Diese App verspricht viel: «Bist du auf der Suche nach der grossen Liebe oder bloss nach einem One-Night-Stand? Girls Around Me hilft dir dabei.» Auf einer Karte zeigt die iPhone-Applikation Fotos von Frauen an, die sich gerade in der Nähe befinden. Wählt man eine Dame an, wird ihr Facebook-Profil aufgerufen. So können sich Männer bequem einen Überblick verschaffen, welche Frauen sich zurzeit in welchem Klub aufhalten.

Es geht auch umgekehrt: Frauen können sich auf die gleiche Weise über Männer informieren. Angesichts des Namens und des Signets, das eine Frau in sexy Pose zeigt, besteht jedoch kein Zweifel daran, dass sich die App in erster Linie an ein männliches Publikum richtet. Zumindest war das der Fall, ehe die App Anfang Woche nach verschiedenen kritischen Berichten in Online-Medien aus dem App-Store verschwand.

Anstatt paarungswilligen Männern bei der Partnersuche zu helfen, hat Girls Around Me vorerst vor allem zu einer Diskussion um den Schutz der Privatsphäre bei sogenannten «People Discovery»-Diensten angeregt. Damit gemeint sind Anwendungen für Smartphones, die ihre Nutzer mit Informationen über Personen in der Nähe versorgen.

Die bekannteste Anwendung in diesem Bereich ist das ortsbasierte soziale Netzwerk Foursquare, das momentan immerhin 15 Millionen Nutzer zählt. Diese können an verschiedenen Orten «einchecken» und so ihrem Freundeskreis beispielsweise mitteilen, in welchem Café sie gerade ihren Latte macchiato schlürfen. Gleichzeitig sehen sie, ob sich andere Nutzer in der Umgebung aufhalten. Ähnliche Möglichkeiten bietet auch Facebook mit der Anwendung Places, die aber bisher nur von einem Bruchteil der rund 800 Millionen Anwender genutzt wird.

Verschiedene Applikationen wie etwa Sonar, Banjo oder eben auch Girls Around Me bauen auf Foursquare auf, indem sie die dort zugänglich gemachten Positionsdaten in Übersichtskarten aufbereiten und mit Informationen aus Facebook und Twitter anreichern. Es werden dabei also ausschliesslich Daten verwendet, welche die Nutzer selber öffentlich zugänglich gemacht haben. Zudem wird die Position nicht permanent aufgezeichnet, sondern nur wenn man über Foursquare aktiv eincheckt. Das Ziel dieser Anwendungen ist es, uns dabei zu helfen, mit Personen in der Umgebung in Kontakt zu kommen, mit denen wir gemeinsame Interessen teilen.

Noch geniessen diese Dienste ausserhalb amerikanischer Grossstädte nur wenig Popularität. Doch viele Branchenbeobachter rechnen damit, dass sie sich in den nächsten Jahren zu einem neuen Trend entwickeln werden. Am South by South Festival, an dem sich jeweils im Frühling ein technikaffines Publikum trifft, sind «People Discovery»-Dienste dieses Jahr hoch gehandelt worden. Vor fünf Jahren legte hier Twitter den Grundstein für seinen späteren Erfolg.

Girls Around Me ist also nur eine von diversen Applikationen in diesem Bereich. Die mediale Aufregung um die angebliche «Stalker-App» können deren Entwickler deshalb nicht nachvollziehen. Gegenüber dem «Wall Street Journal» lassen sie verlauten, dass sie es als unethisch empfänden, als Sündenböcke herausgegriffen zu werden, um Bedenken über den Schutz von privaten Daten zu diskutieren. Damit liegen die Entwickler nicht falsch. Denn Girls Around Me verfährt nicht grundsätzlich anders als diverse ähnliche Applikationen. Es werden auch hier nur Daten verwendet, die von den Nutzern selber veröffentlicht worden sind und über soziale Netzwerke jedermann zugänglich sind.

Neben dem provokanten Namen unterscheidet sich Girls Around Me von anderen Apps hinsichtlich der Geschlechterfilterung und dadurch, dass die Personen nicht nur auf einer Karte angezeigt werden, sondern auch nach Lokalitäten geordnet werden können. Letzteres verstösst gegen die Richtlinien von Foursquare und dürfte – neben dem medialen Aufschrei – der Grund dafür gewesen sein, dass der App der Zugriff zu den Positionsdaten von Foursquare abgeklemmt wurde und die Anwendung aus dem App-Store verschwand.

Die Datenschutz-Problematik bei «People Discovery»-Diensten ist damit aber nicht gelöst, sondern dürfte erst richtig auf das Radar von Datenschützern gelangt sein. Des Weiteren stellt sich auch jenseits von Datenschutzbedenken die Frage, ob wir im digitalen Zeitalter wirklich stets auffindbar sein wollen – und so die Möglichkeit aufgeben, auch einmal in der Menge zu verschwinden.

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