VON MARTIN AMREIN

Depressive Verstimmungen, Müdigkeit, ein verspannter Nacken und Kopfschmerzen. Das sind typische Symptome des Eisenmangelsyndroms, wie es der Basler Internist Beat Schaub beschreibt. Gemäss verschiedenen Studien sollen in der Schweiz fast eine Million Menschen davon betroffen sein. Vor allem Frauen mit starken Monatsblutungen: Mit jeder Menstruation verlieren sie im Blut enthaltenes Eisen. Häufig ist ihr Eisenbedarf derart erhöht, dass er durch die Nahrungsaufnahme nicht gedeckt wird.

Vor fünf Jahren hat Schaub in Binningen das erste ärztliche Eisenzentrum gegründet, wo er und seine Kollegen dem Problem mit Eiseninfusionen zu Leibe rücken. Mit grossem Erfolg: Viele Patientinnen fühlen sich nach der rund 1000 Franken teuren Behandlung deutlich besser. Betroffene sprechen von «zurückgekehrter Lebensfreude» und «neu gewonnener Energie».

Seither boomen die spezialisierten Praxen. «Unser Netzwerk umfasst bald 80 Eisenzentren in mehreren Ländern», berichtet Schaub. Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland, Österreich, der Türkei, Russland und Südafrika sind sie zu finden.

Doch das Vorgehen der Eisenzentren ist umstritten. Denn unter Experten herrscht keineswegs Einigkeit darüber, wo der Eisenmangel überhaupt anfängt. Zudem sind die entsprechenden Symptome sehr unspezifisch. Über die Eisenvorräte im Körper gibt das Eisen bindende Protein Ferritin Auskunft. Je nach Labor gelten dafür andere Normwerte: Im Kanton Baselland geht man bei einem Ferritinwert von unter 30 Mikrogramm pro Liter Blutserum von einem Eisenmangel aus, in Zürich erst ab einem Wert von unter 10. Für Schaub sind diese Grenzwerte zu tief angesetzt: «Wer verdächtige Symptome zeigt und einen Ferritinwert von unter 50 hat, wird bei uns behandelt», sagt er. Je höher der Normwert, desto mehr Personen werden als eisenbedürftig eingestuft.

Zudem ist der Ferritinwert ein unzuverlässiger Indikator dafür, ob der Eisenspeicher einer Person tatsächlich leer ist. Es gibt Frauen mit hohen Werten, die über die klassischen Symptome klagen, und solche, die sich trotz wenig Ferritin völlig gesund fühlen.

«In vielen Fällen ist eine intravenöse Eisengabe gar nicht notwendig», sagt Pierre Krayenbühl vom Zürcher Universitätsspital. «Die Patientinnen lassen sich gut auch mit Eisentabletten behandeln.» Die sind viel günstiger und ihr positiver Effekt ist wissenschaftlich erwiesen. Ganz anders bei den Infusionen: Noch immer fehlen Studien, welche die Wirksamkeit der intravenösen Behandlung bei Personen mit Eisenmangelsyndrom beweisen. Gerade Spritzen und Infusionen haben bekanntermassen eine grosse Placebowirkung.

Ist der Effekt des Eisens, das langsam in die Vene tröpfelt, etwa bloss Einbildung? Genau dieser Frage geht Krayenbühl derzeit nach. In einer Doppelblindstudie hat er untersucht, ob bei müden Frauen mit knappem Eisenspeicher eine Eiseninfusion tatsächlich bessere Resultate zeigt als eine Salzlösung ohne Wirkstoffe. Die Resultate wird Krayenbühl im Spätherbst präsentieren.

Unterdessen geht der Triumphzug der Infusionen weiter. Längst sind sie nicht mehr nur in den Eisenzentren anzutreffen. 65 Prozent der Hausärzte haben gemäss einer Umfrage der Firma Vifor Pharma bereits ein intravenöses Eisenprodukt eingesetzt.

Der Trend, den Eiseninfusionspionier Beat Schaub angestossen hat, ist selbst ihm nicht mehr ganz geheuer: «Das Problem ist, dass jeder Arzt Eisen spritzen kann, jedoch weder die Hersteller der Präparate noch die Lehrbücher eine genaue Dosis vorschreiben», sagt er. Das hoch dosierte Ferinject, mit dem Vifor Pharma zurzeit den Markt erobern will, sei ungeeignet für Patientinnen im Frühstadium des Eisenmangelsyndroms. In jener Phase also, in welcher der Eisenmangel noch nicht zu einer Blutarmut geführt hat. Viel eher sei dann eine sanfte Aufsättigung mit kleineren Einzeldosen anzustreben. «Durch die Verabreichung von Hochdosen steigen die Ferritinwerte nicht selten vorübergehend bis 1000 Mikrogramm pro Liter Blutserum an», sagt Schaub. «Ob solche Peaks in wiederholten Fällen langfristig ungefährlich sind, vermag heute noch niemand zu sagen.»

Überhaupt gilt: Eine Eisenkur ist normalerweise gar nicht nötig. «Wer ausgewogen isst, nimmt genügend Eisen auf», sagt Krayenbühl. Das Spurenelement ist in Fleisch und Fisch enthalten, wobei auch Vegetarier nicht zu kurz kommen: Viele pflanzliche Produkte liefern Eisen – allen voran Hülsenfrüchte und Vollkorngetreide.

Ist der Eisenverlust jedoch stark, wie es bei menstruierenden Frauen vorkommen kann, rät Krayenbühl zu Eisentabletten. Deren Sicherheit ist erprobt. Erst wenn diese nicht einschlagen, sei eine intravenöse Gabe sinnvoll. Dass viele Ärzte gleich mit der Infusion beginnen – häufig auf Druck der Patienten –, findet er bedenklich. Schliesslich bleibt vorerst unklar, ob die teure Behandlung überhaupt wirkt oder nicht. Zurückhaltung sei angebracht, bis Gewissheit herrsche. Diese wird Krayenbühls Studie hoffentlich liefern.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!