VON OLIVER KLAFFKE

Die meisten Opfer hat der schneereiche Winter bei den Schleiereulen gefordert. Bisher haben Experten befürchtet, dass der Bestand um mindestens 40 bis 50 Prozent dezimiert wurde. Jetzt gibt es Daten aus der diesjährigen Brutsaison.

Sie zeigen: Die Situation ist noch viel dramatischer. Im am besten untersuchten Schleiereulengebiet der Schweiz zwischen Payerne und Murten ist der Bestand um mehr als 90 Prozent eingebrochen.

«Seit zwanzig Jahren untersuche ich Schleiereulen», sagt Professor Alexandre Roulin von der Universität Lausanne, «aber heute ist die Situation fatal.» Im letzten Jahr brüteten in den Nistkästen, die er auf einer Fläche von knapp 200 Quadratkilometern verteilt hat, noch zwischen 50 und 60 Brutpaare.

Bis zum Ende dieser Woche konnten der Biologe und sein Team nur fünf Schleiereulenpaare finden, die mit der Brut begonnen haben. Selbst in den schlechtesten Jahren brüteten dort mindestens 25 Paare.

Während des Winters sind viele der Vögel verhungert. Die Mäuse, von denen sie sich hauptsächlich ernähren, blieben monatelang unter der Schneedecke verborgen. Da die Vögel kaum Fettreserven anlegen, sterben sie innerhalb kurzer Zeit.

«Wir haben in den Nistkästen während des Winters auch kaum Beutereste gefunden», sagt Roulin. Für die diesjährige Brutsaison macht er sich keine grosse Hoffnung, dass die Eulen durch einen hohen Bruterfolg ihre Verluste wieder wettmachen können. Weil die Mäuse durch den Winter ebenfalls litten, fehlt es an Nahrung für den Nachwuchs.

Mit der Schleiereule trifft der schneereiche Winter einen Vogel, der durch die Zerstörung des Lebensraums in den letzten Jahrzehnten immer seltener geworden ist und auf der Roten Liste der in der Schweiz bedrohten Arten steht.

Weil die Landwirtschaft immer intensiver wird und viele Scheunen und Kirchtürme verschlossen sind, in denen sie früher gebrütet haben, ist ihre Zahl auf 1000 bis 1500 Tiere zurückgegangen.

Die Aussichten auf eine rasche Erholung des Bestands sind schlecht. «Nach dem Polarwinter von 1962/63 hat es zwanzig Jahre gedauert, bis die Verluste wieder ausgeglichen waren», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach.

Neben der Schleiereule ist mit dem Waldkauz eine weitere Eulenart betroffen, die im Untersuchungsgebiet von Alexandre Roulin erfasst wird. Ihr Bestand hat sich von 150 Paaren in normalen Jahren auf nur 60 in diesem Frühjahr halbiert. In anderen Regionen, etwa dem Aargau, hat der Waldkauz hingegen den Winter gut überstanden.

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