Das Fernsehen wird intelligent. Seit einigen Wochen strahlt der grösste Schweizer Kabelnetz-Betreiber Cablecom Fernsehsender im Hybrid-Standard HbbTV aus. Zwölf digitale Sender kommen seit März mit zusätzlichen Multimedia-Inhalten, sagt Pressesprecher Marc Maurer. Darunter befinden sich jedoch Doppelzählungen wie Arte in Deutsch und Französisch.

Was technisch tönt, bedeutet in Wirklichkeit eine grosse Veränderung, denn mit HbbTV verschmilzt das klassisch gesendete Fernsehen mit Internet-Angeboten auf Abruf. Programme wie die ARD stellen ein umfangreiches Archiv mit Sendungen zur Verfügung. Signalisiert der Fernseher ein entsprechendes Angebot mit einer kleinen Einblendung, genügt ein Druck auf die rote Taste der Fernbedienung, um in das Startmenu zu gelangen. Reportagen auf Arte, Talkshows auf dem ZDF oder der letzte «Tatort» sind meist kurz nach – oder sogar schon während – der Ausstrahlung verfügbar. Voraussetzung sind Geräte mit Internet-Anschluss, wie sie seit ein bis zwei Jahren verkauft werden. Reine Textinhalte sind ohne Internet abrufbar.

Im internationalen Vergleich ist die Schweiz noch immer Hybrid-Entwicklungsland. Als bisher einziger Schweizer Sender hat das welsche Fernsehen TSR vor gut einer Woche einen Hybrid-Test gestartet. Als Nächstes plane man das Portal von SRF, sagt Martin Spycher, Projektleiter bei der SRG. «Ziel ist eine Einführung von HbbTV bis Ende Jahr.»

Die grossen Netzbetreiber in der Schweiz haben sich lange gegen die Zusatzangebote gewehrt. Kunden von Sunrise und Swisscom müssen noch immer darauf verzichten. Sunrise «prüft» derzeit den HbbTV-Standard, sagt ein Sprecher. Und bei der Swisscom heisst es, man stehe «in Kontakt» mit der SRG, um eine Übertragung zu ermöglichen.
Dem Preisüberwacher ist zu verdanken, dass die Cablecom diesen Schritt nun getan hat. Er hat den Kabelnetzbetreiber bei den letzten Preisverhandlungen dazu gedrängt. Damals verpflichtete sich die Cablecom schriftlich, die Signale der Sender weiterzuleiten.

Wie lange sich die Cablecom für die Umstellung Zeit lassen darf, steht nicht in der Vereinbarung. Noch filtert sie viele Zusatz-Signale raus. Alleine die ARD böte HbbTV für acht ihrer Verbundsender wie SWR oder NDR an. In Deutschland gebe es das im Kabel seit 2010, sagt ARD-Sprecherin Anna Engelke, die mit Erstaunen zur Kenntnis nimmt, das HbbTV in der Schweiz noch neu ist. Zwar rechne man damit, dass es einige Zeit dauere, bis alle Zuschauer die neuen Hybriddienste verwendeten. Die Nutzung steige aber an. «Besonders erfolgreich sind die Mediatheken.»

Doch noch wirbt die Cablecom nicht aktiv für die neuen Angebote. Sie verkauft ihren Kunden lieber das frisch lancierte Bezahl-Fernsehen «Horizon», das sich unter anderem mit Video-on-Demand anpreist. Bisher seien «knapp 40 000» solche Boxen verkauft worden, sagt Maurer.
Die Gratis-Dienste der Fernsehsender sind in Horizon jedoch nicht abrufbar, obwohl dies technisch möglich wäre. «Zu einem späteren Zeitpunkt» werde dies noch nachgeholt, verspricht Cablecom. Empfangen werden kann HbbTV derzeit nur im kostenlosen digitalen Grundangebot ohne Set-Top-Box.

Doch auch dort ist die Cablecom im Verzug. Eigentlich sollte sie seit Anfang Jahr Konverter anbieten, mit denen alte, analoge Fernseher fürs Digitalfernsehen fit gemacht werden können. So sieht es die Regelung vor, die der Kabelnetzbetreiber im Oktober mit dem Preisüberwacher abgeschlossen hat. Die «Böxli» seien aber erst ab Mitte April verfügbar, bestätigt Cablecom-Sprecher Maurer. Man habe keinen geeigneten Lieferanten gefunden. Bisher habe man den Kunden alte Set-Top-Boxen als Ersatz gegeben.

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