VON DENISE BATTAGLIA

Eine Maschine beatmet sie. Eine Magensonde ernährt sie. Eine Infusion führt ihr Medikamente zu. Eine Überwachungssonde löst Alarm aus, wenn die Herztöne unregelmässig werden und ein Inkubator hält sie warm. Ohne diese Apparaturen würde Anne nicht leben. Anne wurde nach 25 Schwangerschaftswochen im Universitätsspital Zürich auf die Welt geholt, sie wiegt nur 600 Gramm. Eine Schwangerschaft dauert im Normalfall 40 Wochen, ein Kind wiegt dann im Durchschnitt 3,5 Kilogramm.

Hans Ulrich Bucher, Direktor der Klinik für Neonatologie des Unispitals Zürich, erinnert sich noch gut an den Entscheid der Klinikleitung auch Kinder, die leichter als ein Kilogramm sind, zu beatmen. Das war 1982. «Vorher überliess man diese der Natur», sagt er.

Heute überlässt der Mensch immer weniger der Natur. Die medizinische Spitzentechnologie kann Kinder schon nach 23 Schwangerschaftswochen am Leben erhalten. Am Dienstag verkündete eine Klinik in Dortmund stolz, dass sie ein Baby nach fünfmonatiger Intensivbehandlung nach Hause entlassen konnte, das bei der Geburt gerade mal 280 Gramm wog. Es gehört zu den leichtesten überlebenden Frühchen weltweit. Die Technik hat die Natur überlistet.

Doch zu welchem Preis? «Die Folgen dieses medizinischen Machbarkeitswahns wurden lange Zeit ausgeblendet», sagt Bucher. Was zählte, war allein das Überleben. Mehrere Untersuchungen zeigen nun, dass ein grosser Teil dieser Frühchen oft schwere gesundheitliche Schäden ins Leben mitnehmen.

Eine Studie des amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development der Daten von 18 bis 22 Monate alten Kindern zugrunde liegen, die zwischen 1998 und 2003 in der 22. bis 25. Schwangerschaftswoche geboren wurden, gibt zu denken: Das Risiko eines mit 600 Gramm geborenen Kindes, sehr schwer behindert zu sein, beträgt 76 bis 85 Prozent.

Diese Kinder können zum Beispiel nicht gehen, sind blind oder taub und geistig behindert. Bei Kindern, die bei der Geburt 800 Gramm wiegen, reduziert sich das Risiko, sehr schwer behindert zu sein, etwas. Ein grosser Teil bleibt aber immer noch beeinträchtigt, braucht eine Sehhilfe, trägt ein Hörgerät und der IQ bewegt sich zwischen 55 und 70.

Einlinge und Mädchen haben nicht nur bessere Überlebenschancen, sie sind im Durchschnitt auch weniger stark beeinträchtigt als Mehrlinge und Buben. «Buben», sagt Bucher «sind labiler». Auch der IQ ist bei zu früh geborenen Buben im Durchschnitt tiefer als bei Mädchen.

Die High-Tech-Apparatur hat im Bereich der Geburtshilfe die Mediziner und die betroffenen Eltern in ein Dilemma manövriert. Sie kann zwar viel zu früh geborene Kinder am Leben erhalten, erzeugt aber Behinderungen. «Das ist die Kehrseite des medizinischen Fortschritts», sagt die Zürcher Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle. «Die Überlistung der Natur ist nicht immer ein Zugewinn an Freiheit. Auf der anderen Seite vergrössert sich oft die Abhängigkeit.»

Das Universitätsspital Zürich war das erste Schweizer Spital, das unter der Leitung von Ruth Baumann-Hölzle auf das Dilemma reagierte und vor 20 Jahren interdisziplinäre Gremien «des Nachdenkens und Entscheidens» schuf. In kritischen Patientensituationen nimmt das Behandlungsteam, das sich aus Ärzten und Pflegepersonal zusammensetzt, eine ethische Güterabwägung nach einem bestimmten Entscheidungsfindungsmodell vor und macht den Eltern danach Therapievorschläge. Dabei geht es oft auch um die Frage, ob eine intensivmedizinische Behandlung fortgesetzt oder abgebrochen wird.

Extrem Frühgeborene werden nicht um jeden Preis am Leben erhalten. Die Frage sei nicht, welchen Wert man einem Kind zumesse, erklärt Ruth Baumann-Hölzle. «Die Frage ist: Was muten wir dem Kind zu. Es geht darum, wie human wir dieses Dilemma bewältigen können.» Man dürfe ein Kind, nur weil die technischen Möglichkeiten vorhanden sind, nicht zum Leben zwingen. «Ein Kind soll auch sterben dürfen.» Das Zürcher Modell haben inzwischen andere Schweizer Spitäler übernommen.

Heute kommen in der Schweiz rund 6,5 Prozent der Kinder zu früh zur Welt. Auch spätere Frühgeborene (32. bis 37. Schwangerschaftswoche), haben es schwerer im Leben als termingeborene Kinder wie Studien aufzeigen. Viele sind jahrelang auf Physiotherapie und Logopädie angewiesen und haben in der Schule Mühe. Ein «erheblicher» Anteil leidet laut Bucher am Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom, was wohl damit zu tun habe, dass das Gehirn bei der Geburt noch nicht ausgereift sei.

Die Zunahme an Frühgeburten führt der Kinderarzt auf drei Faktoren zurück: das höhere Alter der Schwangeren, die künstliche Befruchtung und die verbesserte vorgeburtliche Diagnostik. Ältere Frauen seien tendenziell öfter mit Zwillingen schwanger. Auch bei der künstlichen Befruchtung werden meistens zwei Embryonen eingepflanzt.

Bei einer Mehrlingsschwangerschaft erhöht sich aber das Risiko einer Frühgeburt. Zeigt die Feindiagnostik zudem, dass sich ein Kind im Mutterleib nicht normal entwickelt, holt man es oft früher heraus. «Die Diagnosetechnik spielt eine grosse Rolle in der Zunahme der Frühgeburten», sagt Bucher. Die steigende Zahl an Frühchen sei vor allem auf die Spitzentechnologie zurückzuführen, angefangen bei der künstlichen Befruchtung bis zu den lebenserhaltenden Massnahmen bei Frühgeburten.

Während im einen Stock der Zürcher Klinik extreme Frühchen am Leben erhalten und schwere Behinderungen in Kauf genommen werden, werden einen Stock höher Schwangerschaften abgebrochen, weil die vorgeburtliche Diagnostik ergeben hat, dass das Kind – vielleicht nur leicht – behindert auf die Welt käme. «Dieser Widerspruch», sagt Ruth Baumann-Hölzle «ist nur schwer zu ertragen.»

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