VON DENISE BATTAGLIA

Vor 40 Jahren skizzierte der amerikanische Futurologe Alvin Toffler in seinem Werk «Der Zukunftsschock» die Welt von heute. Er prognostizierte den Niedergang der Familie als feste Institution, sah voraus, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten und Familien gründen dürfen, die Zahl der Umweltkatastrophen zunehmen wird und der Mensch Gene manipuliert. Ebenso hielt er fest, dass der blitzschnelle Austausch von Informationen möglich sein wird, diese Informationsschwemme aber auch viele Menschen überfordern wird.

Das Buch erschien 1970 und wurde ein Bestseller: Toffler verkaufte sechs Millionen Exemplare. Die Menschen müssen es damals für Science-Fiction gehalten haben. 1970, das war eine andere Welt: Es war Vietnamkrieg, Deutschland war zweigeteilt, die Planwirtschaft für viele eine Alternative zur Marktwirtschaft und der erste Teil der Sexfilmserie «Der Schulmädchenreport» erregte gerade die Gemüter. Den Geschäftsbrief tippte man auf der Schreibmaschine, den Liebesbrief schrieb man von Hand. Das Telefon war zu Hause fest installiert, hing an einem Kabel und hatte eine Wählscheibe. In der Schweiz hatten die Frauen kein Stimmrecht.

40 Jahre nach dem «Zukunftsschock» hat Tofflers Beratungsunternehmen, die Toffler Associates, 40 Prognosen für die nächsten 40 Jahre vorgelegt. Das 13-seitige Papier enthält dieses Mal keine fantastischen Zukunftsszenarien. Es fasst vor allem Entwicklungen zusammen, die bereits im Gang sind. Trotzdem: Die Veränderungen, die auf uns zukommen werden, sind gewaltig.

Wirtschaft: Demnach droht Europa und den USA der Niedergang. China, Brasilien und Indien werden sich als Wirtschaftsmacht zusammenschliessen und die Handelsregeln bestimmen. Europa wird an Einfluss verlieren – zuerst wirtschaftlich, dann politisch. Die Mobilität wird weiter zunehmen, weil die Güter dort produziert werden, wo es am billigsten ist. Die USA werden noch stärker von China abhängig sein, weil China Metalle besitzt, die die USA für ihre Sicherheitstechnologien sowie den Bau von Hybridautos benötigen.

Die Entwicklung von alternativen Energieformen wiederum macht Ölstaaten wie Saudi-Arabien, Iran, Irak oder Russland zu Verlierern. Die Quelle der Wertschöpfung ist das Wissen. Toffler spricht von «Wissenskapital». Allerdings wird die «Haltbarkeit» des Wissens immer kürzer. Was wir heute wissen, kann morgen schon veraltet – obsolet sein.

Toffler, bekannt für seine Wortschöpfungen, nennt dieses Phänomen «Obsoledge» (zusammengesetzt aus «obsolete» und «knowledge»). «Obsoledge», so Toffler, werde im weltweiten Kampf darum, schneller und besser als der Konkurrent zu sein, hohe Kosten verursachen, denn «jede halbe Sekunde wird das Wissen über Investitionen, Markt, Wettbewerb, Technologie oder Konsumentenwünsche entwertet».

1980 führte Toffler in seinem Buch «Die dritte Welle» den Begriff, «Prosument» ein. Er bezeichnet Personen, die gleichzeitig Konsumenten (consumer) als auch Produzenten (producer) sind. Der «Prosument» gibt bei seinem Einkauf so viel über seinen Lebensstil preis, dass er damit die Produktion von Gütern mitbestimmt. Der Einfluss der Konsumenten auf die Güterproduktion wird noch grösser: Toffler prophezeit das Ende der Massenproduktion. An deren Stelle trete die Herstellung nach Bedarf (on-demand).

