VON CLAUDIA MARINKA

Klinik Artemedic, Olten SO: Heidi V.* begrüsst die Besucherin mit einem kräftigen Handschlag. Sie ist eine gut aussehende Frau mit einem selbstbewussten Auftreten. Doch trotz ihres attraktiven Aussehens hadert sie seit Jahren mit ihrem Äusseren. «Ich habe seit langem Tränensäcke, schon als junge Frau. Sie lassen mich müde und verstimmt aussehen, es fallen entsprechende Sprüche.

Das belastet mich sehr», sagt sie. Heidi probiert etliche «Wundermittel» aus: teure Cremes, Salben und aufwändige Masken. Doch nichts hilft ihr. Sie lebt widerwillig mit Tränensäcken und ersten Anzeichen von Schlupflidern. Sie gerät in eine persönliche Krise. Dann fasst sie einen folgenschweren Entschluss: Sie will sich unters Messer legen, «sich endlich von allem befreien». Heidi begründet diesen Schritt wie folgt: «Mein Äusseres passt nicht mehr zu meinem Innenleben. Ich fühle mich vital und will auch so aussehen.»

Diesen Entschluss hat sie bereits vor zwei Jahren gefasst: Sie begann, sich über einen chirurgischen Eingriff zu informieren. Ein Spiessrutenlauf. «Im Internet tummeln sich viele unseriöse Anbieter. Als Laie ist es schwer, die guten von den schlechten zu unterscheiden», sagt sie. Darum liess sie sich Zeit. Es sollte kein Schnellschuss werden. Schliesslich wurde sie fündig. Bereits ein halbes Jahr vor der Operation fand der erste Kontakt mit ihrem Chirurgen Sascha Dunst statt. «Mir waren eine seriöse Abklärung und das Gespräch sehr wichtig.

Nie hätte ich einen solchen Eingriff nach einer Laune beschlossen», sagt sie. Zwischendurch hegte sie immer wieder Zweifel. Doch dann sagte sie sich: «Täglich gehen wir ins Fitnessstudio, warum ist es da verwerflich, sich im Gesicht etwas zu verschönern?» Und sie ergänzt: «Es ist traurig, dass es immer noch so viele Menschen gibt, die eine negative Einstellung zu einer Schönheitsoperation haben und diejenigen, welche diesen Schritt wagen, stigmatisieren oder gar diffamieren.»

Wichtig ist ihr auch eines: «Ich will keine künstliche Fassade, sondern meine natürlichen Gesichtszüge behalten.» Ein Wunsch, den viele Patienten äussern. «Niemand will operiert aussehen, man will sich bleiben, einfach erholt aussehen», sagt Sascha Dunst, Facharzt für Plastische Chirurgie an der Klinik Artemedic. Er erklärt die Operation von Gesicht und Halsansatz bei Heidi V.: «Das Gewebe wird bei dieser Operation an den Wangenknochen leicht nach oben gehoben und die Fäden nach hinten gezogen.

Statt also waagrecht nach hinten wird die Haut leicht nach oben gestrafft.» Kostenpunkt für diesen Eingriff: 11 000 bis 20 000 Franken. Die Verschönerung hält zwischen 5 und 15 Jahre – je nach Lebensstil. Denn eines vorweg: Ein schädlicher Lebenswandel mindert das Aussehen auch nach einer Schönheitsoperation.

Eine Stunde vor der Operation spricht «Der Sonntag» mit Heidi. «Ich bin sehr aufgeregt», sagt sie. Sie bezeichnet es als «Moment der Wahrheit». Heute betrachte sie ein letztes Mal ihr altes Gesicht. Sie hat nur noch einen Wunsch: «Ich möchte mein jugendliches Wesen in meinem Gesicht widerspiegelt sehen.» Auf die Frage, ob sie Mühe mit dem Alter habe, antwortet sie: «Überhaupt nicht. Ich möchte den Alterungsprozess einfach hinauszögern. Falten ja, aber bitte später.» Ihre ganz persönliche Psychohygiene, wie sie unumwunden betont.

Der Tag nach der Operation: Heidi fühlt sich müde, erschlagen und noch ein wenig unsicher auf den Beinen. Eine Entzündung am linken Auge macht ihr zu schaffen. Die Hilflosigkeit habe sie aber viel schlimmer empfunden. «Nach der Operation ist man gänzlich auf fremde Hilfe angewiesen.» Das Menü: Suppe und Breikost. Ihr Gesicht sieht aus wie nach einem Boxkampf, darauf wurde sie zum Glück professionell vorbereitet. Auch, dass es wehtut, alles geschwollen ist.

Drei Wochen später sehen die Welt und Heidi schon anders aus. Zwar kann sie mit der Mimik noch nicht alles, was sie will, aber immerhin: Sie hat eine Mimik. «Eine Operation à la Hollywoodfiguren wäre für mich nie infrage gekommen», sagt sie.

Heidi hat Ferien eingegeben. Man soll denken, sie sei gut erholt aus dem Urlaub zurück. Eine neue Frisur und ein Stylingwechsel sollen vom genauen Hinschauen ablenken. Der Eingriff hat sich für Heidi mehr als gelohnt: «Wenn sich jemand an seinem Äusseren wirklich stark stört, dann sollte er etwas dagegen tun. Wenn dies nur mit einem chirurgischen Eingriff möglich ist, sollte man sich diesen Schritt sehr gut überlegen, abwägen und dann das tun, womit man glücklich wird. Denn darum gehts: glücklich zu werden und mit sich selbst zufrieden zu sein.»

*Name der Redaktion bekannt

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!