Der Flug nach Berlin war für ihn reserviert. Genauso wie das Zimmer im Fünfsterne-Hotel Adlon. Christian Dorer, Chefredaktor der «Nordwestschweiz», sollte Frank A. Meyer treffen, den publizistischen Berater von Ringier. Thema: Dorer als neuer «Blick»-Chefredaktor. Doch er schlug den Job gemäss drei Quellen aus. Was er selbst weder bestätigen noch dementieren will. Am 7. Januar gab Ringier bekannt: Die neue Chefredaktorin ad interim heisst Andrea Bleicher.

Nur zwei Tage später setzte Bleicher eine unübersehbare Duftmarke. Magdalena Martullo-Blocher, die Ems-Chefin und Tochter von Christoph Blocher, lachte von der «Blick»-Titelseite. «Sie übertrifft alle!», hiess die Schlagzeile über die «erfolgreichste Managerin der Schweiz».

Politisch Interessierte waren verblüfft. Positiv-Schlagzeilen zu Blochers hatten nicht als Spezialität der Boulevardzeitung gegolten. Die Deutung war schnell zur Hand: Bleicher rückt den «Blick» von links, wo ihn viele sehen, nach rechts. Zumal die Gewerkschaftszeitung «Work» in einem Porträt ein rechtspopulistisches Bild der neuen Chefin zeichnete. Mit Ralph Grosse-Bley trat zudem nicht nur der bisherige Chef ab, sondern auch sein Stellvertreter: Clemens Studer, Symbol für einen klaren Linkskurs. Dorers Absage habe auch Frank A. Meyers Einfluss bei Ringier gekappt, sagen Insider sogar: Meyer fehle der Draht zu Bleicher. Sie wiederum sei Studer nur knapp vorgezogen worden.

Gespannt beobachten die Politiker die Entwicklung beim «Blick». Genau so gespannt wie jene beim «Tages-Anzeiger», seit deren Chefredaktor Res Strehle von «Weltwoche» und SVP attackiert wird. Der «Tagi» gilt mehrheitlich als links. Das zeigt eine nicht repräsentative Umfrage bei Parlamentariern der vier wichtigsten Parteien. «Sehr links», sei die Zeitung, sagt CVP-Nationalrat Gerhard Pfister sogar. «Sie steht aber nicht zu dem, was sie ist. Das ist unangenehm.»

Trotzdem erntet der «Tages-Anzeiger» die härteste Kritik ausgerechnet aus dem SP-Lager. Woche für Woche ärgert sich die SP-Spitze über das Tamedia-Flaggschiff, wie Recherchen zeigen. Offen dazu stehen will kaum jemand. «Wäre ich nicht Parlamentarier in Bern, läse ich diese Zeitung mit Sicherheit nicht», sagt ein prominenter Genosse. Der «Tagi» klammere die Tagesaktualität aus, wolle sich stattdessen mit thesenartigen Eigen-Recherchen profilieren. «Das macht den ‹Tagi› politisch beliebig.»

Es gibt Gründe für diese Entfremdung. Bis zu den Zeiten von Ex-Chefredaktor Peter Hartmeier (2003–2009) galt der «Tagi» als sehr SP-freundlich. Hartmeier korrigierte den Kurs in die Mitte. Danach galt das Verhältnis zur SP als «enttäuschte Liebe», wie etliche Quellen bestätigen. Mitten in den Verdauungsprozess platzte der Fall von Jacqueline Fehr. Die Winterthurer SP-Nationalrätin wollte 2011 ihr Papier zum Mittelstand exklusiv in den Medien platzieren. Der «Tages-Anzeiger» bekam es zwar angeboten, hielt Fehr aber hin. Es war der «Sonntag», der es letztlich veröffentlichte. Noch vor der Publikation schrieb der «Tagi» darüber, «wie Politiker die Medien instrumentalisieren».

Das empfand man in der SP als Verrat. Der Vorfall habe die Beziehung «nachhaltig beschädigt», sagen SP-Insider. Ein klärendes Gespräch zwischen Fehr und Chefredaktor Strehle kam bis heute nicht zustande.

«Als unabhängiges Medium wahren wir auch gegenüber der SP eine kritische Distanz», sagt Res Strehle dazu. «Das mag einzelne Exponenten dieser Partei enttäuschen.» Das «News-Plus-Konzept» sehe vor, die journalistische Wertschöpfung dort zu beginnen, wo Agenturen und Gratiszeitungen aufhörten. «Deshalb setzen wir auf Eigenleistungen.»

Beim «Blick» wiederum produzierte Bleicher, zwölf Tage nach Amtsantritt, eine zweite Schlagzeile, die Aufsehen erregte: «1 Vasella = 3 Ospel». Das war ein Rückgriff auf eine schwierige Vergangenheit. 2006 hatte der damalige Chefredaktor Werner De Schepper, neuer TeleBärn-Chef, den «Ospel» als neue Währung eingeführt. Weil Ex-UBS-Chef Marcel Ospel 2005 24 Millionen Franken Lohn bezog. Mit Folgen für Ringier: Die UBS soll den Konzern mit einem Inserate-Boykott belegt haben. Und die Ospel-Kampagne war wohl mit ein Grund, dass De Schepper beim «Blick» gehen musste.

Rutsch nach rechts? «Der Blick ist weder links noch rechts», sagt Bleicher dazu. «Er wird zu politischen und gesellschaftspolitischen Themen klar Stellung beziehen, wann immer es richtig ist. Wir wollen unbequem sein, den Finger auf wunde Punkte legen. Ganz unabhängig von parteipolitischen Interessen.» Und zur «Blocher»-Schlagzeile: «Ein gutes Thema ist ein gutes Thema.»

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