Vor fünf Jahren begann der Kampf gegen das Vergessen: Dann führten die ersten Schweizer Fernseh-Anbieter die automatische Archiv-Funktion ein. Sowohl UPC als auch die Swisscom oder Sunrise bieten heute unter verschiedenen Namen wie Catchup, Comeback oder Replay das Archiv des gesamten Fernsehprogramms der letzten sieben Tage an. Tausende von Sendungen stehen so den Kunden zur Verfügung, ohne dass sie Aufnahmen programmieren müssten.

Nun drohen der Archiv-Funktion ddrastische Einschnitte. Die privaten Fernsehsender wollen ihr an den Kragen. Das Catchup-TV sehen sie als ernste Bedrohung. Rechtlich geregelt ist die Funktion im sogenannten «gemeinsamen Tarif 12» (GT 12) der Verwertungsgesellschaft Suissimage. Der Tarif gilt noch bis Ende Jahr. Zurzeit wird über die künftige Ausgestaltung verhandelt. Die Sender machen klar: Kommt ihnen die Branche nicht entgegen, beschreiten sie den Rechtsweg. «Die Schweiz ist das einzige Land, in welchem Catchup ohne Zustimmung der Sender umgesetzt wurde und in dem es alle Sender im Archiv gibt», sagt Dominik Kaiser, Senderchef der 3+-Gruppe. Er fordert: Entweder sollen die Netzbetreiber in Zukunft Verträge mit den Sendern abschliessen müssen und sich die Rechte «wie international üblich» zu Marktpreisen einkaufen – oder das Überspulen von Werbung soll im GT-12-Tarif verboten werden.

«Ansonsten werden die Schweizer Privatsender in kurzer Zeit nicht mehr in der Lage sein, Programme zu produzieren oder einzukaufen», sagt Kaiser. Ähnlich tönt es beim deutschen Fernsehkonzern Pro7Sat1: Man sei an den Verhandlungen beteiligt und wolle den Tarif «senderfreundlicher gestalten», sagt eine Sprecherin. Bei der RTL-Gruppe heisst es, man wolle in den Verhandlungen «insbesondere die Interessen unserer Werbekunden einbringen, um unsere Programme auch weiterhin in der Schweiz zur Verfügung stellen zu können». Auch die SRG schliesst sich der Forderung an: «Die Recorderdienste tangieren die Refinanzierung», sagt Sprecher Simon Denoth. Man wolle das Catchup-TV nicht verbieten, aber den Tarif «fair ausgestalten», um die Einnahmenausfälle zu kompensieren.

Heute sei der Tarif deutlich zugunsten der Netzbetreiber wie Swisscom oder UPC ausgestaltet, sagt Roger Elsener, Geschäftsführer TV bei den AZ Medien, zu denen auch die «Schweiz am Sonntag» gehört. Er sitzt für die privaten Sender am Verhandlungstisch. Free-TV könne sich nur über Werbung finanzieren, sagt er. Das Catchup-TV mit der Vorspul-Funktion mache dieses Geschäftsmodell kaputt. Zwar erhalten die Sender eine Entschädigung: Swisscom, UPC und Co. bezahlen pro Monat und Nutzer des 7-Tage-Archivs Fr. 1.50. Das sei aber viel zu wenig, um die entstandenen Ausfälle zu kompensieren, sagt Elsener. Werde der Tarif nicht erhöht oder das Überspulen der Werbung technisch verhindert, dann wolle man juristisch klären lassen, ob es sich bei der Funktion um Privatkopien handle.

Das Kalkül: Wird Catchup nicht als Privatkopie eingestuft, weil die Aufnahmen auf den Servern der Netzbetreiber liegen und nicht bei den Nutzern selbst, handelt es sich nicht um ein Recht, das wie heute kollektiv wahrgenommen werden muss. Dann könnte der gemeinsame Tarif aufgekündigt werden und Swisscom und Co. müssten mit jedem Sender einen Vertrag abschliessen.

Kommt der Zwangs-Werbeblock?
Derzeit finden etwa 15 Prozent der Fernsehnutzung zeitversetzt statt. Etwa jeder zweite Werbeblock wird überspult. Die ignorierte Werbung entsprach 2014 umgerechnet einem Wert von über 50 Millionen Franken im Jahr, mittlerweile dürfte der Wert bereits höher sein, denn die Catchup-Nutzung wird immer beliebter. Für die Sender ist das ein Problem: Sie geben den Werbeauftraggebern Leistungsgarantien ab. Wird die versprochene Anzahl an Fernsehkunden nicht erreicht, müssen die Sender die betroffenen Werbespots wiederholt ausstrahlen, bis die Leistungsgarantien erreicht sind. Das füllt Werbeblöcke, die anderweitig hätten verkauft werden können – oder macht sie länger, was wiederum für die Publikumsgunst schlecht ist.

Swisscom und UPC wollen zu den Verhandlungen keine Auskunft geben. Der Zwist wirft aber bereits erste Schatten: Die Winterthurer Firma Init7 etwa lanciert ein eigenes Fernsehangebot. Auch init7 bietet die Catchup-Funktion an – allerdings nur in der 30-Stunden-Version. Denn diese dürfte auch die bevorstehenden Verhandlungen überstehen. «Ich will nicht in teure Infrastruktur fürs 7-Tage-Archiv investieren, wenn diese Möglichkeit in den laufenden Verhandlungen abgeschafft werden könnte», sagt Geschäftsführer Fredy Künzler. Er will nun für seine Firma ebenfalls an den Verhandlungen um den neuen Tarif teilnehmen. Dass sich die Privatsender gegen die Archivfunktion aussprechen, sei klar. «Am Schluss», sagt Künzler, «schauen alle Beteiligten, dass es für sie stimmt.» Ob der Branche gedient wäre, wenn der Dienst verboten wird, darf in Zeiten von Netflix und Co. allerdings bezweifelt werden. Die Konkurrenz ist nur einen Klick entfernt.

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