VON DENISE BATTAGLIA

Das 15-Gramm-Tütchen mit dem Saatgut ist unauffällig gestaltet. Ein Maiskolben ist darauf abgebildet. Daneben steht die genetische Abkürzung der Sorte: «sh2, mittelspät». Es handelt sich um einen Zuckermais des Typs extrasüss.

Die Sorte ist noch namenlos. Die Sativa Rheinau AG, ein 12-köpfiger Bio-Pflanzen- und -Saatgutbetrieb, der in den Gemäuern des ehemaligen Benediktinerklosters in Rheinau untergebracht ist, hat sie eben erst auf den Markt gebracht. Die Schlichtheit der Aufmachung täuscht. Dieser 15-Gramm-Beutel enthält nicht nur Bio-Maiskörner, er enthält auch ein grosses Stück Freiheit. Der extrasüsse Zuckermais ist weltweit der erste, der nachbaubar ist. Das heisst: Der Bauer kann einen Teil seiner Ernte von diesem Mais beiseite legen und im folgenden Jahr als Saatgut wieder auf sein Feld ausbringen.

Dieser Jahrtausende alte Brauch ist in der Landwirtschaft heute fast verschwunden. Denn: Im Mais- und Gemüseanbau haben sich weltweit so genannte Hybridsorten durchgesetzt. Eine Hybride entsteht aus einer einmaligen Kreuzung von zwei geeigneten Inzuchtlinien. Der Nachkomme einer Hybride – eigentlich ein Bastard – ist sehr ertragreich. Der hohe Ertrag ist der Grund dafür, dass sich die Hybride seit den 1930er-Jahren in der ganzen Welt verbreiten konnte.

Doch die Hybride macht dem Bauern nur kurz Freude: Ertragreich ist sie nur in der ersten Generation, nur eine Saison lang. Die weiteren Nachkommen des Bastards sind schwächlich, der Ertrag reduziert sich um bis zu 25 Prozent. Vom Hybridmais-Saatgut auf die Seite zu legen, ist sinnlos. Der Bauer muss beim Saatguthersteller jedes Jahr neue Maiskörner kaufen. Heute ist das Saatgut in den Händen von vier Züchtern, darunter die amerikanischen Grosskonzerne Monsanto und Syngenta; sie beherrschen den weltweiten Zuckermaismarkt. Die Grosskonzerne können nicht nur mit dem Preis jonglieren, sie bestimmen auch die Sorten, die auf den Markt kommen.

Der Bauer muss nehmen, was es gibt. Das verstärkt erstens dessen Abhängigkeit vom Konzern. Zweitens verdrängen die Hybride alte, genetisch reine Sorten und verringern damit die Vielfalt. Drittens werden zunehmend gentechnisch veränderte Sorten entwickelt. «Noch vor 100 Jahren war der Bauer Herr über das Saatgut. Heute sind es die Konzerne», sagt Amadeus Zschunke, Geschäftsführer der Sativa AG. Diese «aggressive Expansionspolitik» der Konzerne macht ihm Sorgen. Seine Horrorvision ist, dass es irgendwann nur noch Hybridsorten und Gentechmais gibt und der Bauer ohne eigenes Saatgut dasteht. Die Befürchtung ist nicht grundlos. Zschunke verweist auf die Baumwollpflanze in Indien. Dort, sagt er, habe Monsanto innerhalb von wenigen Jahren den Baumwollmarkt komplett erobert. Dazu kommt: Mit den Hybridsorten geht das traditionelle Wissen über die Erzeugung von Saatgut verloren.

Mit dem Nicht-Hybrid-Mais aus Rheinau erhalten die Bauern nun eine Alternative zu den Hightech-Sorten aus den USA. «Damit wollen wir der einseitigen Abhängigkeit der Landwirte von Saatgutkonzernen entgegenwirken», sagt Zschunke und lässt aus einem Papiersack Körner des Zuckermaises sh2 durch seine Hände rieseln.

Für den Mais hat Sativa Rheinau AG letzten Herbst den Förderpreis von Bio Suisse, dem Dachverband der Schweizer Bio-Anbauverbände, bekommen. Das Projekt wurde zudem vom Schwyzer Käsefabrikanten Baer unterstützt. Acht Jahre lang haben die Züchter gebraucht, um diesen Mais heranzuzüchten. Er ist laut Zschunke jetzt fast genauso ertragreich wie beispielsweise die Hybride «Sweet Wonder», die die meisten konventionellen Bauern aussäen. Der Sativa-Mais ist aber kein Mischling, sondern genetisch rein. Und es ist ein Biomais, ein Mais also, der nicht an Dünger und Pestizide gewöhnt ist.

Der Zuckermais sh2 hat nur einen Nachteil: Rund 10 bis 15 Prozent der Maiskolben entsprechen – noch – nicht der Marktnorm von 22 Zentimeter Länge und können nicht verkauft werden. Deshalb ist der verkaufsfähige Ertrag nicht ganz so gross wie beim Hybridmais. Trotzdem ist die Nachfrage laut Zschunke bereits gross. Sativa wird dieses Jahr rund 500 Kilogramm Saatgut ernten, das für gut 50 Hektaren ausreicht, knapp ein Drittel der Zuckermaisanbaufläche in der Schweiz. «Unser Saatgut ist schnell weg», ist Zschunke überzeugt. Vorab deutsche und Schweizer Biobauern beziehen ihn. Auch Länder wie Indien oder Mexiko sind am nachbaubaren Zuckermais interessiert.

Zschunke möchte diesen Ländern aber nicht einfach den Mais sh2 verkaufen, «denn dann würden wir diese Bauern von uns abhängig machen», sondern ihnen lieber das Wissen über die Züchtung von Nicht-Hybrid-Mais vermitteln. Seine Idee: Die Bauern oder Agronomen kommen nach Rheinau und lernen hier, wie man einen genetisch reinen Mais züchtet. «Dann kön-nen sie den Mais auf die Bedingungen ihres Landes abstimmen und ihrerseits den Bauern eine Alternative zum Hybridmais der Grosskonzerne anbieten.» Gerade in den Entwicklungsländern, wo der Mais ein Grundnahrungsmittel ist, können es sich die Bauern oft nicht leisten, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen.

Nächstes Jahr willSativa ihren Zuckermais sh2 für ganz Europa beim deutschen Bundessortenamt als Sorte anmelden. Bis dahin muss Sativa noch einen Namen finden. Man überlege sich, den Mais mit einem indianischen Vornamen zu belegen, sagt Zschunke. Denn: Die Ersten, die den Mais als Nutzpflanze anbauten, waren die Indianer in den USA.

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