichnet: «Es handelt sich dabei grösstenteils um geplante Mutationen.»

Eine Personalie sorgt intern allerdings für erheblichen Unmut. Diese Woche gab Radio SRF bekannt, den Korrespondentenstandort San Francisco aufzugeben – und nach Miami zu verlegen.

Den neuen Posten im sonnigen Florida werden sich die bisherige Inlandredaktorin Sarah Nowotny und der bisherige stellvertretende «Echo der Zeit»-Leiter Roman Fillinger in je einem 50-Prozent-Pensum teilen.

Hallo Miami!
Jobsharing – eigentlich eine gute Sache. Dass die Korrespondentenstelle in Reichweite des Silicon Valley aufgegeben wird, sorgt jedoch intern für Kritik – nicht zuletzt, weil SRF stattdessen ein Liebesnest in Florida einrichtet. Als Begründung für diese Rochade hat sich die SRF-Medienstelle einiges einfallen lassen: «Bisher hatten wir in San Francisco und Washington beide Korrespondenten im eher liberalen, demokratisch wählenden Amerika. Mit Miami befindet sich nun ein Posten im eher republikanisch wählenden, konservativ geprägten Süden.» Miami sei zudem die Drehscheibe des karibischen Raums und teilweise von Zentralamerika: «Von dort aus lässt sich diese Region, in der wir keinen Korrespondenten haben, gut abdecken.» Und Job-Sharing, heisst es weiter, sei erwünscht: «Es geht darum, den Rekrutierungspool für Auslandstellen zu vergrössern.» Bedingung: «Die Bewerberinnen und Bewerber müssen sich einzeln bewerben – und beide voll und ganz überzeugen.»

Dass die Stelle nie öffentlich ausgeschrieben wurde, kommentiert SRF knapp und lapidar: «Wir sind ein privatrechtlich organisiertes Unternehmen und nicht verpflichtet, offene Stellen extern auszuschreiben.»

Hallo SRF?!

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