Herr Scaglione, diese Woche feierte Radio 105 Geburtstag - ohne Sie. Was ist das für ein Gefühl?
Kein gutes. Es schmerzt.

Wie liefen die Tage nach der Konkurseröffnung ab?
Man weiss zwar, dass in der Schweiz jedes Jahr rund 7'000 Firmen Konkurs gehen und dass es somit jeden treffen kann. Wenn man es aber selber erlebt, dann trifft das einen im Rückenmark. Als wir die Bilanz deponierten, ging ich davon aus, dass noch etwas Zeit vergeht. Wir wurden angerufen, und es hiess, in einer Stunde komme der Konkursverwalter. Wir mussten dann alle die Schlüssel abgeben und rauslaufen. Das kann man nicht in Worten beschreiben. Wir haben alle geweint.

Wenn Sie heute an einem Plakat von 105 vorbeilaufen – was empfinden sie dann?
Dann kommen all diese Gefühle wieder hoch. Es ist vor allem diese Brutalität, wie alle sofort raus müssen und die Türe für immer zugeht. Ein Schock.

Die Pleite hat sich abgezeichnet. Wann wurde der Konkurs unausweichlich?
Die Hoffnung auf eine Lösung war bis zum letzten Tag gross, weil wir im Gespräch mit Investoren waren. Lassen Sie mich ausholen: Im Jahr 2008 sind wir plötzlich mit zwei UKW-Konzessionen dagestanden, obwohl wir nur mit einer gerechnet hatten. Nach langem Hin und Her haben wir uns dafür entschieden, eine an Energy zu verkaufen, gekoppelt an den Verkauf der Werbung durch Energy.

Was war die Idee dahinter?
Die Überlegung war, dass das grösste Verlagshaus der Schweiz viel mehr machen könnte als wir selbst. Kommt hinzu, dass die Abtretung des Werbeverkaufs mit einer Minimumgarantie verbunden war. Wir kamen zum Schluss, dass uns diese Lösung Vorteile bringt. Gleichzeitig war das im Nachhinein der Auslöser für die Krise. Im Dezember 2012 lief dann der Vertrag aus.

Sie hatten es verpasst, ein eigenes Team aufzubauen.
Das konnten wir insofern nicht, als unser Vertrag mit Ringier eine Exklusivitätsklausel vorsah. Sponsoring und die Sonderwerbeformen haben wir immer selber gemacht, mit Ergebnissen über dem Branchenschnitt. In der Zeit, als Energy die klassische Werbung vermarktete, haben wir die Hörerzahlen und die Umsätze mit dem Sponsoring verdreifacht, nur in der klassischen Werbung passierte das Gegenteil. Dort verloren wir massiv Kunden. Über die Gründe welche zu dieser Entwicklung führten, möchte ich an dieser Stelle keine Spekulationen anstellen. Wir haben anfangs 2013 eine Klage gegen Energy eingereicht. Diese ist immer noch vor dem Zürcher Handelsgericht hängig. Deshalb möchte ich nicht weiter darauf eingehen.

Gemäss Schawinski flossen insgesamt 17 Millionen Franken von Energy an Radio 105.
Den Betrag kommentiere ich nicht. Es gab aber verschiedene Komponenten. Einerseits den Verkauf der Konzession. Mit diesem Betrag zahlten wir die Aufbaukosten aus der Kabelzeit zurück. Die Music First Network war daraufhin schuldenfrei. Der andere Teil war die Garantiezahlung für den Werbeverkauf.

2013 wurde zum Schicksalsjahr. Was passierte?
Im Dezember 2012 lief der Vermarktungsertrag aus. Damals waren auch noch die italienischen Partner an Bord, die versicherten, die Durststrecke zu überbrücken und eine Vermarktungscrew zu finanzieren. Im Mai 2013 teilten mir die Italiener überraschend mit, dass sie wegen der Wirtschaftskrise in Italien aussteigen müssen. Wir hatten nicht viel Zeit, und Daniel Hartmann anerbot sich, einzusteigen und die Italiener als Investor abzulösen.

Sechs Monate später war alles vorbei.
Im Sommer herrschte Aufbruchsstimmung. Im Dezember zog Hartmann überraschend die Finanzierungszusage zurück, ging aber mit mir auf Investorensuche. Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, aber es ist klar, dass so kurz vor Weihnachten nicht viel Zeit blieb. Anfang Januar mussten wir die Bilanz deponieren.

