Auch mit dem Neuen, Markus Lanz, ist «Wetten, dass ..?» nur schwer auszuhalten. Die Wetten schwanken zwischen skurril und doof und das Palavern der Gäste zwischen peinlich und langweilig. Das ändert sich schlagartig, wenn man die Samstagabendkiste nicht nur auf dem Fernseher verfolgt, sondern auch auf Twitter. Denn dort wird das Geschehen im Sekundentakt kommentiert. Mal analytisch («Spätestens in der zweiten Show, werden die Quoten in den Keller gehen»), mal witzig («Da blitzt doch gleich wieder das Höschen bei der Sylvie»), mal geistreich («Die Sendung ist wie das neue iPhone: etwas dünner und leichter und noch länger»).

Das Wort der Stunde bei den Fernsehmachern heisst «Social TV». Auch wenn man alleine oder in einer kleinen Gruppe auf der Couch sitzt, wird Fernsehen durch die Vernetzung zu einem Event. Bereits jeder Zweite zwischen 14 und 49 Jahren surft parallel zum Fernsehen im Internet, wie eine Umfrage bei 2000 Internet-Nutzern ergab. 67 Prozent dieser Gruppe beschäftigen sich mit dem Programm, 36 Prozent posten in sozialen Netzwerken, was sie gerade sehen.

Bei neuen internetfähigen Geräten lassen sich Tweets und Facebook-Posts zur Sendung direkt auf den Bildschirm einblenden. Weit häufiger jedoch nutzen vernetzte Fernsehzuschauer das Tablet oder Smartphone als «Second Screen», um dem Gezwitscher im Netz zu folgen. Es gibt dafür sogar spezielle Apps – etwa CouchFunk. Der Nutzer checkt hier bei einer Sendung ein und erhält alle Beiträge, die dazu in verschiedenen sozialen Netzwerken gepostet werden, gebündelt auf das Display.

Das Aufkommen von Facebook und Twitter sowie die rasante Verbreitung von Smartphones macht Fernsehen auch bei einer jungen Generation wieder zu einem attraktiven Medium. Zwar lassen sich die beliebten TV-Serien auch im Internet zeitversetzt (und ohne Werbung) anschauen. Doch wenn bereits auf Twitter und Facebook exzessiv über die neuste Episode diskutiert worden ist, macht das nur noch halb so viel Spass. Man will wieder live dabei sein. Die Macher der beliebten US-Serie «Grey’s Anatomy» geben dem einen zusätzlichen Anreiz, indem sie die Hauptdarsteller während der Ausstrahlung der Sendung twittern lassen.

Ein TV-Sender, der besonders stark auf Social Media setzt, ist der Schweizer Privatsender Joiz. Wenn etwa die Hip-Hop-Altmeister Blumentopf auf dem Sofa für ein Interview Platz nehmen, denkt sich der Moderator wie jeder Journalist ein paar Fragen aus, profitiert dann aber auch von den vielen Inputs des TV-Publikums. «Bis zu 18 000 Nachrichten von TV-Zuschauern erreichen uns pro Stunde», sagt Alexander Mazzara, CEO und Co-Gründer von Joiz. Auch per Skype werden Zuschauer zugeschaltet. Und welche Zugabe die Band spielt, wählt das Publikum auf der Website.

Auch das Schweizer Fernsehen setzt vermehrt auf Social TV. «Wir betrachten diesen Trend sehr genau und sehen insbesondere Chancen bei Programmen, die von unmittelbarer Publikumsbeteiligung profitieren», sagt Michael Cyriax, Leiter Multimedia Content Group bei SRF. So soll etwa im Januar 2013 die Sendung «The Voice of Switzerland» starten, bei der Viola Tami als Social-Media Moderatorin fungiert und die Voten der Zuschauer von Twitter und Facebook an Moderator Sven Epiney weitergeben.

Doch Social TV ist nicht nur für das Fernsehpublikum eine Bereicherung, sondern auch für die Werbe-Branche interessant. Wie das geht, demonstriert abermals Joiz. Zuschauer können auf der Website des Senders oder der Smartphone-App einchecken. Sobald in der oberen Ecke auf dem TV-Schirm während eines Werbespots der sogenannte «Red Button» erscheint, ist das eine Aufforderung für den Zuschauer, auf der Website oder in der App ebenfalls diesen roten Knopf zu drücken. Wer so verfährt, nimmt an Verlosungen teil oder gewinnt einen Gutschein für das beworbene Produkt. Da die TV-Zuschauer oft mit ihren Facebook-Profilen eingecheckt sind, erfahren die werbenden Firmen sehr genau, was für Menschen sich für ihre Produkte interessieren.

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Der alternde Star-Reporter und das «Monument der Richtigkeit»
Von Matthias Ackeret

Der promovierte Jurist ist Chefredaktor von «persönlich», Interviewer bei Teleblocher und publiziert seinen dritten Roman.
Was macht einen guten Roman aus? Der deutsche Schriftsteller Martin Walser sagte es im «Sonntag» so: «Ich schaue bei Büchern, die ich lesen soll, immer zuerst auf den letzten Satz. Wenn der unauffällig, fad, flach ist, dann bin ich schon negativ beeindruckt.»

Der letzte Satz im neuen Roman «Elvis» von Matthias Ackeret (49), Chefredaktor des Kommunikationsmagazins «persönlich», lautet: «Es irritiert ihn, dass er seinen Herzschlag noch nicht spürt.» Dieser Satz ist gut. Fand auch Martin Walser. Denn der empfiehlt «Elvis» in einer Youtube-Rezension begeistert als «gnadenlos unterhaltend».

Dazu muss man wissen, dass Ackeret (aus dem Zürcher Weinland) und Walser (vom Bodensee) befreundet sind. Das mindert dessen Kompliment aber nicht. «Elvis» ist wirklich gut.

Der zitierte letzte Satz wird von Dr. Beat Pestalozzi ausgesprochen, einem Anwalt. Nun, Dr. Matthias Ackeret ist auch Jurist. Er persifliert sich in seiner Erzählung also selber. Diese spielt in der Journalistenszene und handelt von der schwierigen Freundschaft des biederen Dr. Pestalozzi mit dem schillernden Starreporter Marcel du Chèvre – und dessen Frau, die Dr. Pestalozzis Herz höher schlagen lässt. Du Chèvre ist gut aussehend, frankophil und logiert gern im «Dolder» und im «Ritz». Zumindest in seinen besten Jahren. Seine Kolumne «Auf eine Tasse Tee mit ...» krönte jahrzehntelang das nationale Boulevardblatt, bevor sie ins Internet wegbefördert wurde (es ist nicht die einzige Anspielung auf Ringier). Du Chèvres grosses Ziel ist es, das letzte Geheimnis von Elvis zu lüften.

Dr. Pestalozzi wird von du Chèvre als «Monument der Richtigkeit» gepriesen. (Nebenbei bemerkt: Dieses Attribut verlieh Martin Walser auch schon Christoph Blocher, der wöchentlich von Ackeret interviewt wird). Alles ziemlich bizarr – und doch: Das Buch sagt einiges aus über die neue Medienwelt, in der sich viele nicht mehr verstanden fühlen und alten Zeiten nachtrauern.Patrik Müller

Matthias Ackeret: Elvis (2012). Verlag Meier & Cie. Vorerst nur als E-Book erhältlich auf books.ch (100 S., Fr. 17.90).

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