Er ist männlich, ein bisschen machoid, knallhart und er ruft, wie der aktuelle «Blick»-Chefredaktor, am Abend schon mal durch den Newsroom: «So, und jetzt verpisst euch alle!» So stellt man sich den Chef einer Boulevardzeitung vor.

Und jetzt sitzen zwei freundlich lächelnde Frauen da, beide businesslike, beide blond, mit eher sanften Gesichtszügen. So sehen also die Chefinnen der beiden Westschweizer Boulevardzeitungen aus. Ariane Dayer (48) leitet die mit Abstand auflagenstärkste Zeitung, das Sonntagsblatt «Le Matin Dimanche». Davor führte sie die Tageszeitung «Le Matin», bis sie vor zwei Jahren die Chefredaktion an Sandra Jean (37) übergab.

Nun muss man erst einmal wissen, dass die beiden Zeitungen mit dem orangen Logo zwar in die Kategorie Boulevard gehören, aber traditionell keinen Blut-und-Busen-Stil à la «Blick» pflegen. Es ist ein familientauglicher Boulevard: personalisierte Politik, People, Lifestyle, konsumorientierte Wirtschaft. Gezielt und manchmal etwas pädagogisch werden komplexe Themen runtergebrochen und eingeordnet.

Dennoch, die zwei Frauen sind keine Softies. Beide sind im Polit- und Recherchejournalismus gross geworden, also nicht in klassischen Frauendomänen wie Lifestyle- oder Magazinjournalismus – und genau das halten sie für den zentralen Grund, dass sie es nach ganz oben geschafft haben. «Relevante Politgeschichten und Meinungsartikel geschrieben zu haben, das war wichtiger für die Karriere als zum Beispiel Networking; darin sind die Männer besser», sagt Ariane Dayer.

Die Walliserin studierte Politikwissenschaften und wurde bereits mit 27 Jahren Bundeshauskorrespondentin für die damalige Tageszeitung «La Suisse». Mit 32 war sie Politik-Chefin des Ringier-Nachrichtenmagazins «L’Hebdo», mit 33 dessen Chefredaktorin.

Dort blieb Dayer bis kurz nach der Affäre um den Berliner Botschafter Thomas Borer, der nach einer «Blick»-Kampagne zurücktreten musste. Dayer mochte bei der Ringier-Kampagne nicht mitmachen, sie schrieb ein mutiges Editorial: «Der Journalismus hat einen anderen Auftrag, als Belanglosigkeiten auszubreiten.» Der Medienmechanismus könne «schrecklich» sein und «Menschen kaputtmachen». Drei Monate später verliess sie Ringier und wechselte zu Edipresse, wo sie 2008 erst Chefredaktorin von «Le Matin» und 2010 von der auflagenstarken Sonntagsausgabe wurde.

Sandra Jean, die früher Karate trainierte und mit 26 Jahren Mutter einer Tochter wurde, studierte Journalismus an der Universität Fribourg, wo sie ausgerechnet eine «Matin»-kritische Abschlussarbeit schrieb. Das Medienmagazin «Klartext» machte sie darauf zur «Anti-Rothenbühler», weil Peter Rothenbühler damals als «Matin»-Chefredaktor den von Jean kritisierten Boulevardkurs eingeschlagen hatte.

Doch Rothenbühler war es, der Sandra Jean zum «Matin» holte, nachdem sie über zehn Jahre für das Westschweizer Radio gearbeitet hatte, zuletzt als Bundeshaus-Korrespondentin. «Sie ist eine echte Kanone», schwärmte Rothenbühler – der Chef der beiden Chefredaktorinnen – in einem Interview.

Diese haben allerdings einen fast unmöglichen Auftrag: Sie sollen die Erosion der Auflage stoppen. Seit 2005 verlor «Le Matin» 25 Prozent seiner Auflage, die Sonntagsausgabe 20 Prozent. Immerhin gelang es, in den letzten zwei Jahren den Schwund markant abzubremsen. Ein bemerkenswerter Teilerfolg.

Das Umfeld ist schwieriger denn je, und das vielleicht grösste Problem für den «Matin» wird im selben Gebäude an der Lausanner Bahnhofstrasse produziert: «20 Minutes», das wie der «Matin» zu Tamedia gehört, jagt der Bezahlzeitung nicht nur Leser ab, sondern auch Inserenten. Und im Internet ist das dynamische Gratismedium mit Sukkurs aus der Zürcher Zentrale dem «Matin» weit voraus, der noch nicht einmal eine iPad-Ausgabe hat. «Wir arbeiten daran», sagen Jean und Dayer.

Fast alle Westschweizer Zeitungen verloren in den letzten Jahren stärker an Auflage als die Deutschschweizer Blätter. Warum, bleibt rätselhaft. Denn Gratiszeitungen gibt es im Osten ja schon länger. Marc Comina ist Buchautor und war langjähriger Journalist (u. a. «Facts», «Le Temps»), heute leitet er seine eigene PR-Agentur. Für ihn hat der Westschweizer Journalismus ein grundsätzliches Problem: «Es gibt hier zu wenige gute Journalisten.» Und diese seien oft zu wenig innovativ: «Nur wenige Print-Journalisten sind zum Beispiel auf Twitter aktiv.»

Auch Dayer und Jean sucht man auf Twitter vergebens. Trotz ihres jungen Alters sind sie klassische Promotorinnen des Prints, darüber reden sie mit wesentlich mehr Temperament als übers Internet. «J’adore le print», sagt Jean. «Es tut mir weh, zu sehen, wie die Zeitungen schrumpfen und schrumpfen.» Die Printkrise werde sich beschleunigen, wenn die älteren Leser wegsterben, ergänzt Dayer, «aber der Journalismus wird überleben». Wie sie ihre Zeitungen durch den Sturm des Medienwandels steuern wollen – dazu haben auch sie keine neuen Ideen. «Zurzeit gehört die Zukunft noch dem Print», sagt Dayer.

Wie haben sich die beiden Zeitungen verändert, seit sie weibliche Chefinnen haben? Beide Blätter kommen in einem moderneren, entschlackten Layout daher, der «Matin» hat die regionale Berichterstattung gestärkt, während die Sonntagsausgabe auf mehr Tiefe setzt. Medienexperte Marc Comina kritisiert jedoch, man spüre, dass «Le Matin Dimanche» in der Westschweiz ein «Monopolist» sei: «Gäbe es hier den gleich harten Konkurrenzkampf wie in der Deutschschweiz, hätte dies sicher Auswirkungen auf die Qualität des ‹Matin Dimanche›, die seit Jahren deutlich unter derjenigen der Deutschschweizer Sonntagspresse liegt.»

Während diese mehrheitlich abonniert ist, gibts «Le Matin Dimanche» nur im Einzelverkauf am Kiosk oder in der Box. Das könnte sich allerdings ändern: «Wir reden über neue Vertriebswege», sagt Dayer. Die «Matin»-Tagesausgabe kann man sich nach Hause schicken lassen, 36 Prozent der Auflage sind abonniert; beim «Blick» sind es 65 Prozent.

Das schwierige Umfeld verdirbt den beiden Chefredaktorinnen die Lust am Zeitungsmachen aber keineswegs. Man nimmt ihnen ab, wenn Ariane Dayer sagt: «Etwas Schöneres als das gibt es doch gar nicht.» Und wenn Sandra Jean ergänzt: «Ich bin glücklich hier.»

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