Herr Impoco, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Anschlag in Paris erfuhren?
Jim Impoco: Was für ein Albtraum!

«Newsweek» hat die Mohammed-Karikaturen nach den Attacken online veröffentlicht. Was waren die Reaktionen?
Nun ja, unser Anwalt hat mich angeschrien (lacht). Aber das ist mir egal, ich bin froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Natürlich mussten wir Sicherheitsvorkehrungen treffen. Aber es war wichtig, die Bilder zu zeigen.

Wegen der Meinungsfreiheit?
Nein, weil es Nachrichten sind. Wegen dieser Bilder wurden Menschen erschossen, also haben wir sie publiziert. Wenn Menschen sterben, kann ich Leute, die sich wegen dieser Karikaturen beleidigt fühlen, nur schwer ernst nehmen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, die Meinungsfreiheit ist mein liebster Artikel in der amerikanischen Verfassung.

Sie selbst wurden schon oft wegen Artikeln der «Newsweek» bedroht. Wie gehen Sie damit um?
Es war ein schlechtes Jahr für Journalisten. Ich bin glücklicherweise wohlauf, andere Kollegen nicht. Wir leben in einer Zeit, in der Journalisten geköpft werden, als wäre es ein MTV-Video.

Wie sehr beeinflussen Morddrohungen Ihren Alltag?
Ich denke, es ist unwahrscheinlich, dass mir wirklich etwas zustossen wird. Aber wenn etwas passiert, kann ich nichts dagegen machen. Ich kann nicht zurücknehmen, was ich schon gesagt habe, oder mich selbst verleugnen. Das will ich auch nicht. Deswegen brauche ich aber keinen Personenschutz. Vielleicht täusche ich mich auch. Wahrscheinlich sollte ich eine bessere Lebensversicherung abschliessen.

Klingt nicht, als würden Sie schlaflose Nächte haben.
Doch, aber mehr wegen unserer Leute im Mittleren Osten und in Europa, als wegen mir.

Sie denken, in Europa ist es gefährlicher als in den USA?
Natürlich. Bei uns kommen Angriffe von radikalen islamistischen Einzeltätern selten vor. In Europa wird es zu weiteren Anschlägen kommen. Europa ist für Journalisten gefährlicher als die USA.

Damit können Sie aber nur einzelne Länder meinen.
Besonders in Frankreich und Grossbritannien leben viele Menschen, die in den Dschihad gingen und zurückgekehrt sind. Und die Grenzen innerhalb Europas sind offen. Das darf man nicht vergessen.

Verhalten sich die Schweizer Bundesräte naiv, wenn sie Nähe demonstrieren wollen und sich an Auftritten unters Volk mischen?
Nein, die Welt darf wegen eines Anschlages nicht ihre gesamte Freiheitspolitik über den Haufen werfen. Ihr solltet eure Offenheit bewahren, solange keine unmittelbare Gefahr besteht. Trotzdem ist die entscheidende Frage: Wie viel Freiheit darf in Zeiten der Bedrohung verloren gehen?

Die Amerikaner haben viele ihrer Freiheiten nach dem 11. September eingebüsst. Der Geheimdienst NSA hat weitgehende Überwachungsrechte erhalten. War das die richtige Entscheidung?
Schwierig zu sagen, ich bin kein politischer Philosoph.

Aber Sie wissen um die Stimmung, die nach einem Anschlag in einem Land herrscht.
Eines ist klar: Die europäischen Geheimdienste müssen besser werden. Ich weiss nicht, ob der Anschlag in Paris hätte verhindert werden können, aber mindestens einer der Attentäter war Mitglied von al-Kaida. Ausserdem wussten alle, dass der Chefredaktor von «Charlie Hebdo» auf der Abschussliste der Terroristen stand. Sollten diese Informationen nicht ausreichen, um einen Anschlag zu verhindern?

Die Stimmung in Europa scheint zu kippen. Dieselben Leute, die noch letztes Jahr Whistleblower Edward Snowden als Held feierten, fordern nun einen stärkeren Geheimdienst.
2014 war das Jahr von Edward Snowden. Alle schossen gegen den NSA. Das Pendel hat sich damals wohl zu stark in die eine Richtung bewegt. Nun schwingt es mit aller Kraft zurück.

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