Das Wetter ist wie bei jeder kommunen Begegnung von Normalbürgern auch bei Staatsempfängen das Small-Talk-Thema – zumal bei Frankreichs Präsident François Hollande, den die britische Presse als «Rain Man» verulkt, weil es überall, wo er auftaucht, meist wie aus Kübeln schüttet.

Mittwochnachmittag, Flugplätzchen Bern-Belpmoos, Rollfeld: Der Falcon-Jet mit Hollande ist soeben gelandet, und Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga begrüsst den hohen Gast. «Sie haben» (Küsschen) «für mich» (Küsschen) «eine strahlende Sonne reserviert», sagt Hollande. «Sie haben die Sonne» (Küsschen) «aus Paris mitgebracht», antwortet Sommaruga. Länderübergreifendes Kichern.

Dass derlei Plaudereien auf SRF 1 für das Fernsehpublikum zu hören sind, ist ein kleiner, wenn auch unproblematischer Regelverstoss gegen zahlreiche ungeschriebene Gesetze, an die sich die SRG als sogenannter Host Broadcaster bei der Live-Übertragung des Hollande-Besuchs in der Schweiz halten muss. Hörbare Worte zu übertragen – so will es die Auflage des Aussendepartements EDA – ist nur erlaubt, wenn sich die gefilmten Politiker offiziell in Reden oder Äusserungen an Medienkonferenzen an das gemeine Volk und die Journalisten wenden. Für die Befolgung solcher staatlichen Auflagen werden die Kameraleute und Ton-Operateure der SRG-Produktionsfirma TPC im Gegenzug mit ungehindertem Zugang belohnt – bis hinaus aufs Rollfeld neben die Präsidentenmaschine der französischen Luftwaffe in Bern-Belpmoos.

«Bienvenu! Sie haben schönes Wetter mitgebracht!», sagt Bundespräsidentin Sommaruga nach der Begrüssung Hollandes zu den Ministerinnen und Ministern, die Frankreichs Präsident auf seinem Staatsbesuch begleiten.

«Ist das nicht normal hier?», fragt Najat Vallaud-Belkacem, Ministerin für Bildung und Forschung, keck zurück.

Die SRG ist durch einen Rahmenvertrag mit dem Bund verpflichtet, die wöchentlichen Medienkonferenzen des Bundesrats aufzuzeichnen und die TV-Bilder sowohl dem Staat für den Live-Stream auf der Website www.admin.ch als auch privaten Fernsehstationen gratis zur Ausstrahlung zu überlassen. Ebenso verpflichtet ist die SRG, während der Sessionen die Beratungen im National- und Ständerat aufzuzeichnen. Bei Staatsempfängen wie jenem von François Hollande kommt der SRG als offiziellem Broadcaster die staatlich bestellte Aufgabe zu, ausländischen Fernsehstationen via European Broadcasting Union (EBU) sogenannte Pool-Bilder des zweitägigen Besuchs in der Schweiz zur Verfügung zu stellen. Vergleichbar ist dies mit Übertragungen von Fifa- oder Uefa-Fussballspielen, bei denen die Fussballverbände «Host Broadcaster» mit der Produktion der TV-Bilder beauftragen und damit auch bestimmen, welche Bilder das TV-Publikum zu sehen bekommt und welche – zum Beispiel Flitzer oder politische Transparente – nicht. Mit Journalismus hat das alles wenig zu tun, dafür umso mehr mit Unterhaltung.

Bei Staatsempfängen, die das offizielle Protokoll ohnehin bis ins letzte Detail regelt, spielen ähnliche Mechanismen zwischen Veranstalter (Staat) und TV-Verantwortlichen (SRG). Für den Hollande-Besuch so simpel wie treffend auf den Punkt gebracht: Das EDA baute die Bühne, die französischen Gäste sorgten für die Inszenierung, und die SRG filmte die staatlich gesteuerte Reality-Show.

Wie heikel die Nähe zwischen staatlichen Behörden und staatlich gelenkten TV-Machern sein kann, zeigte zuletzt der «Marsch der Republik» nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» in Paris. Die TV-Bilder der angereisten 50 Staats- und Regierungschefs – aufgenommen und verbreitet von der Nachrichtenagentur Reuters – erweckten den Eindruck, der Politiker-Tross laufe an der Spitze der Grosskundgebung mit. Tatsächlich entstanden die Bilder in einer abgesperrten Seitenstrasse. Der Fall löste eine Diskussion über die PR-Inszenierung von Fernsehbildern aus, die als Nachrichten verkauft werden.

