Als der Telefonalarm losging, klopfte Sonja Ernys Herz: «Fehlalarm oder Baby? Geht es ihm gut? Das sind die Fragen, die einem sofort durch den Kopf gehen», erzählt die Hebamme. Der Alarm bedeutet, dass drei Minuten zuvor eine verzweifelte Mutter ihr neugeborenes Baby in das Babyfenster im Spital Einsiedeln gelegt hat. Das letzte Mal geschah dies am 5.Dezember 2010 um 11.45 Uhr, und das kleine Mädchen war das sechste Kind, das dort in Obhut gegeben wurde.

Zu Sonja Ernys Erleichterung waren die beiden Babys, die sie bisher aus dem Fenster geholt hatte, wohlauf. Für sie und ihre Kolleginnen fing jeweils eine besondere Woche an, in der sie sich ausgiebig um das kleine Findelkindchen kümmerten. «Wir geben diesen Babys einen vorübergehenden Namen, tragen sie oft im Tragtuch umher und versuchen, ihnen so viel Zuwendung und Geborgenheit wie möglich zu geben», erzählt Erny.

Zehn Jahre ist es her, seit das bisher einzige Babyfenster der Schweiz am 9. Mai 2001 eröffnet wurde. Dominik Müggler, Präsident der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), erinnert sich noch lebhaft, wie er seinerzeit den Spitalverantwortlichen in Einsiedeln seine Idee schmackhaft machen wollte und erstaunt merkte, dass er offene Türen einrannte: «Als ich ankam, war das Babyfenster bereits eine beschlossene Sache», schmunzelt er heute.

Der Grund dafür ist allerdings traurig: Im Jahr zuvor war in der Region ein ausgesetztes Baby erfroren aufgefunden worden, und solche Fälle, da war sich die Belegschaft einig, sollten nie mehr vorkommen.

Dass sich das Babyfenster ausgerechnet in Einsiedeln befindet, hängt damit zusammen, dass Müggler den damaligen Frauenarzt des Regionalspitals kannte. «Das Kloster Einsiedeln spielte dabei keine Rolle», sagt er. Gleichwohl schrieb ihm der Abt des Klosters kurz nach der Einweihung einen Brief, in dem er ihm mitteilte, jemand habe bei der Klosterpforte 10000 Franken für das Babyfenster abgegeben und er könne das Geld abholen.

Danach blieb es eine Weile vollkommen ruhig, und Gegner frohlockten bereits: Kein einziges Baby wurde während des Eröffnungsjahres 2001 in das neu eingerichtete Babyfenster gelegt. «Illegal – und erst noch unnötig», unkten einige Juristen und Politiker. Zu früh: Im September 2002 legte die erste verzweifelte Mutter ihren neugeborenen Knaben in das Fenster. Sie hatte das Baby auf einer Friedhof-Parkbank in Baden geboren und war dann vom Aargau nach Einsiedeln gereist, um es dort in das vorbereitete Bettchen des Babyfensters zu legen.

Mittlerweile wurden insgesamt zwei Buben und vier Mädchen im Fenster abgegeben, und das Ziel der SHMK ist voll erreicht: «Wer in der Not sein Baby im Babyfenster abgibt, hat sich dennoch für das Leben, für das Kind entschieden», bringt es Präsident Müggler auf den Punkt. «Für seine künftigen Adoptiveltern ist es nämlich ein Wunschkind.»

Wenn dann das Kleine im Spital von seinen Pflegeeltern abgeholt wird, fällt dem Pflegeteam der Abschied von «ihrem» Baby schwer. «Und doch ist es gut so, das Kind hat eine Chance erhalten – wo wäre es wohl sonst gelandet?», sagt Hebamme Sonja Erny.

Dominik Mügglers Zwischenbilanz nach den ersten zehn Jahren Babyfenster ist positiv: Erwartet hatte er in dieser Zeit etwa zwei Babys, nun sind es dreimal so viele geworden. Inzwischen toleriert der Bundesrat die Einrichtung auch offiziell, und die wenigen kritischen Stimmen sind still geworden. «Eine Frau, die ihr Kind im Babyfenster ablegt, macht sich nicht strafbar», betont Müggler. «Sie lässt es nicht hilflos zurück.»

Sie verstösst einzig gegen die Registrierungspflicht, da jedes Neugeborene innert dreier Tage beim Zivilstandsamt gemeldet werden muss. Deshalb bleibt die Frage nach der Herkunft, auf die jedes Kind das Anrecht hat, ein ungelöstes Problem: Die Mütter können anonym bleiben. Aber die meisten erkundigen sich irgendwann telefonisch bei der Beratungsstelle oder der Vormundschaftsbehörde, wie Müggler sagt: «Sie wollen wissen, ob es ihrem Baby gut geht.»

Eine weitere Schwachstelle bleibt die Geburt. Weil anonyme Spitalgeburten nicht erlaubt sind, müssen die Frauen auch künftig allein und ohne medizinische Versorgung gebären. Deshalb hegt Dominik Müggler bereits eine Vision für die nächsten zehn Jahre: eine Verbesserung dieser Situation – und weitere Babyfenster. «Aber noch lieber», so sagt er inbrünstig, «noch lieber möchte ich, dass sich viel mehr Frauen rechtzeitig von unserer Beratungsstelle unterstützen lassen und ihr Baby behalten.» Wenn in Einsiedeln der Telefonalarm losgeht, dann nur als allerletzte Notlösung für ganz verzweifelte Frauen.

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