Siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird an Gedenkveranstaltungen der Opfer des nationalsozialistischen Regimes gedacht. Auch zahlreiche Publikationen beschäftigen sich mit der Geschichte der Schreckensherrschaft. Wer sich an Schweizer Bahnhofkiosken über dieses Kapitel Weltgeschichte informieren will, muss genau hinschauen. Denn neben etablierten Magazinen wie «Geo Epoche» oder «PM-History» buhlen äusserst fragwürdige Produkte um die Gunst des geschichtsinteressierten Lesers.

Als besonders geschmacklos erweist sich ein Heft mit dem unverdächtigen Namen «Zeitgeschichte». Die «Fachzeitschrift über die Waffen-SS» hat sich zum Ziel gesetzt, das Bild der «militärischen Eliteeinheit», die gemeinhin vor allem für ihre Kriegsverbrechen bekannt ist, zu revidieren. In Rubriken wie «an den Fronten» oder «Heimatfront» wird ein positives Bild der Waffen-SS gezeichnet. In der aktuellen Ausgabe wird auf vier Seiten die «Leibstandarte Adolf Hitler» im Saarland enthusiastisch empfangen, und im «Soldatenportrait» säubert SS-Brigadeführer Otto Kumm mit seinen Mannen Gebiete von versprengten Feindtruppen. Der Versailler Frieden wird im Heft konsequent als «Versailler Diktat» bezeichnet und die Bombardements der Alliierten werden «Bomben-Terror» genannt. Auch Kriegsverbrechen sind ein Thema. Allerdings nur auf der Seiten der Nazi-Gegner. Chefredaktor Guido Kraus kritisiert etwa Hollywood, weil Brad Pitt in seinem neuen Film «Fury» sich ohne Rücksicht auf die Genfer Konvention durch die deutschen Reihen schiesse.

Das Heft «Zeitgeschichte» ist eine Schwesterpublikation der «Deutschen Militärzeitschrift». Hinter ihr wiederum steht der einschlägig bekannte deutsche Verleger Dietmar Munier. Laut dem deutschen Jahrbuch Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010 sah der rechtsextreme Verleger in der Übernahme der Zeitschrift die Chance, ausserhalb der abgeschlossenen Zirkel seiner Gesinnungsgenossen stehende Personen zu erreichen. Dies tut er nun auch über Schweizer Bahnhofkioske.

Die Valora AG, welche die Hefte in ihren «Press & Books»-Läden verkauft, schreibt auf Anfrage, sie wolle ihren Kunden «ein möglichst grosses Angebot an Publikationen» anbieten. Und sie schiebt die Verantwortung an die Vertriebsgesellschaft «7 Days Media» ab. Diese ging letztes Jahr durch Verkauf aus der Valora-eigenen Vertriebsgesellschaft hervor.

«7 Days Media»-Geschäftsführerin Nicole Mrotzek gibt den Ball weiter an die Verlage. «Wir sind grundsätzlich nicht befugt, eine Zensur vorzunehmen.» Jeder Verlag kann über «7 Days Media» Hefte an die Valora-Kioske bringen, sofern der Inhalt legal ist. Rechtlich ist am Heft «Zeitgeschichte» nichts zu beanstanden. Explizite Holocaust-Leugnung oder Ähnliches findet nicht statt.

Ein Leitfaden von «7 Days Media» weist Verleger aber auch auf «ethische Bestimmungen» hin. Genauer definiert sind diese Kriterien nicht. Für Muniers SS-Hefte waren sie kein Hindernis. Sie stehen jeweils im halben Dutzend im Regal von grösseren «Press & Books»-Läden.

Valora könnte das Heft selbst aus dem Sortiment nehmen, bestätigt Mrotzek. Die Händler haben das letzte Wort.

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