Wer die aktuelle Griechenland-Krise in ein paar Jahren geschichtlich aufarbeiten will, braucht keine Briefe zwischen Staatspräsidenten auszugraben; er muss auch nicht auf die Memoiren eines Ministers warten, der damals am Verhandlungstisch sass. Zitieren kann der Historiker: Tweets. Nie zuvor war Weltpolitik so öffentlich wie während des Dramas um die Zukunft Griechenlands und der Eurozone – und selten spielte dabei wohl ein Medium eine derart wichtige Rolle wie der Kurznachrichtendienst Twitter.

Als am Montagmorgen dieser Woche die Regierungschefs der Eurozone nach einem 17 Stunden dauernden Gipfel auseinandergingen, war es nur logisch, dass das Resultat auf Twitter bekannt wurde. «Agreement», schrieb der belgische Premierminister Charles Michel um 8.39 Uhr – Einigung. Sein Amtskollege aus Malta, Joseph Muscat, folgte einige Minuten später: «Deal – JM.» Es waren diese Mitteilungen, auf die sich Nachrichtensender wie BBC und Sky News beriefen, als sie den Verhandlungsdurchbruch vermeldeten.

Logisch war es, weil es sich nicht nur mit dem Ergebnis der Gespräche so verhielt. In all den Wochen und Monaten, in denen die europäischen Geldgeber mit Griechenland rangen, wurden die Positionsbezüge und roten Linien der Regierungen oft schon öffentlich, bevor die Akteure direkt miteinander sprachen. Was sich früher in den Hinterzimmern der Diplomatie abspielte, stand plötzlich für alle in Echtzeit nachlesbar im Netz – von den Verhandlungsführern bewusst platziert. «Es war manchmal, als verfolge man einen Fussballmatch im Liveticker», sagt ein Beobachter in Brüssel.

Da war zum Beispiel der Malteser Muscat, der am Sonntag vor Verhandlungsbeginn seine Haltung durchgab. «Wir brauchen eine Lösung, aber nicht um jeden Preis», twitterte er. Sein Land werde sich gegen einen Schuldenschnitt für Griechenland aussprechen, aber für flexible Konditionen stimmen. «Einverstanden», antwortete der Premierminister Estlands, Taavi Rõivas. Oder da war, eine Woche zuvor, der Aussenminister Litauens, der in 140 Zeichen deutlich machte, weshalb es nicht nur die deutsche Regierung ist, die gegenüber Griechenland eine harte Haltung einnimmt. «Schwierig, Griechenland gegen den Willen seiner Bevölkerung zu helfen, mit einer Regierung, die in einer Parallelwelt lebt», schrieb Linas Linkevicius. Gerade den Vertretern der kleinen EU-Staaten hat Twitter in der Krise eine Plattform geboten.

Die Europäer zogen mit dieser Form öffentlicher Diplomatie nur nach, was die Griechen schon lange taten. Der inzwischen zurückgetretene Finanzminister Yanis Varoufakis war in seiner kurzen Amtszeit ein manischer Twitterer: Er teilte Interviews, Zeitungsartikel und verlinkte auf seinen Blog. Und immer wieder benutzte er das Medium erfolgreich, um mit scharfen Worten um Verständnis für die griechische Position zu werben. Auch seinen Abgang verkündete Varoufakis über Twitter. Sein Premierminister Alexis Tsipras führte vor dem Referendum über die Sparauflagen eine intensive Kampagne in den sozialen Medien – und zielte mit einem englischsprachigen Account auf die Sympathien der europäischen Öffentlichkeit. «Unser Volk kämpft ohne Schwerter und Kugeln», schrieb Tsipras etwa. «Es hat etwas Stärkeres auf seiner Seite: das Recht.»

Welche Folgen hat die neue Öffentlichkeit für die Aussenpolitik? Michael Ambühl führte als Staatssekretär jahrelang Verhandlungen für die Schweiz; heute ist er Professor für Verhandlungsführung und Konfliktmanagement an der ETH. «Die sozialen Medien haben mehr Informationen und Transparenz in die Gespräche gebracht», sagt er. Dadurch sei auch das Interesse der Bevölkerung in den europäischen Staaten gestiegen – und manche Akteure hätten in der öffentlichen Meinung verstärkt ein Instrument erkannt, das sich zu ihren Gunsten einsetzen lasse.

