Von Dávid Szirmay* aus Budapest

Ungarn ist heute nervös und angespannt. Es herrscht schlechte Laune. Die würde auch sonst herrschen, wenn die Ungarn nicht mit den Tausenden und Abertausenden von Flüchtlingen an der Südgrenze des Landes konfrontiert wären. Umso mehr herrscht sie aber in der gegenwärtigen Situation.

Aus nächster Nähe sehen die Ungarn die unfassbaren Zustände im Bahnhof Keleti von Budapest, die Migranten, die nonstop auf der Autobahn gehen, die überfüllten Flüchtlingslager, den Bau der Zäune an der Grenze – und sie fühlen sich unwohl. Wann wird das aufhören? Die Frage ist berechtigt, doch es gibt keine Antwort. Brüssel stösst sich an der Migrationspolitik von Viktor Orbán und seiner Regierung. Doch sie wird laut Umfragen von der Mehrheit der Ungaren mitgetragen.

Es ist bezeichnend für die gegenwärtige Situation, dass selbst Orbáns grösster Feind, der ehemalige Premierminister und Oppositionspolitiker Ferenc Gyurcsány – der in seiner eigenen Villa syrische Familien beherbergt hat – zugibt, dass 70 Prozent seiner Anhänger keine Flüchtlinge im Land wollten.

Orbáns Regierungspartei Fidesz kann sich so viel Unsinn leisten und so viel dubiose Geschäfte tun, wie es ihr beliebt – und wird immer noch die einzige brauchbare Regierungskraft bleiben. Die fragmentierten linken Parteien haben ihre Glaubwürdigkeit längst verloren. Die radikale Jobbik ist stärker geworden, doch die amtierende Regierung müsste sich noch viel mehr Fehltritte leisten, damit die Partei mit ihrem Vorsitzenden Gábor Vona eine Chance auf eine Regierungsbildung bekommen würde.

Ungarn ist wütend auf die Europäische Union. Wie sagte doch Jean-Claude Juncker, der Präsident der Europäischen Kommission? «In der Europäischen Union fehlt es heute an Europa und an Union.» Genau darum.

Nun stellen die Leute Fragen, und sie haben alles Recht dazu. Die EU erlaubte es dem Lügner Griechenland, den Registrierungsprozess für die Flüchtlinge zu umgehen, die in die EU kommen. Aber uns zwingen sie, die Registrierung vorzunehmen? Wenn man es zulässt, dass wir Leute ohne Pass und Papiere nach Ungarn einreisen lassen, wie kann dann ein deutscher Polizist dieselben papierlosen Leute stoppen, wenn sie weiter nach Dänemark reisen wollen? Wie soll das alles zusammenpassen?

Das sind die Gedanken und Fragen in den Köpfen der Ungarn, die statt zu schlafen die afghanischen und syrischen Flüchtlinge in den Bahnhöfen und Unterführungen versorgen. Und dafür müssen sie sich sagen lassen, sie seien herzlos und unmenschlich gegenüber den Flüchtlingen. Was eine glatte Lüge ist.

Auch wenn die Medien auf der ganzen Welt eine ungarische Fernsehmacherin zeigen, die Migranten trat und dabei gefilmt wurde; auch wenn ein paar verrückte Hooligans die Flüchtlinge attackiert haben: Es gibt in Ungarn Rassisten, so wie es in Deutschland ja auch nicht die Liberalen waren, die Flüchtlingsunterkünfte angezündet haben, und wie es auch in anderen europäischen Ländern starke rechtsradikale Szenen gibt.

Aber Ungarn ist nicht rassistisch. Freiwillige Mitarbeiter von Bürgerorganisationen helfen rund um die Uhr. Sie warten am Strassenrand auf die Migranten und geben ihnen zu essen und zu trinken. Und meine Zeitung «Blikk» zum Beispiel, die grösste Tageszeitung, sammelt Spendengelder, um den bedürftigen Flüchtlingen warme Kleider und Decken zu beschaffen. Doch in Wahrheit ist die Migranten-Zeitbombe am Ticken. Wir sollten nicht warten, bis sie explodiert.

* Der Autor ist Politik-Redaktor bei der grössten ungarischen Tageszeitung «Blikk», die wie der Schweizer «Blick» vom Zofinger Verlagshaus Ringier herausgegeben wird. Szirmay schrieb den Text
für die «Schweiz am Sonntag» auf Englisch. Übersetzung: Florian Bissig.

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