Donnerstagabend, World Trade Center im Norden Zürichs. Das Konkursamt Zürich Oerlikon hat zur Studiobesichtigung des bankrotten Jugendsenders Radio 105 geladen. Bis 22 Uhr können Interessenten die Räume ansehen, bis Mitternacht müssen sie ihre Gebote abgegeben. In der Lobby des nahen Swissôtels arbeiten die potenziellen Käufer ihre Angebote aus. Nicht alle verfolgen dieselben Ziele.

Sechs Konzepte werden schlussendlich eingereicht. Eine Hörerinitiative will den Sender ebenso übernehmen wie Roger Schawinski. Auch das Team um den Fernsehsender joiz und Egon Blatter mit seinem DJ-Radio bieten mit. Ausserdem hat das Internetportal toasted.ch ein Konzept eingereicht, wie Redaktionsleiter Andrej Voina bestätigt.

Auch die ehemalige Konkurrenz von Radio 105 mischt mit. Mehrere hunderttausend Franken bietet der Ringier-Sender Energy, um die Konkursmasse zu übernehmen. Den Sender weiterzuführen hat Energy allerdings nicht im Sinn. Das wäre dem Inhaber von bereits zwei Konzessionen in Bern und Zürich rechtlich nicht erlaubt. Der Ringier-Kanal will die UKW-Konzession an das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) zurückgeben. Es wäre das definitive Aus von 105.

Dies bestätigen mehrere voneinander unabhängige Quellen. «Ich bin total perplex über das Vorgehen von Ringier», sagt Roger Schawinski. Es sei unethisch, für eine Konzession zu bieten, nur um einen Konkurrenten auszuschalten. Mit dem Verschwinden von Radio 105 könnte das programmlich ähnliche Energy Zürich seine Hörerzahl steigern und wohl erstmals den Marktführer Radio 24 übertrumpfen. Zudem würde der wirtschaftliche Druck verringert.

Noch 2009 rettete sich Energy Zürich, indem der Sender dem Radio-105-Gründer und Geschäftsführer Giuseppe Scaglione eine seiner zwei UKW-Konzessionen abkaufte. Energy Zürich hatte zuvor vom Uvek keine Konzession erhalten. Auch die Ringier-Medienkampagne gegen den Entscheid half nichts. Ringier-CEO Marc Walder bedankte sich damals bei Scaglione für den «mutigen und zukunftsgerichteten Entscheid».

Für Verwirrung sorgte diese Woche das Bakom mit widersprüchlichen Darstellungen. Erst schrieb das Bundesamt, die UKW-Konzession werde getreu der Digitalradio-Strategie des Bundesrats eingezogen. Erst als sich Schawinski medienwirksam als möglicher Retter von Radio 105 präsentierte und für einige Stunden deren UKW-Frequenz kaperte, wechselte das Bakom die Strategie.

Nun will der Bund Hand bieten für den Weiterbetrieb eines Zürcher Jugendradios über UKW. Schawinskis Plan: 105 sendet das bisherige Programm weiter, nutzt Synergien mit dem gemäss Insidern nach wie vor defizitären Radio 1 und produziert auch in dessen Räumlichkeiten. Schawinski hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach den Kauf von Radio 105 geprüft, aber nie zugeschlagen.

Radio 105 musste am Dienstagabend nach siebzehn Jahren den Betrieb einstellen. Zuvor hatte der Sender monatelang Geld verbrannt. Teure Mieten und eine überdimensionierte Infrastruktur zehrten ebenso an der Substanz wie die Lancierung von neuen Projekten wie dem Oldie-Sender Blue Sky im November. Auch die Löhne, die der Sender seinen Mitarbeitenden bezahlte, waren im Branchenvergleich hoch. Daniel Hartmann, im August letzten Jahres als Retter präsentiert, zog angesichts der absehbaren Misere die Reissleine und stoppte seine Zahlungen vor Erreichen der zugesagten 2 Millionen Franken.

Nichts anbrennen lässt derweil Dani Büchi, Geschäftsführer von Energy. Bereits hätten erste ehemalige Mitarbeiter von 105 bei ihm unterschrieben, sagt er. Insidern zufolge soll Büchi rund zehn 105-Mitarbeitern einen Vertrag angeboten haben. Damit wolle Energy dem Radiosender auch personell den Todesstoss versetzen, vermutet Schawinski. Ex-105-Programmleiter Jan Müller ist derzeit auf der Suche nach neuen Arbeitsstellen für die Mitarbeiter. «Ich kann bestätigen, dass die meisten Programm-Mitarbeiter kurz nach Konkurserklärung ein Angebot von Energy erhalten haben», sagt er.

Bereits am Dienstag werden erste Weichen für die 105-Zukunft gestellt. Dann wird bekannt, welchem Konzept das Zürcher Konkursamt den Zuschlag erteilt. Unterlegene Interessenten haben dann fünf Tage Zeit, um ein nachgebessertes Angebot zu unterbreiten.

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