War der Gang auf UKW ein Fehler?
UKW ist für ein moderiertes Vollprogramm im Moment noch das Mass aller Dinge. Ich glaube nicht, dass UKW das Hauptproblem war. Am Ende des Tages hatten wir Erfolg. Wir wurden dreimal in Folge zum Radio Of The Year gekürt. Das Produkt kam an, es bewegte. Im Sponsoring und bei Sonderwerbeformen haben wir den Zuspruch der Kunden durchaus gesehen. Und selbst Konkurrenten wie Roger Schawinski und Dani Büchi attestierten uns öffentlich via Medien, in den letzten Jahren einen hervorragenden Job gemacht zu haben.

Mit der UKW-Konzession stiess 105 in wirtschaftlich andere Dimensionen vor.
Ja, auch weil der gesetzliche Leistungsauftrag hinzukam. Ein professionell moderiertes Vollprogramm mit redaktionellen Beiträgen, tagesaktuellen Inhalten News, Unterhaltungselementen und so weiter kann man nicht für «no money» betreiben. Deshalb lagen wir kostenmässig im Branchenschnitt zwischen 4 und 5 Millionen pro Jahr.

Sie versuchten, das UKW-Gebiet zu erweitern. Warum klappte es nicht?
Das hätte geklappt, noch dieses Jahr. Die Chancen waren intakt, wie es heute aussieht, weiss ich nicht.

Sie haben das Digitalradio DAB+ stark forciert und sogar Geräte verschenkt. Lohnte sich das?
DAB+ ist eine Investition in die Zukunft. Heute lohnt sich das noch nicht. Die Frage ist: Kann es sich ein Radio leisten, hier nicht dabei zu sein? Eine Zeitung kann sich auch nicht leisten, online nicht präsent zu sein, obwohl die Einnahmen einem Bruchteil der Print-Ausgabe entsprechen. Früher war es eine einfache Welt: Eine UKW-Antenne für alle. Heute müssen alle möglichen Vektoren bedient werden. DAB+ wird sich durchsetzen. DAB ist kein Substitut für UKW, auch IP-Radio ist das nicht. Es wird ein Nebeneinander sein.

Wird sich der DAB+-Ausstieg, den der neue 105-Besitzer Roger Schawinski durchzieht, rächen?
Ich gebe Herrn Schawinski keine Ratschläge. Ich selber hätte den Ausstieg nicht gemacht.

Roger Schawinski hat 105 nun übernommen. Sind Sie zufrieden?
Mich freut es in erster Linie für die Mitarbeiter, die hoffentlich weiterhin das tun können, was sie so lieben, nämlich Radio mit Herz und Leidenschaft. Fairerweise muss man aber sagen, dass es nur die Hälfte der Mitarbeiter ist. Die andere Hälfte ist bei Schawinski nicht untergekommen. Von daher habe ich gemischte Gefühle. Immerhin besteht das, was ich die letzten 18 Jahre erschaffen habe zumindest zu einem gewissen Teil weiter. Meine damalige Idee war somit gut genug und hat überlebt.

Schawinski hätte eigentlich auch schon Mitte 2013 den Sender haben können. Energy-Geschäftsführer Dani Büchi prägte deshalb den Begriff «Schnäppchenjäger».
Es stimmt schon, Schawinski hatte mehrfach die Gelegenheit, einzusteigen. Schnäppchenjäger hin oder her, das ist ein Fakt.

Waren die Tränen, die ihre Konkurrenz nach ihrem Konkurs vergossen hat, echt?
Ich glaube schon. Freuen sollte sich niemand über den Bankrott. Für die Branche war es sicher schlecht.

In der Abschiedssendung haben sie sich sehr enttäuscht über Teile der Konkurrenz geäussert.
Diese Sendung war emotional sehr hart. Da hat sich gezeigt, wie viele Hörer wir erreicht haben. Es stimmt schon: Es wird mit harten Bandagen gekämpft. Man gönnt sich in der Branche den morgigen Tag nicht. Würde man zusammenstehen, könnte man die Rahmenbedingungen für alle verbessern. Wir waren immer jene, die mit neuen Ideen und Vorstössen die Leute herausgefordert haben. Das hat vielleicht auch mal provoziert, aber hinter verschlossenen Türen habe ich aus der Branche viele Komplimente erhalten.

Die Übernahmeschlacht um 105 verlief äusserst heftig, der Begriff «Radiokrieg» machte die Runde. Es gab den Plan, 105 nur auf DAB+ und im Kabel weiter zu betreiben. Braucht ein Radio überhaupt noch UKW?
Ja. DAB+ und Kabel reichen heute für ein moderiertes Vollprogramm noch nicht, das ist wirtschaftlich nicht zu betreiben.

