Der einflussreichste Meinungsmacher sitzt entspannt im Caffè Olimpia an der Piazza Riforma in Lugano. Er raucht eine Zigarette und nimmt die Ohrhörer seines iPhone raus, als ich mich zu ihm an den Tisch sitze. «Maurizio», sagt er lächelnd und reicht mir die Hand.

Maurizio Canetta ist erst seit knapp zwei Monaten Direktor des RSI, des Radios und Fernsehens der italienischsprachigen Schweiz. Eigentlich hat er gerade Ferien, «aber das spielt keine Rolle». Er spricht gern über sein Unternehmen und die 1200 Mitarbeiter. Es ist im Tessin nach der Kantonsverwaltung der zweitgrösste Arbeitgeber. 22 Prozent der SRG-Gebühren fliessen ins RSI, obwohl nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung in dessen Gebiet leben. «Wir sind bevorzugt, das Gesetz will es so», sagt Canetta. «Alle Sprachgebiete sollen mit der gleich guten Qualität bedient werden.»

Wie die SVP auf nationaler Ebene poltert die populistische Lega im Tessin gegen die SRG. In der Parteizeitung «Il Mattino della domenica» kommen die «linken Journalisten» regelmässig zur Kasse. In das Bild der Lega passt, dass Direktor Canetta in jungen Jahren SP-Parlamentarier in der Gemeinde Paradiso war. Allerdings gibt es auch Kritik von links an der RSI, weil sie der Lega zu oft eine Plattform gebe. Canetta sagt: «Lega-Gründer Giuliano Bignasca war ein Quotenrenner und kam oft am TV, aber wir berichten insgesamt sehr ausgewogen.» Bignasca starb vor einem Jahr.

Zwei Fernsehsender, drei Radiosender und Online-Kanäle gehören zum Angebot der RSI. Es gibt aufwendig gemachte Sendungen, eine italienischsprachige «Rundschau» und einen «Kassensturz» etwa. RSI hat eigene Korrespondenten in Washington, Rom und Brüssel sowie in Bern, Zürich und Chur. Für die italienischsprachigen Bündner gibt es täglich eine eigene Nachrichtensendung.

Laut Canetta ziehen beim Publikum die regionalen Themen am besten – das Tessiner «Schweiz aktuell» mit Berichten aus der Region ist beliebter als die «Tagesschau». Es sei aber wichtig, auch national und international aus Tessiner Sicht zu berichten: «Das ist unsere Legitimation. Unser Herz ist im Tessin, unser Kopf in der Schweiz und unsere Seele in der Welt.»

Canetta ist seit 34 Jahren bei RSI, er war Bundeshauskorrespondent, Tagesschauredaktor in Zürich, er war Sport-, Kultur- und Informationschef. Also so ziemlich alles, was man in der RSI sein kann. Der 56-Jährige hat sich gegen externe Kandidaten für den Chefposten durchgesetzt, etwa gegen Roberto Balzaretti, Schweizer EU-Botschafter in Brüssel.

Bei den 350 000 italienischsprachigen Schweizern hat das RSI-Fernsehen einen Marktanteil von 35 Prozent – das ist etwas mehr als SRF in der Deutschschweiz, doch das heisst auch: Zwei Drittel der Tessiner schauen italienisches TV. «Unser Problem ist, dass die Zuschauer immer älter werden», sagt Canetta, «darum bauen wir unser multimediales Angebot aus.» Ganz zum Ärger der Privaten.

Neben der übermächtigen RSI sendet seit 1996 das private TeleTicino, gegründet von CVP-Politiker Filippo Lombardi. Der heutige Ständerat und CVP-Fraktionschef ist der mächtigste private Medienmann, denn über seine Timedia Holding, deren CEO er ist, kontrolliert er nicht nur TeleTicino, sondern ist auch an den zwei Tageszeitungen beteiligt: am «Corriere del Ticino», der mitte-rechts ist, und dem «Giornale del Popolo», dessen Herausgeber der Bischof von Lugano ist. Diese gut gemachte Zeitung kämpfte wiederholt um ihre Existenz und ist vom Geld der Kirche abhängig. Alle warten jetzt darauf, ob auch der neue Bischof Valerio Lazzeri sie unterstützt. Doch man nimmt nicht an, dass er als Totengräber der kirchennahen Zeitung in die Geschichte eingehen will.

