VON MARTIN AMREIN

Albert Einstein erfuhr es am eigenen Leib: Wenn es darum geht, das akademische Ansehen zu verteidigen, hohe Auszeichnungen zu erhaschen oder ebendiese dem Kontrahenten zu verwehren, zeigen Wissenschafter schon mal ihre dunklen Seiten. Jahrelang blieb dem genialen Physiker der Nobelpreis verwehrt, weil rivalisierende Forscher den aufkommenden Antisemitismus nutzten, um Einsteins Schaffen als «jüdische Physik» zu verteufeln.

Den begehrten Preis erhielt er schliesslich nicht für die Relativitätstheorie – «dadaistischer Unsinn», meinten seine Gegner –, sondern für die Entdeckung des fotoelektrischen Effekts. Einsteins Geschichte ist bei weitem kein Einzelfall. Das zeigt Heinrich Zankl, emeritierter Biologieprofessor und Wissenschaftspublizist, in seinem neuen Buch «Kampfhähne der Wissenschaft».

Mehr als dreissig Streitereien aus vier Jahrhunderten Wissenschaftsgeschichte hat Zankl darin zusammengetragen. Sie erzählen von persönlichen Feindschaften unter Forschern, von Intrigen, Verleumdungen, Fälschungsversuchen und von ruchlosen Sabotageakten. Praktisch alle wissenschaftlichen Disziplinen verkamen schon zur Bühne dieses Treibens, schliesslich sind weder Geisteswissenschafter, Naturwissenschafterinnen noch Mediziner vor Missgunst und Neid gefeit.

Zankl berichtet, wie der Psychoanalytiker Sigmund Freund sich seiner Widersacher mit falschen Anschuldigungen entledigte, wie alteingesessene «Kollegen» dem jungen Meteorologen Alfred Wegener und seiner Theorie der Kontinentaldrift keine Chance gaben oder wie Aids-Forscher sich mit fremden Federn schmückten – und damit französische und amerikanische Regierungsvertreter gegeneinander aufbrachten.Wer denkt, nur zweitrangige Geister hätten solche Spielchen nötig, der irrt: Selbst Isaac Newton erweist sich als hinterhältiges Genie.

Bei seinen Berechnungen scheute er nicht vor unfeiner Datenmanipulation zurück: «Ein nicht geringer Teil der Überzeugungskraft der Principia (Newtons Hauptwerk) lag darin, dass sie bewusst ein Ausmass an Genauigkeit vorgaben, das weit über ihren berechtigten Anspruch hinausreichte», zitiert das Buch den amerikanischen Wissenschaftshistoriker Richard S. Westfall. Newton habe den Mogelfaktor mit ungeahntem Geschick gehandhabt.

Immer haben die geschilderten Balgereien ihren Preis: Harmlos bleibt es, wenn nur das Ego eines Wissenschafters zu Schaden kommt. Umso dramatischer erscheinen dafür jene Fälle, bei denen Menschenleben auf dem Spiel stehen. Wie bei der Geschichte des ungarischen Arztes Ignaz Semmelweis, der in den 1840er-Jahren am Wiener Allgemeinen Krankenhaus tätig war. Damals starb fast jede zehnte Frau nach der Geburt am Kindbettfieber.

Krankheitserregende Bakterien waren noch unbekannt, die Angst der Frauen vor der Geburt galt als Ursache für die Krankheit. Semmelweis aber merkte, dass die Todesfälle deutlich zurückgingen, wenn die Geburtshelfer ihre Hände desinfizierten. Unermüdlich setzte er sich dafür ein, dass Kliniken diese Hygienemassnahmen einführten. Doch er fand kein Gehör, einflussreiche Professoren taten Semmelweis’ Ansichten als «beschränkt» ab.

Kaum förderlich war, dass die Schriften, mit denen Semmelweis auf die Problematik aufmerksam machen wollte, immer polemischer wurden. Schliesslich starb er verbittert in einer psychiatrischen Klinik. Noch im selben Jahr entdeckte ein englischer Chirurg die für das Kindbettfieber verantwortlichen Eiterbakterien. Seine schärfsten Kritiker mussten nun anerkennen, dass Semmelweis recht hatte. Hätten sie das früher getan, wären zahlreiche Leben gerettet worden.

Manchmal hat ein Streitaber auch sein Gutes. Ende des 19.Jahrhunderts kam es in den USA zum «Knochenkrieg» zwischen den beiden Paläontologen Othniel Marsh und Edward Cope. Die beiden Kampfhähne spionierten sich gegenseitig aus und sabotierten die Ausgrabungsstätten der anderen Seite. Dafür brachte ihr unerbittlicher Wettstreit die Saurierforschung in den USA enorm voran: Noch heute zählen die Fossiliensammlungen der beiden Forscher zu den grössten und wertvollsten der ganzen Welt.

Noch manch andere erschreckende, spannende oder einfach amüsante Episode präsentiert Zankl in seinem flüssig geschriebenen Buch. Der Autor findet schliesslich auch eine Erklärung für das unrühmliche Tun so mancher Forscher: «Da Wissenschafter meist durchaus ehrgeizige Menschen sind, reagieren sie oft besonders heftig, wenn sie den Eindruck gewinnen, der ihnen zustehende Lorbeerkranz könnte ungerechterweise anderweitig vergeben werden.» Zankls Buch zeigt, dass Wissenschafter auch nur Menschen sind und selbst ein schlauer Kopf nicht vor törichtem Verhalten schützt.

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