Von Gerhard Lob aus Lugano

Dass am Mittwoch der Tessiner Lega-Regierungsrat Norman Gobbi als offizieller SVP-Kandidat bei
den Bundesratsersatzwahlen antritt, ist für ihn persönlich und seine Partei bereits ein politischer Erfolg – ganz unabhängig vom Ausgang der Wahl. Für die regionale Protestbewegung Lega dei Ticinesi krönt dieser Erfolg einen langen Marsch durch die Institutionen, der vor 25 Jahren in kleinstem Kreise begann. Ein Legist als Bundesrat? Damals und bis vor kurzem undenkbar. Nun hat sich «Supernorman» das Deckmäntelchen der SVP übergestreift, um das Undenkbare zumindest denkbar zu machen.

Der Aufstieg der Lega ist nicht zu trennen von der Sonntagszeitung «Mattino della domenica», die kantonsweit gratis verteilt wird. Sonntag für Sonntag heizt der «Mattino» mit fetten Schlagzeilen den Lesern ein, verulkt gegnerische Politiker oder stellt sie obszön dar. Es wird gewettert gegen die EU, die Landvögte in Bern, das gescheiterte Italien, gegen Grenzgänger und Asylbewerber. An den Bars im Kanton amüsiert man sich über Titel, Karikaturen und Artikel, während sich die politischen Gegner dafür schämen, dass ein solches Produkt überhaupt in ihrem Kanton existiert. FDP-Politikerin Natalia Ferrara Micocci erklärte, mit dem «Mattino» würde sie höchstens ihr Cheminée anfeuern.

Die erste Nummer des «Mattino» erschien am 18. März 1990. Es war Bauunternehmer Giuliano Bignasca, ein enttäuschter Freisinniger, der das Blatt finanzierte und schon bald zum Sprachrohr der neu gegründeten, von ihm auf Lebenszeit präsidierten Lega dei Ticinesi machte.

«Mattino» und Lega sind eine Einheit geworden. «Der ‹Mattino› ist die Lega», sagt Politikwissenschafter Oscar Mazzoleni. Damit hebt sich die rechtspopulistische Bewegung von allen anderen politischen Parteien ab. Parteikongresse, Vorstandssitzungen, Revision von Parteiprogrammen: All das kennt die Lega nicht. Bignasca sagte stets: «Wir brauchen keine Kongresse, weil wir jeden Sonntag im ‹Mattino› einen Kongress abhalten.» Das Programm sei doch klar: Nein zur EU, Ja zum Bankgeheimnis und «Das Tessin den Tessinern».

So ist es auch nach dem Tod von Giuliano Bignasca im März 2013 geblieben. Im inneren Zirkel der politischen Würdenträger – den sogenannten Colonelli – wird entschieden; der ‹Mattino› sorgt am Sonntag dafür, dass die Parolen unters Volk gebracht werden. Statt langatmiger Veranstaltungen organisiert man lieber ein geselliges Zusammensein und Gratis-Risotto für die Unterstützer. Eine undemokratische Partei? «Diese Frage stelle ich mir nicht – wir sind einfach etwas informaler», antwortete der langjährige Richter und Lega-Staatsrat Claudio Zali anlässlich des Festes «25 Jahre ‹Mattino›» in diesem März.

Der «Mattino» hat in den gut zwei Jahrzehnten die politische Landschaft und Kultur des Kantons umgepflügt. Mit einem einfachen, häufig dialektalen und vulgären Wortschatz hat sich die Lega als «soziale Rechte» eine Volksnähe verschafft. Stammtischsprache in gedruckter Form. «Eine Boulevard-Zeitung, die zugleich Parteiblatt ist, persönliche Attacken reitet, stets Wahlkampf betreibt und Politik zur Unterhaltung werden lässt: Das ist der ‹Mattino›», analysiert Mazzoleni.

Bignasca unterzeichnete fast alle Artikel mit seinem Namen. Dutzende Male wurde er wegen Diffamierung und übler Nachrede verurteilt. Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri, der seit Bignascas Tod als Chefredaktor waltet, ist etwas zahmer geworden, setzt dem Blatt aber stets eine satirische Note auf. In seinen Jahren als Staatsrat konnte Norman Gobbi auf die uneingeschränkte Unterstützung durch den «Mattino» zählen. Das Blatt zeigte ihn wiederholt in Bildmontagen als Ordnungshüter mit Wachhund – etwa vor einem Camp mit renitenten Asylbewerbern oder vor der geforderten Grenzmauer zu Italien.

Genau diese «Mattino»-Deckblätter sind für die politischen Gegner der Lega ein Grauen, allen voran für den ehemaligen Staatsanwalt Paolo Bernasconi. Er hat im Vorfeld der Bundesratswahlen allen Bundesparlamentariern ein Dossier mit den seiner Meinung nach «schlimmsten Kostproben» des «Mattino» zukommen lassen. Gobbi selbst geht in diesen Wochen auffällig auf Distanz zum «Mattino». In Interviews betont er, dass das Parteiblatt eine unabhängige Redaktion habe, für die er keine Verantwortung trage.

Die Redaktion des «Mattino» befindet sich an der Via Monte Boglia im Arbeiterquartier Molino Nuovo von Lugano, direkt beim Sitz des Bauunternehmens Bignasca. Die Familie Bignasca deckt nach wie vor das Defizit der Gratiszeitung. Attilio Bignasca, Bruder von Lega-Gründer Giuliano, erklärt derweil schon die «Mattino»-Strategie für die Zeit nach dem 9. Dezember: «Wenn Gobbi gewählt wird, werden wir im ‹Mattino› runterfahren, ansonst werden wir die Kanonen noch stärker laden müssen.»

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