Die Vorfälle waren bemerkenswert. Die «Schweizer Illustrierte» (SI) griff sogar zu einem Mittel, das ein Medium nur in den seltensten Fällen anwendet: Sie kippte eine fertig produzierte Homestory über Benno Büeler und dessen Familie aus dem Blatt. Und machte dies im Editorial unter dem Titel «Der Ecopop-Eiferer» publik. Büeler, Präsident der Ecopop-Initiative, habe nach dem Gegenlesen «den gesamten Artikel, Satz für Satz, nach seinem Gusto umschreiben» wollen, schrieb Chefredaktor Stefan Regez. Er bezeichnete Büeler als «übereifrig, doktrinär, besserwisserisch», «etwa so radikal, wie die Ecopop-Initiative formuliert» sei.

Das ist nur eine Episode. Noch selten standen Initianten mitten im Abstimmungskampf dermassen erbittert auf Kriegsfuss mit den Medien. Zu einer Art Eklat kam es auch in der «NZZ am Sonntag». Dort zog Büeler alle Zitate zurück. Zum «Streit» sei es gekommen, schrieb die «NZZ am Sonntag», weil Büeler verlangt habe, das Wort «Birkenstock-Rassist» dürfe im Artikel nicht vorkommen. Den Hinweis, es sei aber eine Tatsache, dass Ecopop-Vertreter von Gegnern als «Birkenstock-Rassisten» bezeichnet würden, «liess er nicht gelten», schrieb die «NZZ am Sonntag». Deshalb enthalte der Artikel keine Zitate.

SI wie «NZZ am Sonntag» hätten sich nicht an Abmachungen gehalten, sagt Ecopop-Chef Büeler: Der Text dürfe weder diffamierend noch populistisch sein, keinen reisserischen Titel haben und den Begriff «Birkenstock-Rassist» nicht enthalten. Bei der SI seien noch private Familien-Fotos vorgesehen gewesen. Er habe «die diffamierenden Äusserungen noch weniger akzeptieren können».

Büeler hat in den letzten Monaten generell kein gutes Bild von den Schweizer Medien bekommen, wie er festhält. Er lobt nur ein Medienprodukt explizit, die Gratiszeitung «20Minuten»: «Sie war eine Ausnahme, berichtete relativ sachlich.» Alle anderen Titel sieht Büeler mit politischer Schlagseite. Als Beispiel dafür bezeichnet er das Migros-Magazin, das WWF-Chef und Ecopop-Gegner Thomas Vellacott eine mehrseitige Plattform gewährte. «Das Magazin mit der Migros dahinter, die als breite Genossenschaft eigentlich der Allgemeinheit gehört, machte einseitig politische Werbung.»

Für ihn ist das Verhalten des Migros-Magazins «beispielhaft für die Medien generell». Die Mehrheit habe sich so verhalten. «Ausgewogenheit, Fairness, sachliche Information, journalistische Sorgfalt und Unabhängigkeit fehlten vielfach», sagt Büeler. Dieses Ausmass an Propaganda der Medien in eigener Sache habe ihn überrascht. «Sie öffneten bereitwillig Lügen, Falschbehauptungen und Diffamierungen Tür und Tor, wenn sie die eigene ‹Wachstum-über-alles›-Ansicht stützten.» Büeler fragt: «Wo bleiben da die Integrität und Unabhängigkeit der vierten Macht im Staat?»

Wer die Ecopop-Berichterstattung verfolgte, dem fiel auf, wie einhellig die Medien die Initiative ablehnten. Mit einer Ausnahme: Der «Beobachter» stand dem Anliegen wohlwollend gegenüber. «Das gemächlichere Nostalgie-Postauto Ecopop hat seinen Reiz», schrieb Andres Büchi. Das ist mutig für einen Chefredaktor, der im Sold der Axel Springer Schweiz AG steht, einer Tochtergesellschaft der deutschen Axel Springer AG.

Nach dem 9. Februar war den Medien vorgeworfen worden, mitschuldig zu sein am Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative. Sowohl Studien des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Uni Zürich wie des Forschungsinstituts Media Tenor kamen zu diesem Schluss. Haben die Medien Schuldgefühle kompensiert? Das sei durchaus möglich, sagen Büeler wie Hans Schneeberger, Chefredaktor des Migros-Magazins. Schneeberger fragt, entwaffnend offen: «Das Migros-Magazin ist durchaus staatstragend. Muss man als Medium Initianten gleich viel Platz einräumen wie den Gegnern, auch wenn die Initiative von sämtlichen Parteien abgelehnt wird?» Ein Ja zu Ecopop wäre «verheerend», sagt auch SI-Chefredaktor Regez. «Das ist nicht nur meine persönliche Meinung, sondern deckt sich mit der Haltung der ‹Schweizer Illustrierten› und von Ringier.»

Ecopop-Chef Büeler macht sich, zwei Wochen vor der Abstimmung, einen Vorwurf: «Wir waren zu naiv und zu gutmütig im Glauben an Sorgfalt, Unabhängigkeit und Integrität der Medien.»

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