VON DENISE BATTAGLIA

Der heute 11-jährige Thomas wurde schon im Kindergarten kritisiert. Die Kindergärtnerin machte Anna und Leo Berger (Namen geändert) darauf aufmerksam, dass ihr Sohn Mühe habe, sich länger zu konzentrieren. Die Eltern machten sich damals noch keine Sorgen. «Ein Kind muss das Stillsitzen im Kindergarten doch zuerst lernen, Buben sowieso», fand Anna Berger. Als Thomas in die Schule kam, wurden die Klagen häufiger.¨

Thomas sei unruhig, er lasse sich von den Klassenkameraden schnell provozieren und gerate in Rage, meldeten seine Lehrerinnen. Die Eltern liessen ihren Sohn auf Anraten der Schule von einer Psychologin abklären. Ihre Diagnose des Neunjährigen: «Tiefgreifende Persönlichkeitskrise».

Eine weitere Abklärung bei einem Kinderarzt ergab ein «nichttypisches Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom». Der Bub wurde in eine Spieltherapie geschickt. Doch der Bub war weiterhin leicht erregbar, unkonzentriert und fand keine Freunde. Nach weiteren Abklärungen wurden die Psychologen fündig: Thomas leidet am Asperger-Syndrom, einer leichten Form von Autismus.

Asperger-Syndrom? Wer noch nie von dieser «Entwicklungsstörung» gehört hat, hat entweder keine Schulkinder oder nur Töchter. Vom Asperger-Syndrom sind, wie beim Aufmerksamkeits-defizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), vor allem Buben betroffen – das Geschlechterverhältnis beträgt 4:1.

Die Lage scheint ernst, die Beratungsstellen schiessen aus dem Boden wie Pilze. Gab es vor 10 Jahren gerade mal zwei Anlaufstellen in der Deutschschweiz, sind es heute bereits 18. Jedes Jahr würden ein bis zwei neue Beratungsstellen hinzukommen, sagt Brigitt Germann, Sekretärin bei der Elternvereinigung für Autismus Schweiz.

Zwar sind noch lange nicht so viele Buben davon betroffen wie vom ADHS. Die Zahl der Kinder mit der Diagnose «Autismus-Störung» steigt aber ähnlich rasant. Vor 20 Jahren gingen die Psychologen noch davon aus, dass 0,04 Prozent der Kinder davon betroffen sind. Eine Studie aus dem Jahr 2006 in Grossbritannien mit 57000 Kindern im Alter von neun Jahren diagnostizierte jedoch schon bei einem Prozent eine Autismus-Störung.

Das ist 25-mal mehr. Ronnie Gundelfinger, Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich, führt die steigende Zahl auf die verbesserten Diagnosemöglichkeiten zurück. Er selber habe im vergangenen Jahr rund 50 Asperger-Syndrome bei Kindern festgestellt. Früher waren es vielleicht ein Dutzend.

Bei Thomas Girsberger, Kinderpsychiater in Liestal, werden allein pro Monat rund 10 Kinder neu zur Abklärung angemeldet. Girsberger, der sich auf Autismus und das ADHS spezialisiert hat, bietet für betroffene Kinder Gruppentherapien an. Die Nachfrage sei gross, er müsse eine Warteliste führen, sagt er.

Der Anstieg sei «exorbitant», bestätigt Martin Brunner. Er ist Co-Präsident der Leitervereinigung der schweizerischen Schulpsychologischen Dienste und leitet jenen von Baselland.

Das Asperger-Syndrom sei derzeit ein grosses Thema in der Schule. Die Schwierigkeit sieht Brunner weniger in der Diagnose selbst. Wichtiger sei doch die Frage, wie die Schule generell mit schwierigem Verhalten umgehen soll. Er selbst hat Mühe damit, dass dem Verhalten von Jungen immer häufiger der Stempel «krank» aufgedrückt wird.

«Jungs verhalten sich doch einfach anders als Mädchen. Sie sind lauter, körperlich aktiver, und manchmal trommeln sie sich halt – wie Primaten – hin und wieder auf die Brust, wenn sie wahrgenommen werden wollen». Solange aber die Schule unter dem Generalverdacht stehe, Kuschelpädagogik zu betreiben, sei ihr Spielraum auf das Verhalten von Buben einzugehen, beschränkt.

Heute soll fast ein Drittel aller Kinder am Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts-Syndrom leiden. Die grosse Mehrheit sind Buben – sie werden oft mit Ritalin ruhiggestellt. Buben, die sich nicht verhalten wie Mädchen, sind ein Problem. «Wer einen Sohn gebärt, ist später in regem Kontakt mit Lehrerinnen und Schulpsychologinnen und Heilpädagoginnen», sagt Anna Berger. Sie weiss, wovon sie spricht: Sie hat fünf Söhne.

Vor der Tendenz, das Verhalten von Buben zu pathologisieren, warnt Remo Largo, Kinderarzt, Buchautor und Vater von drei Töchtern, schon lange. «Ich wünschte, das würde endlich aufhören», sagt er. Ihn stört, «dass die Erwachsenen nicht fähig sind, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind». Und Buben seien nun mal in jedem Alter unreifer, weniger sprachgewandt und sozialkompetent als Mädchen.

Selbst Kinderpsychiater Girsberger, dessen Kundschaft vor allem aus Buben mit Entwicklungsstörungen besteht, stimmt dem zu: «Könnten die Jungs wie Huckleberry Finn leben, würden wir nicht über ADHS oder Asperger-Syndrom sprechen.» Aber die Schule wolle keine Huckleberry Finns. Die Schule wolle ruhige, gehorsame Kinder. So sind vor allem Mädchen.

Anna und Leo Berger habe sich lange dagegen gewehrt, ihren Sohn abklären zu lassen. «Wir wussten zwar, dass er anders und anspruchsvoller ist. Aber wir sagten uns lange: Das ist Thomas. So ist er nun mal», erzählt Anna Berger. Als die Eltern aber realisierten, dass Thomas in der Schule leidet und seine Fähigkeiten wegen seiner Schwierigkeiten nicht mehr beachtet werden, gaben sie nach.

Seit drei Wochen nimmt der Fünftklässler Ritalin. Seither könne sich Thomas besser konzentrieren und sei weniger dünnhäutig. «Und auch die Rückmeldungen der Lehrerinnen sind plötzlich positiv.»

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