Politik und Religion:Laut Toffler wird die Religiosität zunehmen. Während der Süden der Erdkugel christlich wird, verschwindet das Christentum von der Nordhalbkugel. Dafür wird die Gesellschaft des Westens durch einwandernde Muslime geprägt. Durch die wachsende Anzahl an Gläubigen würden die Religionen auch im Westen stärker Einfluss auf die Politik nehmen, so Toffler. Auch Nichtregierungsorganisationen und Frauen werden die Politik vermehrt prägen. Immer mehr Führungspositionen würden von Frauen eingenommen.

Gesellschaft: Toffler erwartet eine starke Zunahme von Megastädten – Demografie und Migration werden die Gesellschaft stark verändern. Toffler warnt insbesondere vor der Überalterung: Sie werde die Ausgaben für (medizinische) Betreuung um ein Vielfaches erhöhen. Das Gesundheitssystem, wie wir es bis anhin kennen, werde es 2050 nicht mehr geben. Weiter wird die Transparenz durch die Neuen Medien erhöht. Das hat laut Toffler den Vorteil, dass Unternehmen, Organisationen und Politiker «unsaubere» Handlungen nicht mehr verstecken können. Deren Tätigkeiten würden beobachtet und die Informationen darüber rasch verbreitet.

Klima und Umwelt: Für Konflikte sorgt dem Bericht zufolge der Klimawandel. Die ansteigenden Meeresspiegel würden die Küstenbewohner vertreiben, was wiederum zu einer weltweiten Völkerwanderung führt. Der Nanotechnologie sagt Toffler eine grosse Zukunft voraus. Sie werde auch Filtersysteme ermöglichen, die aus Salzwasser Trinkwasser machen, was den Kampf ums Wasser entschärfe. Und: Die Menschen werden vermehrt eigene, kleine Gärten anlegen, um ihre Abhängigkeit von grossen Nahrungsmittelkonzernen zu verringern.

Bis auf die «Gartenromantik» kann Katja Gentinetta, stellvertretende Direktorin von Avenir Suisse, die von Toffler dargestellten Trends nachvollziehen. «Diese Entwicklungen sind bereits im Gang». Vor allem der Aufstieg Asiens werde die Welt verändern und auch die Schweiz werde dies zu spüren bekommen, sagt sie. «Wir werden uns künftig nicht mehr auf die geltenden Spielregeln, insbesondere in der Handelspolitik, verlassen können.

Die Regeln werden vermehrt von den neuen grossen Playern bestimmt, und nicht zwingend demokratisch legitimiert sein.» Also brauche man Verbündete. Gentinetta: «Die Schweiz wird auf Gleichgesinnte, die am ehesten in Europa zu finden sind, angewiesen sein.» Ein Fragezeichen setzt sie hinter die prognostizierten «Klimaflüchtlinge». Erstens werde sich der Klimawandel langsam vollziehen, sodass Anpassungen auch vor Ort möglich seien, und zweitens würden die aufstrebenden Volkswirtschaften Anreize bieten, damit die Menschen ihr Glück dort zu verwirklichen versuchten.

Für Alain Egli vom Gottlieb-Duttweiler-Institut, das sich ebenfalls mit Zukunftsszenarien befasst, sind die Prognosen von Toffler zwar nicht abwegig. Er bezweifelt aber, dass man heute noch langfristige Prognosen machen kann. Dass der global vernetzte Mensch ganze theoretische Modelle über den Haufen werfen könne, habe die Finanzkrise deutlich gemacht. Doch auch für ihn sind gewisse Entwicklungen nicht mehr aufzuhalten.

Wie Toffler sieht er eine grosse Informationsflut auf die Menschen zukommen. Sie werde die Orientierungslosigkeit der Menschen noch vergrössern und das Bedürfnis nach Experten, die die vielen Informationen für sie einordnen, verstärken. Obwohl die Transparenz, die Informationsdichte und die Vernetzung der Menschen zunehmen werden: Viel Halt scheint die Welt von morgen uns nicht bieten zu können. Egli: «Ja, Kontrollfreaks werden es schwer haben.»

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