Der öffentliche James Middleton las in Anzug und Krawatte an der Hochzeit seiner älteren Schwester Kate Middleton vor gut einer Woche in der Westminster Abbey aus der Bibel vor. Der private James Middleton lässt den Anzug auch mal weg. Im Internet zeigt sich der 24-Jährige gerne splitterfasernackt oder in Frauenkleidern. Der junge Mann macht kein Geheimnis aus seinem Privatleben.

Dabei wurde die Privatsphäre in den vergangenen 50 Jahren immer wichtiger. «Das ging einher mit der Individualisierung», sagt Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit. Das Recht auf einen Bereich, in dem sich der Mensch frei und ungezwungen verhalten kann, ohne von Dritten kontrolliert zu werden, ist auch in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert.

Doch das Individuum will auch Aufmerksamkeit, «es will bemerkt werden», sagt Christa Dürscheid, Germanistikprofessorin an der Universität Zürich. Um gesehen und gehört zu werden, müssen Menschen zugegen sein. Das Internet bietet die idealen Plattformen dafür. Ob auf Twitter, Youtube oder Facebook: Heute kann sich jeder einem breiten Publikum präsentieren. Nichts scheint zu persönlich, um nicht an die Öffentlichkeit getragen zu werden.

Christa Dürscheid nennt dieses Phänomen «Ent-Innerlichung – das Innerste wird preisgegeben. Die Anwesenheit von anderen im virtuellen Raum mag die Internetnutzer dazu anregen, sich zu offenbaren. Dennoch vermutet die Germanistin, die untersucht, wie sich die Sprache durch Facebook und Co. verändert, dass manche vergessen, wie viele Menschen Zeugen ihres Auftritts werden, dass jeder schriftlich fixierte Gefühlsausbruch und jedes peinliche Bild unwiderruflich ist. Das Internet vergisst nichts und nie.

Mit den Möglichkeiten des Internets hat sich das Private verändert. Privat ist nicht mehr das Nichtöffentliche. Drinnen und Draussen ist je länger, je mehr dasselbe. «Die Grenzen weichen sich auf, die Übergänge verschwimmen», sagt Soziologe Mäder.
Ist die Privatsphäre eine Idee von gestern? Zumindest Mark Zuckerberg, der 27-jährige Gründer von Facebook, sähe sie gerne abgeschafft. Er glaube daran, schreibt sein Biograf David Kirkpatrick, «dass es die Gesellschaft besser macht, wenn wir alle offen zeigen, wer wir sind». Zuckerberg, den das private Geplauder zum Multimilliardär machte, fordert, «dass sich die Welt öffnet und vernetzt».

Wer nichts zu verstecken habe, werde sich auch nicht gegen diese Öffnung wehren. Und überhaupt: «Zwei Identitäten zu haben», eine private und eine öffentliche, «beweise einen Mangel an Integrität», findet Zuckerberg.

Support erhält er von Google-Chef Eric Schmidt. Auch er rechtfertigte Google Streetview im letzten Jahr auf dem TV-Sender CNBC mit den Worten: «Wer etwas tun will, von dem andere nicht erfahren dürfen, der sollte dies vielleicht besser bleiben lassen.»

Mit einer «nie dagewesenen Brutalität und Finesse werden die Menschen heute dazu gezwungen, ihr Innerstes preiszugeben», empört sich Andreas Brenner, Philosophieprofessor an der Universität Basel und an der Fachhochschule Nordwestschweiz, ob solcher Argumente. Wer nicht mitmache, stehe unter dem Verdacht, etwas Verbotenes zu tun.

Der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, so Brenner, habe damals genau das gleiche Vokabular benutzt wie der Facebook- und der Google-Chef heute: «Stets wurde die Gemeinschaft betont, deren Mitglieder voreinander nichts zu verstecken haben.» Der einzige Unterschied zu damals sei, dass nicht ein Staat, sondern Unternehmen alle Lebensbereiche der Menschen erfassen und kontrollieren wollten. Was Brenner Sorgen macht ist, dass so viele Menschen «dieser reaktionären Idee», die unter dem «Deckmantel der Liberalität» daherkomme, folgten.

Daten seien die Goldminen der Zukunft, sagt auch ETH-Professor Dirk Helbing. «In den Datenbeständen der Unternehmen stecken vermutlich mehr persönliche Informationen, als die Geheimdienste totalitärer Staaten in der Vergangenheit je hatten», warnte er kürzlich auf «Sicherheit.info», dem Onlineportal der Zeitschriften «Protector» und «W&S». Eine aktuelle Studie des WEF bezeichne personenbezogene Daten als neue Kategorie von Wertanlagen.

Wissen ist Macht – ist wirtschaftliche Macht. Kein Wunder, ist derzeit ein einziges Facebook-Profil geschätzte hundert Dollar wert. Die Möglichkeiten zur Erfassung und Überwachung von Konsumenten und Bürgern sind mit dem Internet grösser denn je.

Die Daten können umfassenden Einblick in Lebensgewohnheiten, Vorlieben, politische Absichten, Krankheiten, das Liebesleben und vieles mehr geben. Vor allem Unternehmen, aber auch Regierungen versuchen vermehrt, die Datenspuren, die Internetnutzer hinterlassen, auszuwerten. So nutzen Ermittlungsbehörden in den USA die sozialen Netzwerke zum Beispiel als Beweis für Alkoholkonsum bei Minderjährigen.

Wie viel die Kontakte bei Facebook über einen aussagen können, hat ein Experiment am amerikanischen Massachusetts Institut of Technology bewiesen: Studenten werteten die Daten von Kommilitonen bei Facebook aus, um herauszufinden, wer möglicherweise homosexuell orientiert ist. Dabei identifizierten sie die Personen vor allem aufgrund der Struktur ihres Freundeskreises. Sie lagen mit ihren Vermutungen richtig.

Nicht nur der private und der öffentliche Bereich verschmelzen, auch die virtuelle und die räumliche Öffentlichkeit werden eins: Die iPhones zum Beispiel registrieren genau, wo sich der Nutzer gerade aufhält. Apple speichert diese Information mit Datum und Uhrzeit auf unbestimmte Zeit. Nicht nur jeder – freiwillig – schriftlich geäusserte Gedanke wird abrufbar, sondern auch jeder Schritt.

Auch wenn sich viele Internetnutzer nicht um ihr Privatleben scheren, scheint der Kampf um dessen Schutz wichtiger denn je. Das Private, betonen Christa Dürscheid und Andreas Brenner, gehöre zur Menschwerdung. «Die Geburt findet im Privaten statt und in diesem geschützten Rahmen übt der Mensch auch seine Fähigkeiten ein, bevor er an die Öffentlichkeit tritt», sagt Philosoph Brenner. Eine Stätte zu haben, zu der niemand Zutritt habe, gebe Sicherheit und Geborgenheit.

Der Mensch finde hier auch Ruhe und Distanz, um über sich selbst, sein Handeln und die Welt nachzudenken. Schamgefühl, nennt Brenner als Beispiel, könne nur im Privaten entwickelt werden. «Wenn die Menschen kein Schamgefühl mehr entwickeln können, und wenn uns das als Fortschritt verkauft wird, dann offenbart uns dieses Business seine menschenverachtende Fratze.»

Der private Raum ermöglicht aber nicht nur Distanz von anderen: Er ermöglicht auch Nähe. «Nähe wird im Privaten hergestellt – zu den Menschen, die einem wichtig sind, wichtiger als die vielen anderen da draussen», sagt Christa Dürscheid. Denn: «Man kann nicht eine Beziehung zur ganzen Welt haben.»

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