Diese Firma gibt es seit über 100 Jahren. Hier macht sich keiner die Hände schmutzig», sagt Mattheo Lüthi (Roland Koch) von der Kantonspolizei Thurgau zu seiner deutschen Kollegin Klara Blum (Eva Mattes) im neuen Bodensee-Tatort «Letzte Tage». Diese entgegnet: «Freund und Spitzel im Dienste der Pharma-Industrie oder Polizist. Auf welcher Seite stehen Sie, Lüthi?»

Der Gegensatz zwischen Deutschland und der Schweiz, verkörpert durch den Streit der beiden Kommissare, ist das Salz in der Suppe dieses neusten Konstanzer «Tatort». Dabei sind die Rollen klar verteilt: Hier der voreingenommene, verbohrte Schweizer Kommissar (Blum zu Lüthi: «Sie sind total borniert! Hören Sie! Borniert.»), der vertuscht und Beweisstücke unterschlägt. Da die hartnäckige, der Wahrheit verpflichtete deutsche Kommissarin, die sich nicht abschütteln lässt.

Dabei werden die Schweiz und ihre Institutionen in einem denkbar schlechten Licht dargestellt. Das Schweizer Pharma-Unternehmen Sanortis gerät in den Verdacht, den krebskranken Jochen Heigle, der die Firma erpresst hat, umgebracht zu haben.

Dabei wird im «Tatort» der Eindruck erweckt, dass Grossindustrie und Staat mit Nachrichtendienst und Polizei unter einer Decke stecken und sich gegenseitig schützen. Vor allem ist die Rolle des Schweizer Nachrichtendienstes sehr zwielichtig: Lüthis früherer Chef beim Nachrichtendienst, Andermatt, (gespielt vom Schweizer Robert Hunger-Bühler) steht der Firma mit Rat und Tat zur Verfügung und sichert sich, «bei besonders heiklen Fällen», immer noch die Dienste von Lüthi, seines ehemals «besten Mannes».

«Was machen Sie denn hier?», fragt die aufsässige Kommissarin den Agenten. «Ich bin als Berater hier», antwortet Andermatt, «wir beraten Firmen in speziellen Krisensituationen.» Es gäbe 80 Erpressungsversuche pro Jahr, die nicht aktenkundig sind und vom Nachrichtendienst «erledigt» würden.

«Das ist aus unserer Sicht ein nicht sehr realistisches Drehbuch», sagt Felix Endrich, der Kommunikationschef des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB), auf Anfrage, «in einem solchen Fall sind wir sicher nicht zuständig.» Der Nachrichtendienst sei ausschliesslich präventiv tätig, wenn «eine Gefahr für die innere oder äussere Sicherheit der Schweiz bestehen könnte». Also zur Abwehr von Terror, Spionage, Proliferation oder Gewaltextremismus. Was im Fall des neuen «Tatort» nicht der Fall ist. «Der ‹Tatort› entwirft ein falsches Bild des Schweizer Nachrichtendienstes», sagt Endrich und bedauert, dass die «Tatort»-Crew für diese Folge den Kontakt zum NDB nicht gesucht habe.

Der Bodensee-«Tatort» ist eine Produktion von ARD und SRF. Als minoritärer Co-Produzent ist das Schweizer Fernsehen aber nicht federführend. Auf das negative Schweizbild angesprochen, sagt Lilian Räber, Redaktionsleiterin Fernsehfilm und Fiktion bei SRF: «Wir hatten nicht den Anspruch, die Schweiz als Gesamtes darzustellen.» Bei der Entwicklung dieser «Tatort»-Folge habe «der Unterhaltungswert im Vordergrund gestanden». «Wir wollten keinen authentischen oder politischen Film machen. Abweichungen von der Realität zugunsten der dramaturgischen Zuspitzungen entsprechen dem, was auch in anderen Sonntagabend-Krimis zu sehen ist.»

Gemäss Räber basieren die im Film dargestellten Zusammenhänge zwischen Nachrichtendienst, Pharmaindustrie und der Polizei «auf den Recherchen des Autors beim Nachrichtendienst und wurden im Laufe des Entwicklungsprozesses der Geschichte fiktionalisiert und zugespitzt».

«Letzte Tage» ist die zweite Folge mit dem Schweizer Kommissar Matteo Lüthi (Roland Koch). Gemäss SRF sind die Reaktionen auf Roland Koch sowohl «auf Schweizer wie auf deutscher Seite sehr positiv». Matteo Lüthi werde «als aussergewöhnliche und spannende Figur» wahrgenommen.

Der erste «Tatort» mit Koch, «Nachkrapp», hat in der Schweiz 481 000 Zuschauer und einen Marktanteil von 26 Prozent erreicht. Das war eine Steigerung gegenüber dem ersten Bodensee-Tatort «Der Schmuggler» von 2012 mit Blum und Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser), der nur eine Quote von 22,6% und 467 000 Zuschauern erreichte.

Tatort: Letzte Tage. Sonntag, 23. Juni 2013, 20.05 Uhr, SRF 1

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