Überbewerten will Ambühl diese neue Transparenz allerdings nicht. Die sozialen Medien hätten den Ausgang der Verhandlungen nicht wesentlich beeinflusst. «Die Beschlüsse des Euro-Gipfels beruhten auf dem festen politischen Willen, Griechenland im Euro zu behalten – auch zum Preis eines teuren Hilfspakets», sagt der frühere Spitzendiplomat. Die Griechen hätten dabei von einem speziellen Sympathiebonus profitiert, den sie in Europa aufgrund historischer und kultureller Bindungen seit je hätten. «Einem anderen Land hätte man möglicherweise weniger Nachsehen entgegengebracht.»

Mehr Bedeutung misst Ambühl einer anderen Tendenz zu: Die Krise habe gezeigt, dass Wendepunkte oft in Vorverhandlungen im kleinen, informellen Rahmen fielen – etwa, als sich Deutschlands Angela Merkel und Frankreichs François Hollande während des Gipfels vom Tisch der Euro-Regierungschefs lösten und mit Tsipras und EU-Ratspräsident Donald Tusk allein verhandelten (was mehrmals geschah). «Damit besteht die Gefahr, dass kleinere Mitgliedstaaten bei der Entscheidungsfindung marginalisiert werden.»

Der griechischen Regierung attestiert Ambühl, sich taktisch gut geschlagen zu haben. «Griechenland hat aus einer schwachen Verhandlungsposition heraus ein weiteres, grosses Hilfspaket erhalten – und dies, obwohl allen klar ist, dass die Schulden kaum je zurückbezahlt werden können.»

Nicht nur in Griechenland sehen das viele anders. Erpressung, Diktat, Kolonialvertrag: Gross ist die Kritik an den Bedingungen, die die Geldgeber den Griechen auferlegt haben. Davon zeugt die Protestwelle, die am Sonntag noch vor Beginn des Gipfels unter dem Hashtag #thisisacoup («Dies ist ein Putsch») das Netz erfasste.

Viel Unterstützung findet diese Position bei prominenten amerikanischen Ökonomen wie Paul Krugman, Joseph Stiglitz und Jeffrey Sachs, die sich ebenfalls auf Twitter zu Wort melden. Jeweils nachmittags ändere sich dort die Stimmung, kommentierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» diese Woche: «Wenn Amerika aufwacht, wird Griechenland zum Thema. Dann rechnen die Amerikaner mit der Rettungspolitik Europas ab.»

Einseitig sei der Ton in den sozialen Medien aber nicht, sagt der Schweizer Journalist Mathieu von Rohr, der die Krise als stellvertretender Auslandchef des «Spiegels» begleitet. Die Debatte verlaufe von Land zu Land anders. In Deutschland dominiere das Narrativ von den reformfaulen Griechen, im angelsächsischen Raum und in Südeuropa das Unverständnis über die deutsche Rolle. «Auf Twitter prallen diese nationalen Diskurse aufeinander», sagt von Rohr. «Das zwingt Beobachter und Akteure, sich auf die Argumente der Gegenseite einzulassen.»

Es ist auch ein Kampf um Deutungshoheit, der in den sozialen Medien ausgetragen wird. Immer schlechter weg kommt dabei die deutsche Regierung, die im Bemühen, ihre Position in der Griechenland-Frage zu erklären, unglücklich wirkt. Auf Twitter sind weder Merkel noch Finanzminister Wolfgang Schäuble präsent. Nur Vizekanzler Sigmar Gabriel hat ein Konto. Sein letzter Eintrag datiert vom Oktober 2013. Dort steht: «Aufgrund massiver technischer Probleme mussten wir den für heute angekündigten Chat abbrechen. Wir holen ihn so schnell wie möglich nach.»

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