Von Adrian Lobe

Es wirkt wie ein Relikt aus alten Zeiten: bunte Pixel, dürre Worte, springende Ziffern. Die Rede ist von Teletext, der dieses Jahr 35 Jahre alt wurde. 1980 schalteten ARD und ZDF erstmals Nachrichten und Texte aufs Fernsehgerät: 24 Zeilen zu je 39 Anschlägen. Als der damalige SFB-Intendant Wolfgang Haus den roten Knopf drückte, waren 70 000 Haushalte mit teletextfähigen Fernsehgeräten ausgestattet. Heute verfolgen über vier Millionen Menschen täglich den ARD-Teletext. An Spitzentagen während der Fussball-WM schalteten 8,57 Millionen Zuschauer den ARD-Text ein. Insgesamt nutzten 2014 knapp 60 Millionen Personen in Deutschland mindestens einmal den Teletext.

Die Auflösung ist inzwischen deutlich höher als früher, doch die Technik, die ein wenig an die Anfänge des Macintosh erinnert, ist geblieben. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner reduzierten Optik und Inhalte ist der Teletext auch im Internetzeitalter ein Publikumsrenner. Hierzulande produziert die Schweizerische Teletext AG in Biel die Videotextseiten für das SRF.

«Teletext ist durch seine hohe Glaubwürdigkeit und seine Reduktion aufs Wesentliche weiterhin beliebt», sagt Pressesprecher Julien Kurt. «Die Qualität der angebotenen Informationen spielt zusätzlich eine grosse Rolle.» Das Design habe sicherlich mitgeholfen, sei jedoch nicht der stärkste Treiber. «Viele Nutzer kennen ihre Lieblings-Teletext-Seiten auswendig», konstatiert Kurt. «Sie gelangen innert kürzester Zeit zur gewünschten Information.» Im August dieses Jahres waren vor allem News, Sport und Wetter populär. Die Monatsreichweite in diesen Rubriken belief sich auf über 1,4 Millionen.

Teletext ist eigentlich ein TV-Begleitmedium. Es verfügt aber auch – und das ist der Hauptgrund seines Erfolgs – über eine digitale Schnittstelle. «Teletext hat den Sprung ins digitale Zeitalter durch seine Apps, mobile Website sowie teletext.ch geschafft», sagt Kurt. «Dies sind 1:1-Spiegelungen des TV-Teletextes, aber mit den Vorteilen der mobilen Technologien.» Nutzer können im App-Store für 3.70 Franken den SRF-Teletext als App herunterladen und auf ihrem Smartphone Informationen abrufen – News in Pixelform.

In Deutschland werden die Inhalte des ARD-Texts von der «Tagesschau»-Redaktion in Hamburg und der Redaktion Programmdaten und Interaktive Dienste in Potsdam zugeliefert. Auch hier wird der traditionelle Teletext mit Inhalten aus neuen Medien verknüpft. Auf Twitter kann man den ARD-Text unter @ardtext oder @ardtext777 (Teletwitter) verfolgen. Der interaktive Teletwitter blendet bei Quotengaranten wie dem «Tatort» oder Fussball-Länderspielen Kommentare von Twitter-Nutzern ein. Die TV-Kritik wird live zur Sendung mitgeliefert. 9500 Mal aktualisiert die ARD am Tag ihr Angebot. 80 Kilobyte kostet der Abruf einer der Nachrichtenseiten mit dem Smartphone.

Der Teletext ist längst auch Gegenstand von Kunst. Die öffentlichen TV-Sender ARD, ORF, SRF und Arte feiern jedes Jahr das internationale Teletextkunstfestival ITAF. Die extrem reduzierte Pixelkunst fasziniert, weil sie auf die vielen Möglichkeiten von HD-Auflösungen und digitaler Informationsflut verzichtet.

«Kasimir Malewitsch hat das Pixel vor 100 Jahren erfunden, und Teletext hat sie für die Massen verfügbar gemacht», sagt der finnische Künstler Jarkko Räsänen, der am ITAF mitwirkte. «Der Teletext kann in Kunst transformiert werden, indem man unerwartete Formen schafft, die den Zuschauer an die Geschichte eines Pixels und den neuen Realismus erinnern, den es seit seiner Existenz erzeugt hat.» In Zeiten von Facebook und Twitter schauen wir heute in den Videotext, um Fussballergebnisse oder das Wetter zu checken. Teletext ist schnell und simpel – und aktueller denn je.

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