Die Tessiner Zeitungslandschaft ist wohl weltweit einmalig. Medienministerin Doris Leuthard beklagte kürzlich am SwissMediaForum, dass es in neun Kantonen keine eigene Tageszeitung mehr gebe und in sieben weiteren nur noch eine einzige. Im Tessin aber erscheinen drei eigenständige Tageszeitungen, nebst dem Mitte-rechts-Blatt «Corriere» und dem «Giornale» auch «La Regione Ticino» aus Bellinzona, das Mitte-links ist und im Sopraceneri-Gebiet dominiert. Zudem kommt seit drei Jahren «20 Minuten», die Pendlerzeitung der Tamedia, auch auf Italienisch heraus.

Hier ist die Gratiszeitung aber nicht die Nummer eins; auflagenstärkste Zeitung blieb der «Corriere». Wer dessen Redaktion besucht, muss weit aus Lugano hinausfahren: Die Taxifahrt aus dem Zentrum in das Industriegebiet beim Flughafen Agno kostet 30 Franken.

Im Sitzungszimmer des «Corriere» mit schweren Sesseln und dem Charme der 80er-Jahre erklären Wirtschaftschef Lino Terlizzi und der stellvertretende Chefredaktor Fabio Pontiggia, warum die Zeitungslandschaft im Tessin so dicht ist: «Die Menschen hier lesen einfach gern. Im Gegensatz zu Italien, das eine armselige Pressevielfalt hat.» Immerhin 43 Print- und 4 Online-Redaktoren beschäftigt der «Corriere». «Wir hoffen, dass wir weiterhin stärker sind als ‹20 Minuti›», sagen sie – ganz überzeugt klingen sie dabei aber nicht.

Das Pendlerblatt hat allen drei Tageszeitungen Inserate abgejagt. Auch der «Regione», deren Verleger Giacomo Salvioni «20 Minuti» erst ermöglicht hat, indem er mit Tamedia zusammenspannte. Salvioni und Tamedia halten je 50 Prozent am Gratisblatt. Für den Tessiner Investor Tito Tettamanti war es ein Fehler von Salvioni, mit «20 Minuti» die Tamedia ins Tessin zu holen: «Das Gratisblatt bringt alle drei Tageszeitungen in Probleme, und es ist zu befürchten, dass Tamedia früher oder später ‹La Regione› kauft», sagt Tettamanti.

Der 83-jährige Tettamanti ist Kolumnist beim «Corriere» und ein kritischer Beobachter des Medienplatzes Tessin: «Wir haben profilierte Zeitungen und eine überdimensionierte SRG, aber die meisten Journalisten haben dasselbe Problem: Sie sind zu faul, um Deutsch zu lesen, und interessieren sich darum viel zu wenig für Zürich», sagt Tettamanti. Das führe zu einer «falsch verstandenen Italianità», man blicke viel zu oft Richtung Mailand und Rom statt nach Zürich. Italien aber sei kein Vorbild mehr, sei kulturell und intellektuell verarmt, sagt Tettamanti. «Für uns ist das wichtigste Zentrum Zürich.»

Am auflagenstärksten ist im Tessin die Sonntagspresse. Hier buhlen zwei komplett unterschiedliche Gratis-Blätter um die Gunst des Publikums. Die Lega-Parteizeitung «Il Mattino della Domenica», 1990 gegründet, ist mit wenig Geld gemacht und polemisiert am liebsten gegen Grenzgänger und Ausländer. Die Redaktion war nicht bereit, die «Schweiz am Sonntag» für ein Gespräch zu empfangen.

«Il caffè» wiederum, an dem Ringier beteiligt ist, ist professionell gemacht und hat einen linken Einschlag. Der Chef und sein Stellvertreter kommen aus Süditalien – Grund genug für die sonntägliche «Mattino»-Konkurrenz, regelmässig auf diese einzuprügeln.

«Il Mattino» hat zur Verrohung der Tessiner Politik beigetragen. Das stört auch Tito Tettamanti, aber schuld ist für ihn nicht nur die Lega: «Wer hat darauf hingearbeitet, dass man keinen Respekt mehr haben soll vor Autoritäten?», fragt Tettamanti und gibt die Antwort gleich selbst: «Die linken Alt-68er.»

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