Münsterplatz, Berner Altstadt: Grande Nation trifft auf Swiss Miniature. Der französische Präsident ist in der Staatslimousine vorgefahren worden, die Marseillaise von der Militärkapelle gespielt, ebenso wie der Schweizerpsalm, die Ehrenformation der Schweizer Armee abgeschritten – jetzt stellt Bundespräsidentin Sommaruga dem hohen Gast auf dem roten Teppich die Schweizer Regierung vor.

«Allô, Monsieur Président», sagt Ueli Maurer, aber da ist Hollande schon einen Bundesrat weiter – bei Didier Burkhalter: «Bonjour, comment allez-vous?», fragt der Schweizer Aussenminister mit einem jovialen Griff an Hollands Schulter.

«Mir geht es sehr gut, und Ihnen?», antwortet Hollande.

Burkhalter: «Ich danke Ihnen für Ihr Kommen . . . Sie bringen ja auch schönes Wetter mit!»

Hollande: «Sie haben mich vorgewarnt!»

Burkhalter: «Ich habe es Ihnen gesagt!» Länderübergreifendes Gelächter.

Die Frage ist durchaus berechtigt, ob das enge Zusammenspiel zwischen Staat und SRG, das in mehrere Sitzungen zur TV-gerechten Planung des Staatsbesuchs mündete, dem Publikum der SRF-1-Übertragung nicht transparenter gemacht werden müsste. Immerhin ist im Rahmenvertrag für den «Host Broadcaster» SRG festgehalten, dass für das offiziell als «audiovisuelle Protokolle» bezeichnete TV-Signal – das eine unverfälschte und nicht gewichtete Wiedergabe des Geschehens verlangt – die «inhaltliche Produzentenverantwortung» beim Veranstalter liegt, bei einem Staatsempfang also beim Staat.

Was gehört noch zum Informationsauftrag – durchaus im gegenseitigen Interesse, dafür steht der «Service public» –, und was ist bereits staatlich kontrollierte Propaganda? Dass ein Journalist die TV-Bilder kommentiert – bei der Übertragung des Hollande-Besuchs SRF-Bundeshaus-Korrespondent Gion-Duri Vincenz – und damit auch die publizistische Verantwortung übernimmt, ist die einzige Abgrenzung zur Staatspropaganda.

Dass die SRG-Bilder den hitzegeplagten Soldaten, der aus der Ehrenformation kippte, aufgrund des staatlichen Regelwerks im Gegensatz zu privaten Medien nicht in Grossaufnahme zeigten, ist allein schon medienethisch korrekt. Aber was ist mit dem Gebot des EDA, den französischen Staatsgast und die Bundesräte beim Apéro im Berner Rathaus nur in der Bildtotale zeigen zu dürfen? Oder der Regel, dass SRG-Aufnahmen im Nationalratssaal einen Politiker, der zum Beispiel an seinem Pültchen Tetris spielt, nicht mit gezieltem Zoom entlarven dürfen?

Für die Gegner der SRG, die dem öffentlich-rechtlichen Medienkonzern mit dem Referendum gegen die «Revision des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen» (RTVG) an den Kragen wollen, dürfte die bildmächtige TV-Inszenierung des Staats unter den Auflagen des Staats Beweis genug sein, um ihren Vorwurf des «Staatsfernsehens» zu bekräftigen. Andererseits: Nächste Woche startet der private TV-Sender Joiz ein Wirtschaftsmagazin für Jugendliche, das von Economiesuisse gesponsert und als «Branded Entertainment» bezeichnet wird – ist das besser?

Dass kaum ein Blatt passt zwischen den Staat und die SRG als «Host Broadcaster» bei der Inszenierung des Staatsempfangs für den französischen Präsidenten, sollte überdies nicht überdecken, dass sich auch der begleitende Tross aus französischen Journalisten und Schweizer Medienschaffenden der staatlichen Inszenierung unterwirft. Ihre Akkreditierung war an die Einhaltung eines 48-seitigen Drehbuchs geknüpft, in dem die französische Delegation auf Meter und Minute genau regelte, wo Fragen gestellt und Fotos gemacht werden durften. Für Journalisten, die sich nicht einbetten liessen und hinter den Abschrankungen unter die Zaungäste mischten, blieb eher unklar, was der Berichterstattung mehr diente: das Aus- oder Eingesperrtsein.

Sicher hingegen: Es gibt staatsfernere SRF-Sendungen als ein Staatsempfang.

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