Michael Renner und Ulrich Kündig sind sich einig: Das Erscheinungsbild von News-Sendungen ist für einen TV-Sender «sehr wichtig». Michael Renner, Dozent für visuelle Kommunikation an der Nordwestschweizer Fachhochschule für Gestaltung und Kunst: «Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem aktuelle Informationen authentisch, aber auch aufmerksamkeitsbindend an die Zuschauerinnen und Zuschauer übermittelt werden.» Insbesondere das Ziel, Aufmerksamkeit zu binden, erfordere eine «aktuelle, die Unmittelbarkeit der Reportagen unterstützende visuelle Sprache».

Ulrich Kündig, von 1980 bis 1988 Direktor des Schweizer Fernsehens, befasst sich heute als Präsident der Gesellschaft für Medienkritik Schweiz (GFMKS) immer wieder mit gestalterischen Fragen. Er sagt: «Das Erscheinungsbild von News-Sendungen muss für die Zuschauer Vertrautheit mit den Sendungen schaffen und die Effizienz der Kommunikation zwischen den Präsentatoren und den Zuschauern fördern.»

Für Kündig ist klar, dass das Erscheinungsbild unaufdringlich sein muss: «Die Präsentatoren und ihre verbalen und nonverbalen Äusserungen sollen im Zentrum stehen; sie sollen nicht durch ‹l’art pour l’art›-Dekorationen konkurrenziert werden.»

Renner ergänzt, dass das Erscheinungsbild einer Nachrichtensendung auch Orientierungshilfe im breiten Angebot der TV-Sender sei. «Es ist Ausdruck der identitätsstiftenden Merkmale der Sendung im Speziellen und des Senders im Allgemeinen.»

Halten die beiden Experten den neuen Auftritt für gelungen? Kündig sagt, dass bei der «Tagesschau» die Farbperspektive stimme. Ähnlich die Bewertung von «Schweiz aktuell»: «Die kalt-blauen Hintergrund-Bildflächen treten optisch gegenüber der warmen Hautfarbe der Präsentatoren zurück. Überdies sind sie frei von störenden grafischen Elementen.»

«Unverständlich» ist für den ehemaligen TV-Direktor, «dass die Rückwände ausserhalb der Bildflächen bei der ‹Tagesschau› und bei ‹10 vor 10› hellbeige, bei ‹Schweiz aktuell› grell rot gehalten sind»: «So entstehen harte Kontraste zu den blauen Monitor- und Bildflächen. Aufdringlich kontrastreiche und kompositorisch hässliche Kameraausschnitte sind die Folge.» Ebenfalls unbefriedigend ist für Kündig, dass Namen in Grossbuchstaben eingeblendet werden. «Das macht sie schwer lesbar. Zusatzinformationen werden in schlecht konturierter und zu kleiner Schrift eingeblendet.»

Renner sieht bei der Studiogestaltung keine grosse Veränderung: «Der roten Fussboden ist geblieben, das dunkle Teakholz der Tischplatte steht dazu immer noch in jähem Kontrast. Die Farbtöne des Raums erinnern bisweilen an einen etwas in die Jahre gekommenen Science-Fiction-Film.» Die Überarbeitung gehe davon aus, dass die Zuschauer ihren Sender noch erkennen müssen. Der Basler Dozent attestiert eine «Aktualisierung, die sich vor allem in der Schriftwahl, den etwas überdimensionierten Einblendern sowie der farblichen Klärung manifestiert.»

Auch das animierte «Key Visual» (das visuelle Grundmotiv) sei zeitgemässer geworden, dem Auftritt fehle aber «eine markante Aussage, die wohl nur mit radikaleren visuellen Veränderungen hätte erreicht werden können». Kündig sekundiert: «Das animierte Signet unterliegt einem Fundamentalirrtum: Nicht nervöses technologisches Gewusel ist als herausragendes Merkmal gefragt, davon gibt es beim Schweizer Fernsehen schon genug. Im allgemeinen Gerangel um Aufmerksamkeit wäre ein ruhiges, konzentrierte Aufmerksamkeit heischendes Merkzeichen ungewöhnlich, hervorragend und wohltuend.»

Verglichen mit dem vorherigen Auftritt, kommt für Ulrich Kündig das neue Erscheinungsbild «bezüglich Funktionalität und Ästhetik» professioneller daher. Seiner Ansicht nach gibt es aber noch immer «gravierende Mängel». «Sie haben ihren Ursprung darin, dass man sich im Einsatz visueller Mittel nicht massvoll bescheiden will.»

Michael Renner sieht im neuen Erscheinungsbild einen Fortschritt, «der auf halber Strecke stecken geblieben ist»: «Journalistische Qualität lässt sich mit einem durchschnittlichen visuellen Auftritt nicht adäquat vermitteln. Es braucht gerade dafür ein eigenständiges, von der visuellen Form abweichendes Erscheinungsbild.»

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