Es war ein Satz, der Abenteuer versprochen hat: «Die Welt im 21. Jahrhundert braucht Medien aus dem 21. Jahrhundert», stand vor genau einem Jahr in der ersten Ausgabe der «TagesWoche» geschrieben. «Die ‹TagesWoche› verbindet Web und Zeitung auf neuartige Weise», wurde da versprochen.

Und dieses Versprechen von anderen Medien euphorisch aufgenommen: «Netzrebellen gegen Rechtspopulisten», titelte «Spiegel Online». Nein, eine «Anti-BaZ» wollten die Macher der «TagesWoche» explizit nicht sein, auch wenn die Wirren um die «Basler Zeitung» und deren Besitzer aus dem rechtsbürgerlichen Lager die Gründung des neuen Mediums überhaupt erst angeschoben haben. Und damit auch viel Aufmerksamkeit und Wohlwollen auf das neue Medium lenkten. Wäre diese Aufmerksamkeit auch derart gross gewesen, hätten die Macher einfach gesagt, sie machten eine Regionalzeitung mit einer Website?

Genau das ist die «TagesWoche » ein Jahr nach dem Start nämlich: eine Regionalzeitung mit einer Website. Solid, aber gewöhnlich. Und ziemlich erfolgreich, zumindest im Lesermarkt. 18 500 Abonnenten zählt das Blatt, anvisiert waren 15 000 am Ende des ersten Lebensjahres. 3000 Personen kaufen die Zeitung Woche für Woche am Kiosk. Nur im Werbemarkt läuft es noch nicht so wie gewünscht. Die Werbeeinnahmen bewegen sich 20 bis 30 Prozent unter Budget. Geld ist jedoch genügend vorhanden: Mäzenin Beatrice Oeri und ihre Stiftung sichern die Finanzierung der «TagesWoche» auch noch die nächsten drei Jahre.

Grösste Kritik nach den ersten paar Wochen «TagesWoche»: die Bravheit. Das störte anfänglich auch das Komitee «Rettet Basel» um Guy Krneta, die mit ihrem Protest gegen die «Basler Zeitung» die Bewegung für ein neues Medium ausgelöst haben. Nach einem Jahr zieht er eine positive Bilanz: «Die ‹TagesWoche› ist pointierter geworden und unabhängiger in der Themensetzung. Die journalistische Handschrift der einzelnen Autorinnen und Autoren wird deutlicher.»

So sehen es auch die Macher selbst: «Wir haben heute mehr Ecken und Kanten als beim Start. Die Leute mussten sich zuerst an die publizistische Freiheit bei der ‹TagesWoche› gewöhnen. Viele hatten von früheren Arbeitgebern eine Schere im Kopf», sagt Co-Redaktionsleiter Urs Buess. «Zudem musste sich das Team, alles Journalisten aus Tageszeitungen, zuerst an die Arbeit bei einer Wochenpublikation gewöhnen.»

Grösste Kritik nach einem Jahr «TagesWoche»: Sie bleibt, was die Verknüpfung von Print und Online angeht, hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück.

Nur selten setzt die «TagesWoche» neue Akzente, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte, werden Geschichten aus der Zeitung online weiterentwickelt, Twitter-Meldungen in die Berichterstattung eingebaut, wird mit Bewegtbildern experimentiert. Viel zu selten, also genau so selten wie bei anderen Medien, mischt sich die Redaktion in Online-Diskussionen der Leserschaft ein. Experimente, wie mit Online-Inhalten Geld verdient werden könnte, fehlen gänzlich. So richtig schlimm kommt es allerdings erst noch: Künftig will die «TagesWoche» jede Woche eine Doppelseite Internet-Inhalte in die Zeitung drucken. Wie die Printmedien vor zehn Jahren, während des grossen Online-Bubbles. Ist das die versprochene Medienzukunft?

Weil im ersten Jahr vor allem für die Zeitung geworben wurde, würden viele die Website noch gar nicht kennen. Doppelleser seien selten. Deshalb wolle man in der Zeitung auf die Website aufmerksam machen, sagt Buess, der die Kritik fehlender Innovation zurückweist: «Unser heutiges Renommee haben wir mit der Printzeitung erreicht. Ohne Zeitung hätten wir nicht den Erfolg, den wir heute haben.» Das Team sei klein, die Ressourcen begrenzt. Mit der App, die bald lanciert werde, stosse die «TagesWoche» zudem ein neues, digitales Kapital an.

Im zweiten Jahr wird der Online-Erfolg entscheidend. Sonst könnte sich die Titelzeile der aktuellen Printausgabe in drei Jahren bewahrheiten: «Kurzschluss».

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