VON GERALDINE CAPAUL

Wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken? Bei diesem Artikel? Oder überlegen Sie, wem Sie heute noch eine E-Mail schreiben müssen, was Sie zum Abendessen kochen wollen? Falls Sie merken, dass sie beim Lesen abschweifen, drängt sich die Frage auf: Sind Sie glücklich? Der renommierte Glücksforscher Daniel Gilbert und sein Kollege Matthew Killingsworth von der Elite-Universität Harvard haben herausgefunden, dass zu viel Ablenkung uns unglücklich machen kann.

Und abgelenkt sind wir häufig, wie ihre im Fachblatt «Science» publizierte Studie zeigt: Demnach verbringen wir 47 Prozent unserer wachen Stunden damit, uns gedanklich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit dem, was wir gerade tun. Das ist frustrierend und macht unzufrieden.

Mittels iPhone-Apps fragten die beiden Forscher über 2200 Studienteilnehmer im Alter zwischen 18 und 88 Jahren in zufälligen Intervallen an, wie zufrieden sie in diesem Moment sind, was sie gerade tun und worüber sie nachdenken. Gilbert und Killingsworth stellten fest: «Der menschliche Geist ist ein umherstreifender Geist und ein umherstreifender Geist ist ein unglücklicher Geist.»

Wenig abgelenktund darum glücklich waren die Befragten beim Sex. Ebenfalls mehrheitlich konzentriert und somit zufrieden fühlten sie sich bei Gesprächen mit anderen Menschen. Unzufrieden dagegen waren sie, wenn sie sich ausruhten, wenn sie arbeiteten oder den Computer zu Hause benutzen.

Die Studie weise darauf hin, dass die traditionellen philosophischen und religiösen Lehren, wonach man das Glück findet, wenn man im Moment lebt, recht hätten, lautet das Fazit der beiden Forscher. «Die Ablenkungen, Versuchungen und Zerstreuungen sind grösser denn je. Dies erschwert es vielen, sich zu konzentrieren», bestätigt auch Verena Steiner, Expertin für Lern- und Arbeitsstrategien. Es sei wichtig, dass man den Mut entwickle, in Zeiten grosser Belastung die Tätigkeiten auf das Allernötigste zu reduzieren.

Die Informationsflut, der die Menschen heute ausgesetzt sind, macht es zusätzlich schwierig, sich zu konzentrieren. «News zum Beispiel ziehen die Aufmerksamkeit so magisch auf sich wie die Auslage in einer Confiserie», so Steiner. «Doch letztlich entscheiden wir, wie viel dieser süssen Verführungen wir wollen – und wie viel sie zu unserer Lebensqualität und zu unseren Zielen im Leben beitragen können.»

Oftmals erscheint es einfacher, sich nicht zu entscheiden. Denn: «Konzentration und Fokus erfordern nicht nur geistige Energie, sondern stets auch emotionales Engagement», erklärt Steiner. «Sich konzentrieren zu können, ist auch eine Entscheidung. Manche haben Angst, etwas zu verpassen, und verzetteln sich dabei.» Die Kehrseite davon: Man ist halbherzig bei der Sache, macht mehr Fehler und ist am Ende unzufrieden.

ist man also unglücklicher, wenn man sich nicht in etwas vertiefen kann? «Wohl nicht todunglücklich, aber was man sicher verpasst, ist das befriedigende Gefühl der tiefen Absorption», sagt Steiner. «Auch die stillen Glücksmomente der Achtsamkeit, die Freude am Rauschen der Blätter oder am Duft einer Blume erlebt man seltener und weniger tief.»

Kehrt man die Erkenntnis der Studie um, ist man nur in dem Moment glücklich, in dem man bewusst lebt. Das wiederum würde Steiner so nicht sagen: «Wer bewusster lebt, sieht auch seine innere und äussere Realität klarer, und dies ist bisweilen schmerzhaft. Dafür birgt es die Chance, sich als Mensch und Mitmensch weiterzuentwickeln. Und das ist es doch, was das Leben so spannend macht.»

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