«Die alleinige Definitionsmacht über das, was Kabarett in der Schweiz zu sein hat, liegt bei einem einzigen TV-Sendegefäss», schrieb die Basler Kabarettistin Sibylle Birkenmeier in der letzten «Schweiz am Sonntag». Ohne seinen Namen zu nennen, warf sie Viktor Giacobbo vor, er verhindere bissige Politsatire. Sie stach damit in ein Wespennest und löste eine hitzige Diskussion um die politische Satire in der Schweiz aus.

«Gerade das Gegenteil ist der Fall», sagt dazu Frank Baumann, «Giacobbo gibt in seiner TV-Sendung ‹Giacobbo/Müller› Kollegen die Chance, sich zu präsentieren.» Auch mit seinem Casino in Winterthur biete er auch politischen Kabarettisten eine Plattform. Ohne Giacobbo stünde also die politische Satire noch schlechter da.

Der Werbefachmann, Satiriker und Leiter des Arosa-Humorfestivals räumt ein, dass Giacobbo mit seiner Fernsehpräsenz per se eine Art Monopol habe. «Der Markt spielt nicht, weil es gar keinen gibt», sagt Baumann. Das könne aber nicht Giacobbo angelastet werden.

«Das Problem», so Baumann, «ist, dass es immer weniger politische Satiriker gibt. Und politische Satiriker gibt es immer weniger, weil es kaum noch ein Publikum dafür gibt. Und kaum noch ein Publikum gibt es, weil die politische Satire die schwierigste Form der Satire überhaupt ist. Für den Künstler wie für das Publikum.» Als Zuschauer brauche es eine «gewisse Vorbildung» und persönliches Engagement, man müsse sich mit Politik intensiv beschäftigen, um überhaupt folgen zu können. Und man müsse sich darauf einlassen.

«Politisches Kabarett ist anstrengend», sagt Baumann, «und macht es dem Publikum nicht so einfach wie die Heerscharen von deutschen Comedians mit ihrem einfach gestrickten Schenkelklopfer-Humor.» Die Comedians hätten entscheidend dazu beigetragen, dass die Nachfrage nach politischer Satire in der Schweiz massiv zurückgegangen ist. Aber auch für die Ausführenden ist politisches Kabarett anspruchsvoll. «Nur ganz wenige haben das intellektuelle Potenzial und das politische Sensorium für die politische Satire.
Aber vielleicht ist das politische Kabarett, so wie es ein Franz Hohler verkörpert, auch einfach nicht mehr zeitgemäss. Marco Ratschiller, der Chefredaktor des «Nebelspalters» stellt fest, dass es immer weniger Vertreter des klassischen literarischen Politkabaretts gibt. Dafür blühen die Genres des Hip-Hops und der Poetry Slam. «Steff la Cheff und Greis, Gabriel Vetter und Simon Libsig führen auf ihre Art die politische Satire weiter», sagt Ratschiller.

Sie sind zwar nicht immer politisch, aber meist gesellschaftlich relevant. Nicht immer satirisch, aber immer auch unterhaltend. Junge Intellektuelle und Künstler mit politischen Anliegen suchen andere Kunstformen und Ausdrucksmittel. Pfiffig, bissig und manchmal böse – wie einst die politische Satire.

Ist das politische Kabarett also ein Auslaufmodell? «Hoffentlich nicht», sagt Baumann, «aber es steht und fällt mit der Qualität der Satiriker, die sich diesem Genre verschreiben. Und zur Not haben wir ja noch die Politik als solche; die dünkt mich oftmals auch schon recht satirisch.»

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