Christian Mäder wollte im Webshop von Ex Libris ein Buch kaufen und erhielt ein paar zusammengeheftete Papierseiten. Er wollte den Originaltext eines Philosophen lesen, bekam per Post aber nur einen ausgedruckten Wikipedia-Artikel. 20 Franken 50 hatte er bezahlt für etwas, das er gratis im Internet hätte lesen können.

Wie konnte das passieren? Mäder ist einem Verlag auf den Leim gegangen, der unter dem Namen Life Journey fungiert und aus im Internet frei zur Verfügung stehenden Inhalten Profit schlägt. Über Online-Shops wie dem von Ex Libris oder Orell Füssli Thalia vertreibt er Ausdrucke von Artikeln der Internetenzyklopädie Wikipedia. Erst wenn jemand einen Artikel bestellt, wird er gedruckt und verschickt. «Print on demand» heisst das Angebot.

Life Journey ritzt dabei die Lizenzbestimmungen von Wikipedia. Dank freier Lizenz (Creative Commons) braucht es für die Weiternutzung oder Verbreitung von Wikipedia-Inhalten keine ausdrückliche Erlaubnis der Urheber. Das gilt auch für kommerzielle Zwecke. «Wichtig ist aber, dass die freie Lizenz korrekt angegeben wird», erklärt Patrick Kenel, Präsident und Sprecher von Wikimedia Schweiz. «Source Wikipedia» reicht nicht. Genau dieser Begriff steht aber als Autorenangabe im Webshop von Ex Libris. Bei manchen der Life-Journey-Titeln im Webshop erscheint diese Autorenzeile zudem nur, wenn man ihn anklickt, nicht aber, wenn das Produkt zusammen mit anderen nach einer Suchanfrage angezeigt wird. Schnell entschlossenen Kunden, die einen Artikel von der Übersicht direkt in den Warenkorb klicken, bleibt der Hinweis auf die Urheberschaft verborgen. Zu ihnen gehört Mäder.

Das Geschäft mit Wikipedia-Artikeln läuft gut. Im Ex-Libris-Webshop werden über 5000 Titel mit dem Autor «Source Wikipedia» angeboten auch solche des US-amerikanischen Print-on-demand-Verlags Books LLC. Er kam in die Schlagzeilen, weil er Wikipedia-Artikel über den Versand-Riesen Amazon verkauft. Auf Anfrage schrieb ein Sprecher des Verlages, in die Schweiz werde nicht geliefert. Über den Verlag Life Journey ist es weit schwieriger, etwas zu erfahren. Weder Ex Libris noch Orell Füssli Thalia können oder wollen Angaben zu dem Verlag machen. Einen Webauftritt scheint er nicht zu haben.

Ex Libris hat bereits Tausende von Wikipedia-Artikeln als On-demand-Produkt verkauft, bestätigt Pressesprecherin Marie-Christine Schindler auf Anfrage. Die Produkte seien korrekt deklariert. Bisher habe sich niemand beschwert. Ausser Mäder.

Er protestiert umso lauter. «Wikipedia-Artikel verkaufen? Dass ich nicht auf so eine Idee gekommen bin. Naja, mir fehlt es dazu halt an krimineller Energie», schrieb er auf dem Blogg «bonz.ch» und macht seinen Fall damit öffentlich. Mäder sandte die Broschüre zurück an Ex Libris. Dort wollte man ihm das Geld nicht zurückerstatten. Sein Rückgaberecht sei mit dem Aufreissen der Packung erloschen. Ex Libris bot ihm einen Gutschein à 10 Franken an und schickte ihm die Broschur wieder zu. Mäder kann es nicht fassen. «Ich habe ein Buch erwartet und habe das Heftchen, das ich erhielt, für einen Prospekt gehalten. Darum habe ich die Plastikverpackung aufgerissen», sagt er auf Anfrage.

Wenig Verständnis für Mäders Protest zeigt Ex-Libris-Sprecherin Schindler. Wer die Produktbeschreibung nicht lese und die Verpackung einer Lieferung aufreisse, könne nicht mit einer Rückerstattung des vollen Preises rechnen. Auch Orell Füssli Thalia verkauft über den Webshop Wikipedia-Artikel «on demand», hat aber seit einiger Zeit ein Auge auf die entsprechenden Verlage. «Das Problem ist uns bekannt», sagt Sprecher Alfredo Schilirò. Es gab schon Reklamationen. «Wir sind in dem Bereich gegenüber Kunden sehr kulant und nehmen beanstandete Bücher zurück.» Es gebe zudem Verlage, welche nicht einmal die Quelle Wikipedia angäben. «Wir beobachten Verlage, die Wikipedia-Inhalte verbreiten. Bei mangelnder Transparenz, was die Quellenangabe anbelangt, werden sie von der Lieferantenliste gestrichen», sagt Schilirò. Der Verlag Life Journey fällt bisher nicht darunter.

Ein Blick auf die Angebote von Life Journey in Schweizer Webshops zeigt: Sie kosten ähnlich viel wie herkömmliche Bücher. Manchmal sogar mehr. Für eine «Geschichte der Schweiz in der frühen Neuzeit» von Wikipedia verlangt Life Journey nach Rabatt von Ex Libris immer noch 35 Franken, mehr als zehn Franken mehr, als die «Geschichte der Schweiz» von Historiker Thomas Maissen kostet.

«Dass für ein Print-on-Demand-Produkt, bei welchem die Herstellungskosten minimal sind, Preise verlangt werden, die annähernd so hoch sind wie die Preise für klassische Bücher, ist nicht nachvollziehbar», sagt dazu Cécile Thomi von der Stiftung für Konsumentenschutz. «Offensichtlich können hier auf bequeme Art und Weise schöne Margen generiert werden.» In diesem Punkt sind sich Buchhändler und Konsumentenschützer einig. «Auch wir sind nicht immer vollumfänglich mit der Preisgestaltung der Verlage einverstanden», sagt Ex-Libris-Sprecherin Schindler.

Ein günstigere Alternative, Wikipedia-Inhalte als Bücher zu bestellen, ist das Unternehmen Pedia Press. Per Mausklick lassen sich Wiki-Einträge zu Büchern zusammenstellen. Die gebundenen Bücher sind billiger als die Life-Journey-Angebote, und 10 Prozent des Kaufpreises gehen zudem als Spende an Wikipedia.

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