Von David Karasek aus Medellin

Ob in den USA oder in der Schweiz: Die Serie «Narcos» des Streaming-Dienstes Netflix ist ein Grosserfolg. Sie erzählt den Aufstieg und Fall von Pablo Escobar, der in den 1980er-Jahren der mächtigste Drogenhändler der Welt war. Das ist schön für Netflix, doch in Kolumbien, vor allem in Escobars Heimatstadt Medellin, leidet man an der Serie.

Deren Bilder sprechen für sich: Ein Kokain-Labor in den Regenwäldern Kolumbiens, in dem Koka-Blätter von Arbeitern zu Kokain verarbeitet werden. Schwangere Frauen, die als Body-Packer Kokain auf Linienflügen von Kolumbien in die USA transportieren. Pablo Escobar, der die Gewinne aus seinen Drogengeschäften auf Feldern vergraben lässt, weil sich diese Geldmengen nicht mehr waschen lassen. Ein voll besetztes Passagierflugzeug, das Escobar mittels unwissendem Selbstmordattentäter in die Luft jagt. Amerikanische DEA-Agenten, die Escobar nach Jahren der Verfolgung auf der Flucht in den Strassen Medellins erschiessen.

«Narcos» (was übersetzt Drogendealer bedeutet) zeichnet das Leben des Mannes nach, der als Erster im grossen Stil Kokain in die USA brachte und so zu einem der reichsten Männer der Welt wurde. Er und das von ihm angeführte Medellin-Kartell gingen dabei mit einer nicht gekannten Brutalität vor, jagten Flugzeuge in die Luft und setzten Kopfgelder auf die Ermordung von Polizisten aus. Bis zu Escobars Tötung durch die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA war die Stadt Medellin 15 Jahre lang vom Terror Escobars beherrscht.

In seinen Anfangsjahren gab er sich als Rächer der Armen, baute ihnen Häuser, versprach ihnen Schulen und Sportplätze. Sein Versuch, auch die Politik zu beherrschen, scheiterte, dies war der Anfang seines Abstiegs. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des amerikanischen DEA-Agenten Steve Murphy, der mit seinem kolumbianischen Kollegen auf Escobar angesetzt ist. Echte Video-Ausschnitte und Bilder von Escobar und seiner Familie, die immer wieder gezeigt werden, tragen dazu bei, der Serie einen Dokumentations-Charakter zu geben.

Die Stadt als Karikatur
Sergio Fajardo, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Medellin (2003–2007) und Anwärter auf das Präsidentenamt Kolumbiens, missfällt die neuerliche Popularität, die Medellin zuteilwird. Er fürchtet, das Image der heutigen Metropole könnte unter der Serie leiden, weil wieder die Drogenkartell-Vergangenheit im Mittelpunkt der Berichterstattung läge.

Er nennt «Narcos» eine «Light-Version einer viel komplexeren Realität», in der Kolumbien 15 Jahre lang unter dem Terror, den Escobar verbreitet habe, gelitten habe. Es sei vonseiten der Politik viel getan worden, um Medellin zu rehabilitieren – und jetzt würden alle Mühen durch die Serie zunichtegemacht. Fajardo beklagt, die Serie rücke die amerikanische Antidrogenbehörde DEA ins Rampenlicht und lasse Kolumbien als unfähigen Staat erscheinen – «Narcos» sei «ein Thriller mit amerikanischen Helden, der eine Karikatur Kolumbiens» zeichne.

Der Drogenproduzent Nummer 1
Im Gespräch lässt Fajardo unerwähnt, dass Kolumbien heute der grösste Kokain-Produzent der Welt ist – noch vor Peru und Bolivien. Auch die Datenlage über die Kokainproduktion spricht nicht für ein Land, in dem Drogengeschäfte keine Rolle mehr spielen. In den letzten drei Jahren haben sich die Koka-Anbauflächen in Kolumbien verdoppelt, im vergangenen Jahr wurden dort 646 Tonnen Kokain produziert. In diesem Jahr wurde bereits jetzt so viel Kokain beschlagnahmt wie nie zuvor – über 300 Tonnen.

Bereits Escobar revolutionierte die Drogenproduktion, erst durch seine professionelle Ausfuhr der Droge in die USA konnten die Gewinne damals dermassen ansteigen. Auch seine Anbau- und Verarbeitungsmethoden wurden immer raffinierter. Er versteckte die Labore im Dschungel, streckte den Stoff und baute ein neuartiges Netzwerk an Kurieren auf. «Narcos» zeigt, wie das Medellin-Kartell, das Escobar anführte, alles und jeden bestach und mittels Korruption Politik und Behörden, zumindest teilweise, im Griff hatte.

Wenn Fajardo fragt, wieso man keine Serie darüber schreibt, wie sich Medellin seit Escobar entwickelt und von den Kartellen erholt habe, klingt dies wie eine Farce: Zwar verfügen Staat und Polizei heute über völlig andere Ermittlungsmethoden als in den 80er-Jahren, doch auch die Drogendealer leben in einer anderen, moderneren Welt. So gibt es viele Ursachen, weshalb die Kokain-Produktion heute so gross ist wie nie – angefangen bei so simplen Dingen wie veränderten produktiveren Anbaumethoden. Die Plantagen, auf denen die Koka-Pflanzen gezogen werden, sind heute meist kleiner und besser versteckt, oder die Koka-Pflanzen werden zur Tarnung zusammen mit anderen Pflanzen angebaut. Die grösste Problematik jedoch besteht bei den Koka-Bauern: Etwa 65 000 kolumbianische Familien leben vom Koka-Anbau im schlecht erschlossenen Bergland, wo paramilitärische Gruppen oder die Farc regieren. Polizei gibt es dort keine. In grösster Armut ist der Koka-Anbau die einzig wirtschaftlich sinnvolle Einnahmequelle für die Bauern. Legale Alternativen wie Kaffee- oder Bananenplantagen bieten weniger Profit.

Das hat auch die Regierung erkannt und versucht, im Kampf gegen die Drogen-Mafia bei den Bauern mithilfe des aktuellen Friedensabkommens anzusetzen. Die Koka-Bauern sollen nun mehr als Opfer gesehen werden, legal angebaute Pflanzen wie Kaffee sollen subventioniert werden.

Doch bis dahin gibt es viel zu tun für Kolumbiens Regierung. Sollte Fajardo tatsächlich Präsident Kolumbiens werden, ist es für ihn an der Zeit, sich mit der Drogenmacht seines Landes rational auseinanderzusetzen: Pro Gramm Kokain werden vier Quadratmeter Regenwald gerodet, ausserdem ist Korruption alltäglich: Der Grossteil der Kokain-Produktion wird noch immer von Kartellen kontrolliert, die wie einst Escobar Kopfgelder für ermordete Polizisten aussetzen und sich Gefechte mit ihren Verfolgern liefern.

Auch nach Escobars Tod gibt es also genug Stoff für weitere Episoden über Kolumbiens Drogendealer. Und so hat Netflix bereits bekannt gegeben, bald eine dritte und eine vierte Staffel von «Narcos» zu veröffentlichen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.