VON MARTIN MEIER

Die Murmeltiere sind noch im Tiefschlaf. Es ist kurz vor sechs Uhr, als die Seilschaften losmarschieren und sich auf ein Gipfelerlebnis der Superlative freuen: Auf das sagenumwobene Vrenelisgärtli, von wo aus man das 2500 Höhenmeter tiefer liegende Zürich erblicken kann. Die Alpinisten freuen sich auch auf den Sonnenaufgang über dem gleissenden, ewigen Eis des Glärnischfirns. Aber von wegen ewiges Eis.

Mitten in der 1,6 Quadratkilometer grossen Eiswüste klafft ein schwarzer Fels empor. Der war im vorigen Jahr noch nicht da. Die Gletscherschmelze muss den Brocken freigelegt haben. Auch der Abstieg auf den Schwandenergrat ist anders als im Vorjahr. Auch da ist der Firn weggeschmolzen.

Alleine im vergangenen Jahr ist der 2,5 Kilometer lange Glärnischfirn wieder um 12,6 Meter zurückgegangen. Und das ist noch wenig im Vergleich zu anderen Eispanzern. Einzelnen Eiskolossen kann man regelrecht zusehen, wie sie dahinschmelzen. 100 Meter Eis verlor 2009 der Gauligletscher BE, 151 Meter der Trientgletscher VS, 500 Meter gar der Riedgletscher VS. Dies belegen Messungen der ETH. Von 88 kontrollierten Gletscherzungen sind 2009 deren 81 rückläufig und 5 stationär. Nur 2 legen zu: Um 40 Zentimeter der Surettagletscher (Gemeinde Sufers GR), um 1,4 Meter der Tiatschagletscher (Gemeinde Lavin GR).

Die Schweizer Gletscher haben alleine in den letzten zehn Jahren 12 Prozent ihres Volumens verloren – insgesamt neun Kubikkilometer. Eine Masse, mit der man den Hallwilersee vierzigmal füllen könnte. Würde man die neun Kubikkilometer über die Schweiz legen, so ergäbe dies eine Eisdicke von 21,8 Zentimetern.

Das Ende der Gletscher ist ein Anfang mit vielen Folgen. Es wird vermehrt zu Gerölllawinen kommen, die von auftauenden Felsflanken herabstürzen. Es bilden sich vermehrt Gletscherseen, die durchbrechen und als Flutwellen zu Tal donnern. In manchen Alpen- Regionen könnte das Trinkwasser knapp werden. Durch das Abschmelzen der Gletscher werden zudem Umweltgifte frei, die über Jahrzehnte im Eis eingeschlossen waren. Das Verschwinden der Gletscher hat auch auf das Ökosystem Auswirkungen. Wenn Schmelzwasser fehlt, führen Gletscherbäche kaum Wasser mehr. Die Wasserstände verschiedener Seen werden sinken, die Uferzonen ausgeweitet. Dort lebende Tiere und Pflanzen haben dann keine Überlebenschance mehr.

Konsequenzen hat der Gletscherschwund auch für verschiedene SAC-Hütten. Damit man überhaupt noch zur Triefthütte gelangt, musste 100 Meter über dem Abgrund neu eine 140 Meter lange Hängebrücke installiert werden. «Auch der Zustieg zur Oberaletschhütte musste neu angelegt werden,» sagt Christian Frischknecht vom SAC. «Und bei der Konkordia-Hütte müssen Jahr für Jahr die Leitern verlängert werden.»

Ein Ende des Gletscherschwundes ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: «Die Eismassen schrumpfen immer schneller», sagt ETH-Glaziologe Martin Lüthi. Nicht nur in der Schweiz und der übrigen Alpenregion. Auch in Grönland. Die Insel steht mittlerweile auf dünnem Eis. Grosse Gletscher halten dort das Inlandeis fest. Dieses Bollwerk schmilzt und damit wird der Weg für den Abfluss der Eiskappe ins Meer frei.

So rutscht alleine der sieben Kilometer breite und 700 Meter dicke Hellheim-Gletscher 30 Meter pro Tag ins Meer ab. Das abgestossene Eis ist für immer verloren. Es zergeht im bis zu vier Grad «warmen» Meer. Mit verheerenden Folgen: Der Wasserspiegel steigt. Bereits lösten sich in Grönland Billionen Tonnen Eis in Wasser auf. Bereits ist der Meeresspiegel um vier Zentimeter angestiegen. Verschwinden die Gletscher dort ganz, würde das Meer gar um sieben Meter ansteigen.

«Die Prophezeiung, dass in vierzig Jahren zwei Drittel der Schweizer Gletscher verschwunden sind, ist nicht unbegründet», warnt ETH-Forscher Martin Lüthi. «Den Aletschgletscher wird es wegen seiner Dicke von 700 Metern aber auch noch in 200 bis 300 Jahren geben.»

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