Es ist mehr als eine blosse Personalie: Die Entlassung der «Spiegel»-Chefredaktoren Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo am Dienstag hat zeigt, wie gross die Kluft zwischen Online- und Printjournalismus ist. Print-Chef Mascolo und Online-Chef von Blumencron zerstritten sich an nichts weniger als an der Frage, ob der «Spiegel» künftig in erster Linie ein Papier- oder ein Internetmedium sein soll.

Derselbe Machtkampf hat sich im Herbst auch in der Schweiz zugetragen – nur dass er hier schon entschieden ist: Als der Verlag Tamedia die Zusammenlegung der Print- und Online-Redaktionen von «20 Minuten» beschloss, stellten sich die Manager eine Co-Führung der bisherigen Chefredaktoren Marco Boselli und Hansi Voigt vor. Doch Online-Chef Voigt stellte dem Verlag ein Ultimatum: Entweder übernehme er die Chefredaktion, oder er gehe. Die Verleger entschieden sich für Print-Chef Marco Boselli. In den Wochen nach Voigts Abgang kündigte praktisch das gesamte Kader der Online-Redaktion.

Eigentlich unterscheiden sich «20 Minuten» und «Der Spiegel» wie Tag und Nacht. Hier die Gratiszeitung, die Pendler mit Agenturmeldungen und kurzen Eigenleistungen versorgt. Dort das Premium-Magazin mit aufwendigen Recherchen. Doch «20 Minuten» und «Spiegel» haben eines gemeinsam: Sie zeigen, dass Journalismus im Internet gut sein kann.

Bis heute haftet Online-Journalismus ein zweifelhafter Ruf an: Er gilt als schludrig, boulevardesk und fehleranfällig. Das haben sich die Verlage selber zuzuschreiben. Sie betrachteten OnlineRedaktionen oft als Konzession an die lästige digitale Revolution. Unterbezahlte Anfänger, im Fachjargon «Kindersoldaten» genannt, lieferten sich ein Rennen darum, wer am schnellsten Neuigkeiten in die Welt schoss.

Hansi Voigt und Mathias Müller von Blumencron glaubten hingegen, dass die Zukunft nur dem Online gehört: Sie bauten die Internetauftritte von «20 Minuten» und «Spiegel» mit fast missionarischem Engagement aus und überzeugten die Verleger zu Millioneninvestitionen. Die beiden Portale wurden zur überraschenden und humorvollen, aber noch immer seriösen Variante der gedruckten Ausgabe. Und gelten als die erfolgreichsten Online-Medien in ihren Ländern.

Für Voigt bedingt ein Erfolg im Internet ein komplettes Umdenken. «Wir müssen begreifen, dass Online ein eigenes Medium ist.» Voigt definiert eine Online-Zeitung nicht als Ausgabe, sondern als interaktives 24-Stunden-Multimedia-Programm. Tatsächlich bereichert diese Umwälzung den Journalismus, der im Print formal auf der Stelle tritt, mit neuen Genres. Der Live-Ticker, mit dem Fussballspiele oder Wahlen im Minutentakt kommentiert werden, hat gar in der Literatur Einzug gehalten: Der Echtzeit-Verlag hat im Dezember ein Buch dazu publiziert.

Bei «20 Minuten» zeigte sich, dass Online-Journalismus gehaltvoller sein kann als im Print. Eine Zeitung ist ein starres Gerüst, das jeden Abend gefüllt sein muss. Eine Website ist flexibler. Ist eine Geschichte am Ende des Tages noch nicht sattelfest, kann sie am nächsten Morgen zu Ende recherchiert werden. In der Belegschaft von «20 Minuten Online» entwickelte sich so ein Qualitätsbewusstsein, das regelmässig mit dem Boulevard-Kurs der Printredaktion kollidierte.

Stellt sich die Frage, wieso nun die beiden Chefs der erfolgreichsten Online-Medien ihre Posten verloren haben. Es scheint, dass sie im Machtpoker gegen die Printredaktionen einstweilen verloren haben. Sowohl Hansi Voigt als auch Mathias Müller von Blumencron wollten das Internet zum Hauptschauplatz ihrer Publikation machen; die Printversion sollte untergeordnet sein. Dafür gibt es gute, bekannte Gründe: Den gedruckten Medien laufen Inserenten und Leser davon. Die Öffentlichkeit spielt sich heute im Netz ab. Das Dilemma: Zwar tummeln sich die Leser auf den Online-Medien; die Inserenten und damit das Geld sind aber nur zu einem Teil gefolgt. Den Löwenanteil der Erlöse bringen noch immer die Printprodukte.

Die ratlose Verlagsbranche klammert sich an diese schwindenden Einnahmen wie an Strohhalme. In dieser Logik werden die Online-Versionen zur Bedrohung, wenn sie Erfolg haben: Sie jagen dem Druck-Erzeugnis Inserenten und Leser ab. Der Print-Chef des «Spiegels», Georg Mascolo, wollte deshalb «Spiegel Online» kostenpflichtig machen, was dessen Chef von Blumencron kategorisch ablehnte. Es hätte die Reichweite der Website massiv gedämpft.

Beim Gratisblatt «20 Minuten» war eine Paywall kein Thema. Aber auch hier entschieden sich die Verlagsmanager dagegen, die noch immer hochprofitable Printausgabe dem Internet unterzuordnen. Hansi Voigt hält dies für kurzsichtig. «Schon heute laufen 70 Prozent des Online-Traffics über Smartphones, die man auch im Zug liest», sagt er. «Sobald die SBB bessere Internetverbindungen anbieten, verlieren Gratiszeitungen ihren Vertriebsvorteil.»

Nicht nur «20 Minuten», auch die «NZZ» und der «Tages-Anzeiger» haben ihre Redaktion zusammengelegt oder sind daran, dies zu tun. In beiden Fällen betrauten die Verlage die Print-Chefs mit der Leitung der konvergenten Redaktion. «Online wird von der Dominanz von Print erdrückt», sagt Hansi Voigt dazu.

An Bekenntnissen der neuen Chefs zu Online mangelt es zwar nicht. «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann schrieb kürzlich in einem Leitartikel: «Das dominierende Medium wird der digitale Kanal sein.» Doch das Tempo ist gemächlich. Die «NZZ»-Redaktoren werden über Mittag in fakultativen «Take-away»-Schulungen etwa darüber informiert, wie man Twitter-Meldungen verifiziert.

Die Revolution ist ins Stocken geraten. Nach dem Exodus bei «20 Minuten Online» haben nun die Print-Leute das Sagen. «Sie müssen noch lernen», heisst es bei den zurückgebliebenen Onlinern. «Manche wissen nicht, wie man eine Bildstrecke bastelt.» Auch das Print-Denken scheint wieder einzuziehen. An der Morgensitzung müssen die Redaktoren neuerdings angeben, um welche Uhrzeit sie welche Geschichte liefern.

Beim «Spiegel» ist der Ausgang des Machtkampfs noch offen. Doch auch hier ist unübersehbar, wer am längeren Hebel sitzt. Zu 50,5 Prozent gehört der Verlag den «Spiegel»-Mitarbeitern. Mitglied in der Eigentümerschaft werden aber nur Print-Redaktoren. Die Online-Journalisten bleiben ausgeschlossen.

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