Von Adrian Lobe

Es ist die grosse Frage, welche die Verlage in aller Welt umtreibt: Wie lässt sich mit Journalismus im Internet Geld verdienen? In der Schweiz versuchen es «Tages-Anzeiger» und «NZZ» mit relativ löchrigen Paywalls, also der Bezahlpflicht für zumindest einen Teil des Textangebots. Als eine der ersten Zeitungen führte die Wirtschaftszeitung «Financial Times» 2007 eine Paywall ein, die dann Pate stand für das Einführungsmodell der «New York Times» 2011. Das Modell wird heute von über 1000 Zeitungen in Europa und Nordamerika praktiziert.

Die Bezahlschranke der «FT» funktioniert über ein Stufenmodell: Drei Artikel sind im Monat kostenlos, danach muss man bezahlen. Ein Probeabo gibt es für einen Euro im Monat. Der reguläre Tarif für das Standard-Online-Modell kostet 34 Euro monatlich, die Premium-Online-Variante inklusive E-Paper schlägt mit 42 Euro zu Buche. Das ist ein stolzer Preis, gemessen daran, dass man am Ende nicht einmal ein Papier in der Hand hat. Doch die Strategie zahlt sich aus: Die Digitalabos, 541 000 an der Zahl, machen mittlerweile 70 Prozent der Bezahlkunden aus.

Davon können andere Zeitungen nur träumen. Laut Verlagschef John Ridding konnte die «FT» ihre Gewinne im letzten Jahr verdreifachen, auf schätzungsweise 100 Millionen Pfund. Die «Financial Times» bedient eine Klientel, bei der Geld eine untergeordnete Rolle spielt: Die Anzeigenabteilung schätzt, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen der Abonnenten bei 250 000 Dollar liegt; 13 Prozent der Abonnenten sind Millionäre. Schon vom ersten Tag an visierte die «FT» das Kapital an, sie verstand sich als Forum für Aktionäre, Investoren und Bankiers. Der Volksmund sagt, die «FT» werde von Leuten gelesen, die so mächtig sind, dass ihnen das ganze Land gehört.

Verleger anderer Medien unterhalten sich immer häufiger mit Vertretern der «Financial Times», ihre Digitalstrategen sind gern gesehene Redner auf Panels und Diskussionsveranstaltungen. Die Wirtschaftszeitung ist eine Pionierin auf dem Gebiet der Nutzeranalyse, derzeit baut sie ein 30-köpfiges Team von Datenwissenschaftern auf.

Vor kurzem hat die «FT» ihre eigene App für die Smartwatch Samsung Gear S vorgestellt. Mit «fastFT» hat man Zugriff auf die News und ist somit auch am Handgelenk immer up to date. Verlagschef Ridding sagte: «Es unterstützt die Strategie, den Journalismus der ‹FT› auf jedwedem Format, das unsere Leser wählen, zur Verfügung zu stellen, und spiegelt das rapide Wachstum von Mobile wider, das nunmehr die Hälfte unseres digitalen Traffics ausmacht.» Die Nachrichten von morgen findet man nicht mehr im Briefkasten, sondern direkt am Handgelenk. «fastFT» wurde bei den Newspaper Awards 2014 in London als bester digitaler Nachrichtendienst ausgezeichnet.

Die «Financial Times» galt schon immer als innovations- und experimentierfreudiger als andere Zeitungen in der eher konservativen britischen Medienlandschaft. Der US-Medienexperte Ken Doctor schrieb in einem Beitrag für das Nieman Lab: «Wenn die ‹FT› ein Kanarienvogel in der Kohlemine war, als sie 2007 ihre Paywall einführte, ist sie mittlerweile zum Zugvogel der Zeitungen geworden.» Längst hat die «Financial Times» ihre Leserschaft über den Kreis der «City-Gents» ausgedehnt, der wichtigste Markt sind die USA.

Die «Financial Times» ist wie die «New York Times» eine globale Marke. Mit einem grossen Korrespondentennetz liefert die «FT» Nachrichten und Hintergründe aus aller Welt, wie gewohnt in hoher Qualität und auf lachsfarbenem Papier. Das weiss die Leserschaft zu schätzen. Zwar wird es immer weniger gedruckte Exemplare geben, dafür aber mehr Abonnenten, die die Zeitung auf dem Smartphone oder Tablet lesen.

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