«Fake News»: Seit Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, ist dieses Wort in aller Munde. Die Verbreitung von Falschmeldungen in den sozialen Medien habe Trump zum Sieg verholfen, heisst es. Eine Lügengeschichte über eine lesbische Beziehung von Hillary Clinton mit ihrer Beraterin Huma Abedin wurde auf Facebook viel öfter weitergeleitet und kommentiert als seriöse Nachrichten der Zeitungen «New York Times» oder «Washington Post». In Mazedonien haben Jugendliche Tausende Dollar damit verdient, Fake-News zu generieren und in die Welt zu setzen.

Auch in der Schweiz gehen Falschmeldungen um. Diese Woche sorgte ein Screenshot eines Facebook-Eintrages von SVP-Nationalrat Andreas Glarner für Aufsehen. Darin verlinkt er einen Artikel der dubiosen Website politikstube.com. Dieser beschreibt, wie Flüchtlinge in Griechenland Einheimische angegriffen haben sollen. Oberhalb des Links lässt Glarner auf sechs Zeilen seine Wut raus: Die Grenzen müssen endlich dichtgemacht werden und ein Schiessbefehl gegen Flüchtlinge sei vielleicht auch nicht unangebracht.

Es geht nicht lange, bis der Eintrag auf allen Kanälen besprochen wird. Auf Facebook wird er mehrfach geteilt und kommentiert, auf Twitter wird gefordert, dass Glarner zurücktreten müsse. Auch Journalisten verbreiten den Screenshot. Einer schreibt: «Wie viel braucht es noch, bis ihm die SVP den Stecker zieht?» Dass der Glarner-Eintrag eine Fälschung ist, bemerken viele nicht oder erst Tage später.

Die «Schweiz am Sonntag» verfolgte die Falschmeldung zurück zu ihrem Ursprung und gelangt zum Facebook-Account einer gewissen Mia Pfister. Offenbar hat sie den Glarner-Screenshot in Umlauf gebracht. Am 18. November veröffentlichte sie ihn auf ihrer eigene Seite und empörte sich darüber. Kurz danach postete sie ihn auch auf der Facebook-Seite, die zu einer Refugees-Welcome-Demonstration aufruft. Von dort zieht der Eintrag seine Kreise.

Mehrere Indizien verraten Mia Pfister; das Schriftbild in Glarners Eintrag ist leicht verfälscht und die Sprach- und Sonderzeichenwahl passt nicht zu anderen Beiträgen von Glarner. Schnell wird klar, dass Mia Pfister ein erfundener Name ist. Ihr Profilbild ist geklaut, bei einer Rückwärtssuche taucht es auf verschiedenen Mode-Seiten als Symbolbild auf. Mehrere Facebook-Freunde von Mia Pfister geben auf Anfrage zu, sie nicht persönlich zu kennen. «Es ist mir extrem peinlich, aber ich kenne Mia Pfister nicht», sagt ein Facebook-Freund, der die Falschmeldung ebenfalls geteilt und kommentiert hat.

Der falsche Facebook-Post ist insgesamt gut gemacht. Optisch sieht der Eintrag echt aus. Auch der verlinkte Artikel von politikstube.com existiert tatsächlich. Nur handelt es sich bei der Meldung ebenfalls um Fake-News. Denn bei besagtem Ereignis in Griechenland haben nicht Flüchtlinge die Einheimischen angegriffen, sondern Neonazis eine Flüchtlingsunterkunft angezündet. Eine Falschmeldung verbreitet also eine Falschmeldung. Wer behält da noch den Überblick?

Glarner auf Facebook blockiert
Glarner ärgert sich, dass «solcher Unsinn» unter seinem Namen verbreitet wird. Er habe den Eintrag gar nicht schreiben können. «Ich bin seit zwei Wochen auf Facebook gesperrt. Ich kann mich zwar noch einloggen, aber keine Beiträge schreiben oder liken», sagt er auf Anfrage. Es sei bereits das fünfte Mal, dass er von Facebook gesperrt wurde, sagt er. Er vermutet, dass er Opfer einer koordinierten Attacke ist, bei der seine Gegner Einträge wieder und wieder bei Facebook als problematische Inhalte melden. Nach einer gewissen Anzahl Meldungen werde er dann von der Plattform blockiert.

Der Fall Glarner zeigt vieles auf; wie schnell Falschnachrichten auf den sozialen Medien verbreiten werden und wie wichtig es ist, dass man Quellen prüft, bevor man sie teilt. Er zeig auch, wie schwer sich Facebook damit tut, seine Nutzer vor Fake-News und vor Fake-Accounts zu schützen. In einem Zeitalter, in dem die sozialen Medien zu einer immer wichtigeren Informationsquelle werden, kann dies verheerend sein.

Facebook und Google haben das Problem erkannt und das Thema Falschmeldung zur Chefsache erklärt. Bei den Internetpionieren im Silicon Valley sei das Entsetzen gross gewesen, mit der Verbreitung von Fake-News «einem Faschisten ins Amt verholfen zu haben», zitiert der «Spiegel» einen führenden Google-Ingenieur. Ein Mittel dagegen hat aber auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg bisher nicht gefunden. Stattdessen schreibt er nachdenklich, es sei halt «kompliziert, die Wahrheit zu erkennen».

Bisher hat Facebook vor allem darauf gesetzt, dass die Nutzer Missbräuche melden. Dieses Instrument wird aber wiederum dazu missbraucht, politische Gegner anzuschwärzen. So wie im Fall Glarner. Seine Sperrung hatte gar eine gegenteilige Wirkung. Während andere Nutzer auf seiner Facebook-Seite über den falschen Schiessbefehl-Eintrag diskutierten, konnte Glarner nicht reagieren und die Sache aufklären. Auch das Konto von SP-Nationalrat Cédric Wermuth wurde schon gesperrt, weil er von Gegner angeschwärzt worden war.

Es braucht Faktenprüfer
Laut Zuckerberg prüft Facebook nun die Zusammenarbeit mit externen Faktencheckern. Im deutschsprachigen Raum etabliert hat sich der Verein Mimikama, der seit 2011 unter dem Motto «Zuerst denken dann klicken» Gerüchte überprüft, die im Internet kursieren. Auf einer Karte der Seite hoaxmap.org werden Falschmeldungen geografisch verortet. Obwohl sich die Website auf Österreich und Deutschland konzentriert, sind auch vier Richtigstellungen zur Schweiz eingetragen. In allen Fällen geht es um Flüchtlinge. Mit dem gefälschten Post von Andreas Glarner gibt es nun einen Fall mehr.Ironie der Geschichte: Glarner selbst hat auch schon Unwahrheiten verbreitet. Im Juni twitterte er, Rentner in Chiasso müssten aus einem Haus ausziehen, um Platz für 500 Asylbewerber zu schaffen. Es stellte sich als Falschmeldung heraus.

Mitarbeit: Pascal Ritter

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