Zuerst hielt er alles für einen dummen Scherz. Als der Chefredaktor des deutschen Satire-Magazins «Titanic», Leo Fischer, am Montagabend den Fax aus dem Drucker zog, glaubte er kein Wort. Darin hiess es, der Papst habe eine einstweilige Verfügung gegen das Titelbild erwirkt. Das Cover zeigt Benedikt XVI., der sein Gewand vorne mit einem gelben Fleck und hinten mit einem braunen besudelt hat. In Anspielung auf die Indiskretionen aus dem Vatikan lautete die Schlagzeile: «Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden.»

Die Zweifel des Chefredaktors beruhten auf Erfahrung: «Unsere Leser versuchen immer wieder uns vorzuführen, wie wir das selber oft tun», sagt er. Erst als die deutsche Bischofskonferenz und die zuständige Bonner Kanzlei die Verfügung bestätigten, freute sich Fischer – auch wenn er das nicht zugibt. Denn damit ist ihm ein Werbe-Coup geglückt.

Alle grossen Deutschen und Schweizer Medien berichteten über das Titelbild und die Verfügung. «Das war das einzige Ziel des Magazins», glaubt Pedro Simko, Vorsitzender der international tätigen Werbeagentur Saatchi und Saatchi Schweiz. Es sei eine alte, aber wirkungsvolle und vor allem billige Taktik. «Wer provoziert, bekommt Aufmerksamkeit», sagt er. Um mit gewöhnlicher Werbung denselben Effekt zu erzielen, hätte das Magazin rund 5 Millionen Franken investieren müssen, schätzt der Werbefachmann. «Die Unterlassungsverfügung des Vatikans ist einfach dumm.» So werde Benedikt XVI. erst recht zum Gesprächsthema. «Der Papst tut mir leid.»

Im Internet ist die Ausgabe bereits ein Renner. Obwohl die 1. Auflage noch verkauft werden darf, wird das Papst-Cover auf Ebay für über 20 Franken gehandelt. Am Kiosk bezahlen Kunden 7.90 Franken. Im Netz macht das Bild ohnehin die Runde. Heute spuckt das Google-Suchfeld für «Titanic» sofort «Papst» als Ergänzungsvorschlag aus – noch vor dem Film und der Tragödie 1912.

Chefredaktor Fischer weiss um diesen Erfolg. Er kündigt bereits ein weiteres Papst-Cover für die nächste Ausgabe an. Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) hat dafür überhaupt kein Verständnis. «Es geht im vorliegenden Fall nicht um Humor, sondern um herabwürdigenden Spott, der die Grenzen des Zumutbaren weit überschreitet», sagt Walter Müller, Sprecher der SBK. Es gäbe keinen Grund, weshalb dem geistlichen Oberhaupt der Katholiken weniger Persönlichkeitsrechte zukommen sollten als anderen. Der Heilige Vater sei wichtigster Repräsentant von mehr als einer Milliarde katholischen Gläubigen. «Wer ihn herabwürdigt, würdigt auch die Gläubigen herab.»

2009 musste der Schweizer Presserat über einen ähnlichen Fall entscheiden. Der «Tagesanzeiger» publizierte eine Karikatur des Papstes mit Kreuzstab. Der Schattenwurf des Stabes zeigte ein Hakenkreuz. Der Presserat lehnte damals die Beschwerde ab. Die zum Artikel und Kommentar gestellte Karikatur hätten dabei «ausschliesslich Handlungen und Äusserungen von Papst Benedikt XVI. in seiner Funktion als Papst» kritisiert, betont der Presserat.

Mit Klagedrohungen kennt sich auch Marco Ratschiller aus, Chefredaktor des Satire-Magazins «Nebelspalter», dem Schweizer Pendant zu «Titanic». Auch wenn er bewusst auf «diese Art von Provokation» verzichtet, flatterten ihm in den letzten Jahren mehrmals Drohungen ins Haus. Konkrete juristische Schritte blieben allerdings stets aus. «Wohl auch, weil die potenziellen Kläger erkannten, dass der Medienwirbel kontraproduktiv wäre», sagt er. Dem stimmt «Titanic»-Chefredaktor Fischer zu: «Ich hätte den Papst für klüger gehalten.»

Der Letzte, der gegen «Titanic» vorging, war Politiker Kurt Beck. 2006 beschriftete das Frankfurter Magazin ein Porträt des damaligen SPD-Chefs mit der Zeile: «Problembär ausser Rand und Band: Knallt die Bestie ab!» Auch Beck erhielt mehr Presse, als ihm lieb war.

So viel Geld hätte «Titanic» ausgeben müssen, um mit konventioneller Werbung die gleiche Aufmerksamkeit zu erzielen.

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