Stöhnend lässt sich die Pornodarstellerin von zwei Männern besteigen, lüstern wälzen sich ganze Gruppen im Paarungsritual: Unzensiert können sich Jugendliche solche und schärfere Szenen jederzeit im Internet und per Handy reinziehen. Gleichzeitig zeigt eine Studie der Arizona State University, dass junge Mädchen ihren ersten Geschlechtsverkehr um 30 Prozent häufiger ungeschützt erleben als gleichaltrige Jungs, die sich ja sonst stets risikoreicher verhalten.

Ist da eine Generation herangewachsen, die vor lauter «noch mehr, noch ausgefallener» das Wichtigste nicht mehr weiss? «Jugendliche sind tatsächlich von Informationen rund um Sexualität überflutet, so dass sie oft nicht mehr wissen, was wirklich wichtig ist», bestätigt Irène Dingeldein, Kinder- und Jugendgynäkologin am Inselspital Bern und mit eigener Praxis in Murten. Das Phänomen, dass sich junge Mädchen beim ersten Verkehr nicht schützen, kennt sie aus ihrer Praxis: «Und zwar passiert das oft dann, wenn das erste Mal mit einem Zufallsbekannten stattfindet – ausgerechnet dann also, wenn es besonders wichtig wäre.» Die Gynäkologin vermutet, dass die Mädchen nicht wagen, einem neuen Liebhaber gegenüber auf einem Kondom zu bestehen.

Umgekehrt meint Nicole Weller, die Autorin der amerikanischen Studie, dass junge Mädchen diesen Mut gegenüber ihrem festen Freund erst recht nicht aufbrächten, dass Beziehungsmuster plötzlich stärker wirkten als sexuelle Aufklärung. «Ich liebe meinen Freund, ich traue meinem Freund», lautet ihrer Meinung nach das Motiv junger Mädchen, wenn sie das Kondom weglassen.

Was immer der Grund ist, einig sind sich die Fachleute darin, dass das Selbstvertrauen junger Mädchen gestärkt werden muss. «Sie müssen lernen, Nein zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Und ich betone immer wieder, dass sie Kondome, Kondome und nochmals Kondome benutzen sollen», so Gynäkologin Dingeldein. Keine ihrer jungen Patientinnen verlässt die Praxis ohne Präservativ-Muster.

Dennoch wiegelt Dingeldein deutlich ab, wenn von einer übersexualisierten, aber unaufgeklärten Jugend gesprochen wird: «Insgesamt sind die Jugendlichen ziemlich gut aufgeklärt, sie wissen Bescheid über HIV und Verhütung und sind nur bei Detailfragen unsicher. Beispielsweise, ob die Pille auch während der Einnahmepause schützt.»

Diese Beobachtung bestätigt die Studie «Jugendsexualität im Wandel der Zeit» der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ): In einer Umfrage unter rund 1400 Jugendlichen zwischen 12 und 20 Jahren gaben immerhin 86 Prozent von ihnen an, sie hätten sich beim ersten Mal geschützt.
«Tatsächlich erlebe ich, dass Jugendliche ein ziemlich gutes Verhalten zeigen», versichert Lukas Geiser, Sexualpädagoge bei der Fachstelle für Sexualpädagogik Lust und Frust, die vom Schulgesundheitsdienst und von der Aidshilfe Zürich geführt wird.

«Sie sehen zwar viele Bilder und brauchen viele Antworten, das heisst, sie müssen dringend Ansprechpersonen haben, um all diese Eindrücke einordnen zu können.» Eine Verwirrung nimmt er jedoch eher aufseiten der Erwachsenen wahr: «Die Jungen gehen oftmals gelassener mit den Eindrücken um.» Und das Verhütungsverhalten hat sich laut Geiser in den letzten Jahren sogar eindeutig verbessert.

Die Zahlen aus der EKKJ-Studie bestätigen das. Allerdings nur für jene Jugendlichen, die ihren ersten Sex im Alter von 16, 17 Jahren hatten, also für den Durchschnitt. Jene, die bei ihren ersten sexuellen Erfahrungen jünger waren, nahmen den Schutz dagegen deutlich zu locker: Von den 14-Jährigen schützten sich noch 70 Prozent, bei den 13-Jährigen nur noch die Hälfte – wobei die Mädchen dieser Altersgruppe zu 80 Prozent daran dachten, während es nur gerade 30 Prozent der Jungs in den Sinn kam. Bei ihnen ist dringend Aufklärung angesagt.

Die gelingt laut Geiser am besten, wenn Männer, idealerweise Väter, mit ihnen über Sexualität reden. «Ich erlebe immer wieder, dass Knaben extrem froh sind, wenn sie mit einem männlichen Vorbild reden können», sagt er. Die Fragen sind heute oft noch dieselben, die dem Dr.-Sommer-Beratungsteam der Jugendzeitschrift «Bravo» schon vor 30 Jahren gestellt wurden. Die allerhäufigste ist laut Geiser: «Bin ich normal?»

Den grössten Handlungsbedarf sieht der Sexualpädagoge darin, dass Eltern mit ihren Kindern eine gute Sprache für die Sexualität finden und früh mit ihnen darüber sprechen, «solange sie noch auf die Eltern hören», also vor der Pubertät. Auch Gynäkologin Irène Dingeldein findet, dass sich Jugendliche nicht früh genug über Fragen wie die fruchtbaren Tage, die Pille danach und sexuell übertragbare Krankheiten informieren können. «Beispielsweise wissen längst nicht alle, dass auch Petting ohne Eindringen zu einer Schwangerschaft führen kann», sagt sie.

Alles in allem, darin sind sich Sexualpädagoge Geiser und Gynäkologin Dingeldein einig, können Eltern und Pädagogen beruhigt sein: Es ist nicht so, dass heutige Jugendliche vor lauter Übersexualisierung das Wichtigste über Verhütung nicht wissen. Sie vergessen es nur manchmal in der Hitze des Gefechts.

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