Wenn Leserbriefe ein Seismograf sind für die Erschütterungen der Volksseele, dann haben wir in den vergangenen Wochen zwei erlebt. Eine hatte ihr Epizentrum in Zürich, die andere in Basel. Der Grund für die in den Zeitungsspalten manifestierte Empörung: Zwei Initiativen, durch die der Stellenwert des Dialektes im Kindergarten geregelt werden soll.

Die Abstimmung ist vorbei, das Thema aber ist noch längt nicht vom Tisch. Denn etwas hat sich in diesem emotional geführten Diskurs erneut zeigt: Es gibt nur wenige gesellschaftliche Bereiche, die die Volksseele derart in Wallung bringen können. Hunde gehören dazu – und die Sprache, genauer: die gesprochene Sprache.

Das spürte man hierzulande bereits vor fünf Jahren, als nach einer spielerischen Erhebung eine Rangliste der beliebtesten Schweizer Dialekte veröffentlicht wurde. Obenauf schwang das Berndeutsche, gefolgt vom Bündnerdeutschen, während die Ostschweizer Dialekte abgeschlagen mit den letzten Positionen bestraft wurden.

Kaum publiziert, kam die Reaktion. Das sei ein «unverschämter, frecher Angriff auf Regionen und Dialekte unseres Landes», empörte sich in der NZZ am Sonntag ein Leserbriefschreiber. Er wohnte am Bodensee.
Die Sprache steht unter Heimatschutz. Mit ihr darf weder gespielt noch darf an ihr herumgedoktert werden.

Dieses Gefühl des Unantastbaren sitzt tief im Volk. Ein weiterer Beweis liefert Graubünden, wo seit 1982 die Standardsprache Rumantsch Grischun als Klammer für die fünf Idiome angeboten wird. Das funktionierte einigermassen – allerdings nur so lange, wie Rumantsch Grischun lediglich für offizielle Verlautbarungen oder die Beschriftung der Banknoten verwendet wurde. Seit Rumantsch Grischun aber als Schulfach dekretiert worden ist, ist Feuer im Dach. Eine Petition soll die Behörde umstimmen. Auch dieses Beispiel zeigt: Sobald die Obrigkeit in die Niederungen der Alltagssprache steigt, weckt sie Unmut – in Graubünden wie Zürich, in Basel und anderswo.

Die Angst um den Verlust der Dialekte ist alt. Erste Befürchtungen wurden bereits im 19. Jahrhundert laut mit dem Aufkommen der Eisenbahn. Das hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch die stark gesteigerte Mobilität noch verstärkt und zu einem herrlichen Synonym für den befürchteten dialektalen Mischmasch geführt: «Bahnhofbüffet Olten». In der globalisierten Welt ist die Sprachverwendungsgrenze durch die Landesgrenze aufgehoben. Und weil alles fliesst, haben sich in diesem Fluss der Verunsicherungen auch Nischen aufgetan und zu eigenständigen Territorien entwickelt. Die letzten 60 Jahre Schweizer Kulturgeschichte sind denn auch wesentlich eine Kulturgeschichte des Dialektes.

Das nachhaltigste Zeichen eines sprachlich-kulturellen Neuanfangs setzte in den 1960er-Jahren Mani Matter (1936–1972) mit seinen Liedern in Berner Mundart. In Matters Schlepptau formierten sich die «Berner Troubadours». Der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti rief mit dem aufsehenerregenden Buch «Rosa loui, vierzg Gedicht ir Bärner Umgangssprach» 1967 die moderne Mundartbewegung ins Leben. Andere dichteten ihm nach. Ernst Burren (67) schliff seinen lyrischen Ausdruck im Solothurner Dialekt. Der begnadete Performer Pedro Lenz hat die Dialekt-Prosa veredelt und erhielt dafür geadelt: Sein «Dr Goalie bin ig» schaffte es 2010 auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis.

Marti & Co. traten noch in Berner Altstadtkellern auf. Nach und nach wurden die von Boutiquen verdrängt, und Dichter entwickelten sich zu Mundart-Rockern: Polo Hofer, Kuno Lauener, Büne Huber… – bis hin zu Gölä. Doch als dieser Überflieger sich auf Englisch versuchte, stürzte er ab. Sina rockte aus dem Wallis daher, Baschi aus dem Baselbiet. Musicals versprechen «Ewigi Liebi», Rapper räppen auf Dialekt; Slam-Dichter slämmen, Chatter tschätten, und das alles in Mundart; in der Werbung oder in Briefen unter Jugendlichen, auf Plakaten und in SMS kommt der Dialekt als «zweite Schriftsprache» empor, geschrieben ohne verbindliche Orthografie, weil es die im Dialekt schlicht nicht gibt.

Im Schweizer Dialekt herrscht eine kreative Willkür. Erlaubt ist, was verstanden wird. Daher sterben die Schweizer Dialekte nicht aus. Wörter verschwinden, weil Dinge verschwinden. Dialekte passen sich an und nähern sich hier und dort dem Bahnhofbüffet Olten. Wer Dialekt spricht, stolpert ab und an durch Falsches, lehnt sich gelegentlich an der hochdeutschen Syntax an, weil ihm zum Beispiel Nachrichtensprecher das so vorquasseln oder Vorabendserien sprachbildend sind. Das nervt. Doch das Futur wird deshalb umgangssprachlich noch lange nicht zum Prinzip.

Und wem der Zustand des Dialektes dennoch der Schlaf raubt? Der kann zumindest statistisch etwas Ruhe finden beim schweizerischen Idiotikon (www.dialektwoerter.ch). Dort nämlich werden seit 1881 Dialektwörter erfasst und erklärt. 150000 Stichwörter sinds inzwischen. Nächstes Jahr erreichen die Linguisten auf ihrer Reise durchs Alphabet das Z. Bis sie allerdings bei der Zwetschgä angelangt sind, wird es noch einige Zeit dauern.

Und dann? Dann fängt ein neues Kapitel der Schweizer Dialektgeschichte an. Eine Million Nachträge liegen bereits zur weiteren Bearbeitung bereit. Der Dialektfreund nimmt das zur Kenntnis und fragt: So what?

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