Weil Radio 105 ohne UKW nicht die magische 100‘000er-Grenze bei den Hörern erreichen würde?
Solange die Hörerforschung auf UKW ausgerichtet ist und man die anderen Vektoren nur ungenügend messen kann, braucht man für die Finanzierung eines moderierten Vollprogramms UKW als Verbreitungsweg.

Unverständlich erscheint ihre Lancierung des DAB+-Oldie-Senders BlueSky noch Ende letzten Jahres.
Das haben wir schon vorher entschieden, nämlich gleich nach dem Einstieg von Daniel Hartmann. Das zu stoppen, wäre komisch gewesen, zumal wir auch mit Investoren im Gespräch waren.

Ihre Kostenstruktur wurden ebenso kritisiert wie ihr eigener Lohn. Es ist die Rede von 18'000 Fr. monatlich, weiteren 4'500 Fr. für eine Wohnung, zwei Firmenautos. Ist das nicht ein bisschen viel für einen Sender vor dem Konkurs?
Ich frage mich, woher Sie diese Zahlen haben, denn sie sind absolut falsch. Grundsätzlich kommentiere ich keine Löhne in der Öffentlichkeit. Nur so viel: Wir haben für alle Mitarbeiter – meine Frau und ich eingeschlossen – branchenübliche und sogar gewerkschaftlich empfohlene Löhne bezahlt. Wie bei einer AG üblich, wurden die Löhne der GL-Mitglieder im Übrigen immer vom Verwaltungsrat festgelegt. Der Markt ist hart umkämpft, da muss man faire Löhne zahlen, denn gewisse Leute wurden fast täglich von der Konkurrenz angegangen. Ausserdem zahlt Schawinski die gleichen, zum Teil sogar die besseren Löhne als ich.

Auch die Mietkosten waren hoch und ihre Infrastruktur überdimensioniert. Gings nicht etwas kleiner?
Auch dies ist eine Unterstellung, die ich zurückweisen muss. Die durchschnittlichen Mietkosten der Radios in der Deutschschweiz sind gemäss einer Publicom-Studie grösser als unsere. Wir gingen nach Oerlikon, weil die Mietkosten im Stadtzentrum fast doppelt so hoch sind. Zudem kann man als Zürcher Jugendradio die Studios nicht im Aargau beziehen. Und von der Fläche her gibt es sowieso gesetzliche Vorschriften. Es ist ja auch kein Zufall, dass etwa Schawinski gleich viel Fläche hat, wie wir es hatten.

Womöglich ist der 105-Konkurs nur Vorbote einer gesellschaftlichen Entwicklung. Die «NZZ am Sonntag» ging in ein Zürcher Schulhaus und befragte Jugendliche nach ihrem Radiokonsum. Das Resultat war niederschmetternd.
Die Frage ist, was ist Radio? Für gewisse Leute ist etwas Dudel-Musik schon Radio. Dann wird es schwierig, dann wird man schnell durch Spotify ersetzt. Ich bin der Meinung, Radio sei mehr. Eine Markenwelt mit Events, Moderatoren, die etwas zu erzählen haben. Das ist schwierig zu ersetzen. Die Radionutzung hat auch nicht abgenommen. Bei Jungen nimmt sie sogar zu, weil Radioempfang heute omnipräsent ist.

Ist 105 nur das erste Opfer einer weiteren Konsolidierung in Zürich?
Das ist gut möglich, wobei es nicht nur Zürich betrifft. Die Tendenz, die sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat – dass die Grossen immer noch mehr haben – geht weiter.

Fühlten Sie sich von der Zürcher Politik unterstützt?
Nein, überhaupt nicht. Als wir Bankrott gingen, hat sich genau eine Person aus der Zürcher Politik bei mir gemeldet. Wir haben seit dem UKW-Start nie Rückenwind aus der Zürcher Politik gekriegt.

Was planen Sie für Ihre persönliche Zukunft?
Ich habe noch nichts entschieden und bin offen für Neues. Die Weichen sind noch nicht gestellt, es liegen viele verschiedene Anfragen und Projekte vor.

Sind Sie heute stolz auf das Erreichte?
Ja. Fast 18 Jahre haben wir 105 gegen alle Widerstände durchgesetzt, sorgten für viele Innnovationen und hatten damit Erfolg. Wie oft wurden wir vorher schon totgesagt. Ich kann mich erinnern, als wir 2004 keine UKW-Konzession kriegten. Ein Journalist rief an und fragte, wann Lichterlöschen sei. Wir haben so lange gekämpft, aber dieses Mal war der Widerstand zu gross. Es bricht einem das Herz, wenn man den Schlüssel abgeben muss, wenn man realisiert, dass nun endgültig alles aus ist. Das wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind.

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