Der «Guardian» gehört zu den besten Tageszeitungen der Welt – und gilt vielen als Vorbild, weil Chefredaktor Alan Rusbridger seit 2006 konsequent auf Online-Journalismus setzt: Jeder Artikel wird zuerst kostenlos ins Netz gestellt, bevor er in der Zeitung erscheint.

Mit dieser radikalen «Online first»-Strategie schaffte das britische Blatt den Sprung zur fünftgrössten Zeitungs-Website der Welt, mit monatlich 40 Millionen Nutzern. Nur zwei chinesische Portale, die «New York Times» und «Daily Mail» haben noch mehr Leser. Das erklärte Ziel der «Guardian»-Macher: die Zeitung als globale, digitale Medienmarke zu positionieren. Bereits heute kommt nur noch ein Drittel der «Guardian»-Nutzer aus Grossbritannien. Letzte Woche gab die Zeitung bekannt, ihre globalen Aktivitäten inskünftig unter www.theguardian.com zu bündeln.

Alles kostenlos ins Netz zu stellen, hat allerdings auch seinen Preis: 2012 machte der «Guardian» satte 56 Millionen Euro Verlust. 100 von insgesamt 650 Journalisten mussten gehen oder wurden entlassen. Es waren die ersten Entlassungen in der fast 200-jährigen Firmengeschichte.

Deshalb steht jetzt auch beim «Guardian» zumindest inoffiziell die Frage im Raum: Paywall oder nicht?

Das Thema Paywall spaltet die Medienbranche wie kaum ein anderes Thema. Die einen sehen darin eine Möglichkeit, die wegbrechenden Erlöse im Printgeschäft zumindest teilweise aufzufangen. Die anderen glauben nicht daran, dass sich Internetnutzer dazu bewegen lassen, für journalistische Inhalte im Netz zu zahlen. Dazu kommt das Problem, dass Inserate nach Reichweite bezahlt werden und Bezahlschranken die Reichweite empfindlich schrumpfen lassen.

Auch am diesjährigen Swissmediaforum, das vergangene Woche in Luzern über die Bühne ging, initiiert von «Schweiz am Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller, war die Paywall ein dominierendes Thema. «Tages-Anzeiger»-Chef Res Strehle kündigte an, dass Newsnet ab Anfang 2014 kostenpflichtig werden soll. Zu reden gegeben haben auch die miserablen Paywall-Zahlen der NZZ, die bisher erst 800 Leserinnen und Leser dazu bewegen konnte, für Internet-Inhalte zu bezahlen – was NZZ-Digitalstratege Peter Hogenkamp zwar bestritt, andere NZZ-Mitarbeiter am Anlass aber bestätigten.

Auch «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger war als Gast für das Forum vorgesehen, an seiner Stelle sprach dann aber Wolfgang Blau, «Director of Digital Strategy». Blau, der vor seinem Wechsel zum «Guardian» die Online-Aktivitäten der deutschen «Zeit» verantwortete, liess durchblicken, dass die Kostenlos-Strategie des «Guardian» nicht sakrosankt ist: «Wir haben nichts gegen Paywalls.» Blau plädierte aber trotzdem für «Open Journalism» – eine möglichst schrankenlose Verbindung zwischen Medien und ihren Nutzern.

Darauf setzt auch Rusbridger, wie er per E-Mail gegenüber der «Schweiz am Sonntag» betont: «Offener Journalismus ist unser Geschäftsmodell, und die Verwendung der digitalen Technologie in unserer gesamten Organisation eingebettet.» Die einzig mögliche Antwort auf den tiefgreifenden Strukturwandel der Medienbranche sei es, Experimente zu wagen und immer wieder Neues auszuprobieren: «Glücklicherweise hatte der Guardian die Weitsicht, sehr früh auf eine digitale Strategie zu setzen, was uns eine grossartige Grundlage gegeben hat, mit Online-First zu einer der grössten Zeitungs-Websites der Welt zu werden.» Was mit «Open Journalism» gemeint ist, illustriert Rusbridger mit folgendem Beispiel: «2004 schrieb der amerikanische Journalist Dan Gillmor: ‹Meine Leser wissen mehr als ich.› Das ist nicht immer wahr, manchmal wissen wir Journalisten mehr. Aber es ist gesund für einen Journalisten, diesen Gedanken mit sich herumtragen.» Blau betonte am Swissmediaforum, entscheidendes Merkmal von offenem Journalismus sei es, die Leserinnen und Leser schon bei der Entstehung von Geschichten und Recherchen einzubinden und die Zeitung als «Teil des Internets» zu begreifen.

Trotz der Millionen-Verluste bestreitet Alan Rusbridger gegenüber der «Schweiz am Sonntag», mit seinem Kostenlos-Konzept für den «Guardian» gescheitert zu sein: «Wir haben uns einen klaren Fünfjahresplan gesetzt, wir wollen investieren und wachsen, und das funktioniert. Unsere Geschäftszahlen bis April 2013 werden zeigen, dass wir im digitalen Geschäft im Vergleich zum Vorjahr zweistellig wachsen.» Darüber hinaus gelte für das Medienbusiness, was US-Medienprofessor Clay Shirky folgendermassen auf den Punkt brachte: «Das Alte geht schneller kaputt, als das Neue seinen Platz findet.»

Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob weiterhin nicht nur die Zugriffszahlen auf die «Guardian»-Website kontinuierlich wachsen, sondern auch die Defizite.

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