Kurt Pelda*, nur wenige Journalisten wagen sich seit der Gewalteskalation in Syrien und im Irak in diese Region. Warum tun Sie das immer wieder?
Kurt Pelda: Weil mich das Schicksal der Menschen, der 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, nicht kalt lässt. Es ist die grösste humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten, deshalb müssen wir wissen, was dort passiert, und zwar von unabhängigen Reportern, die sich bis ins Krisengebiet vorwagen. Es gibt schon viel zu viele Journalisten, die sich ihre Berichte aus dem Internet zusammenschreiben. Das ist unseriös. Ich glaube, dass sich der Augenschein am Ort des Geschehens durch nichts ersetzen lässt. Er ist auch ausschlaggebend für jede ernsthafte Analyse.

Sie kennen die Lage vor Ort. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der westlichen, vor allem der Schweizer Medien über den Islamischen Staat IS?
Ohne es zu wollen, zu merken, haben sich viele Medien zum Sprachrohr der Steinzeitislamisten gemacht, indem sie deren Propagandavideos unkritisch übernahmen. Und damit Botschaften transportieren wie: Der IS ist stets auf dem Vormarsch, mit modernsten Waffen ausgerüstet, praktisch unbesiegbar. Das ist ein sehr einseitiges Bild, das am Ende noch mehr IS-Anhänger dazu bringen wird, in den angeblich Heiligen Krieg zu ziehen.

Die Medien lassen sich von der bildstarken IS-Propaganda instrumentalisieren?
Ja, eindeutig. Es hat sich aber gebessert, seitdem sich immer mehr Medien weigern, Bilder von Hinrichtungen weiterzuverbreiten. Aber auch so mangelt es an Fachleuten, die IS-Videos kompetent analysieren können, zum Beispiel mit Blick auf die verwendeten Waffen. Im Gegensatz zu dem, was uns weisgemacht wird, ist in diesen Videos selten Kriegsmaterial zu sehen, das nach 1995 produziert wurde.

Dass Sie von der «Weltwoche» bis zum SRF so gefragt sind, ist das ein Zeichen dafür, dass auf den Redaktionen die Ausland-Kompetenz nicht mehr vorhanden ist?
Die Auslandkompetenz ist schon vorhanden. Aber aus einem Kriegsgebiet Geschichten nach Hause zu bringen, ist nicht das Gleiche, wie die Berichterstattung über einen EU-Gipfel oder über die Ereignisse in Ferguson. Im Übrigen reisen ja auch ganz wenige unserer Journalisten nach Ferguson, um sich selbst ein Bild von den Ereignissen dort zu machen. Die Tendenz der Medien zur Fern-Diagnose und -Analyse halte ich für fatal, auch wenn es nicht um Syrien oder den Irak geht.

Was tun Sie selbst, um in diesem unübersichtlichen Konflikt die Lage objektiv zu beurteilen?
Objektiv ist ein grosses Wort. Ich habe natürlich mein Netzwerk von Informanten, und das Wichtigste ist, dass ich immer wieder selbst an den Ort der Ereignisse reise. Darum war ich praktisch der einzige westliche Journalist, der sich entgegen dem Mainstream zur Prognose hinreissen liess, dass die syrische Kurdenenklave Kobane nicht in die Hände des IS fallen wird. Damit habe ich objektiv recht behalten.

Wie, glauben Sie, lässt sich der IS zurückdrängen?
Der IS wird sich nur zurückdrängen lassen, wenn die Amerikaner eine Allianz von Partnern am Boden haben und sie koordinieren. Im Irak scheint das ganz gut zu funktionieren, aber in Syrien hat Washington nur die Kurden als zuverlässige Partner. Drei Jahre des Wegschauens und Nichtstuns rächen sich jetzt.

Sie sind auf Twitter aktiv. Wie hilfreich sind die sozialen Medien für Ihre Recherchen in Kriegsgebieten?
Extrem wichtig. Meine Reise nach Kobane, wo ich als erster westlicher Journalist überhaupt eintraf, wurde zum Beispiel von einem Mann organisiert, den ich nur von Facebook her kenne, den ich noch nie getroffen habe.

Wie verarbeiten Sie und Ihre Familie eigentlich das, was Sie in den Kriegsgebieten sehen und erleben?
Sich die Gedanken und Albträume von der Seele zu schreiben und darüber mit seinen Liebsten zu sprechen, das hilft mir am meisten. Und auch der Austausch mit Kriegsreporter-Kollegen trägt dazu bei, Traumata zu verarbeiten. Sie sind sehr häufig die einzigen Personen, die sich wirklich vorstellen können, was ich erlebt habe. Auch hier läuft der Kontakt meist über soziale Netzwerke.

Wie lange wollen Sie diesen Job noch machen?
So lange ich noch genug fit bin, physisch und psychisch. Und so lange mir Medien meine Berichte abkaufen. Leider gibt es immer mehr Medien, die keine Bilder und Texte von Freelancern aus Syrien kaufen – angeblich aus Sorge um die Sicherheit der Journalisten. Aus diesem Grund lehnte zum Beispiel die kanadische Tageszeitung «The Globe and Mail» einen langen Text von mir ab, bat mich aber um ein Interview zum selben Thema, natürlich ohne Bezahlung. Wer sich wirklich um das Schicksal von Kriegsreportern kümmern möchte, sollte dafür sorgen, dass wir angemessene Honorare erhalten. Nur dann können wir uns die Versicherungspolicen, Mietautos, Leibwächter, Mietautos und Satellitentelefone leisten, die in Syrien und anderswo überlebenswichtig sind.

*Kurt Pelda (49) studierte Wirtschaft in Basel. Er arbeitete als Wirtschaftsredaktor und Auslandkorrespondent für mehrere Zeitungen, darunter die «Financial Times». Als freischaffender Kriegsreporter berichtet er für die «Weltwoche», das Schweizer Fernsehen, den «Spiegel» und andere Medien.

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