VON MARTIN MEIER

Majestätischer, edler und schöner könnte der Schatz wohl nicht mehr präsentiert werden. 54 Stufen führen hinauf ins Reich von Peter Amacher (55), ins vierte Geschoss des Weiherschlosses «A Pro» in Seedorf UR. Der einstige Herrensitz der gleichnamigen Handelsfamilie ist 452 Jahre alt. Doch der Schatz, der hier funkelt, ist älter – viel älter, um 12 bis 14 Millionen Jahre alt.

Der Schatz ist ein Gesamtkunstwerk der Natur. Der Schatz besteht aus mehreren hundert Einzelstücken, aus insgesamt fünfzig Mineralienarten. Aus Berg- und Pyrrhotinkristallen, aus Calciten und Brookiten. Im Gesamtwert? Peter Amacher ist dies egal: «Wichtig ist mir der wissenschaftliche Wert. Und der ist unbezahlbar.»

Während elf Jahren fährt der Urner Peter Amacher mit der Stollenbahn ins Gotthard-Basistunnel. Manchmal mehrmals am Tag, um im Auftrag des Kantons für die Nachwelt die zum Vorschein kommenden Prunkstücke zu sichern. Mehrere tausendmal fährt Amacher vorbei an der Statue der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Mineure. Einmal ist der Zug entgleist, ist die Lok aus den Schienen geschossen. Die umgekippten Wagen werden samt 25 Mineuren fünfzig Meter weit mitgeschleift. «Wie durch ein Wunder ist keinem Arbeiter etwas passiert», so Amacher. «Da hat die heilige Barbara wirklich Überstunden geleistet.»

Amacher ist ein Orginal. Seine grauen Haare hat er zum Rossschwanz gebunden. Die Läppchen zieren Ohrringe. «Es sind genau zehn Stück.» Sein rotes Stirnband schmücken aufgedruckte gelb-weisse Edelweiss. Genau so sei er jeweils auch in den Landrat gegangen, dem der SP-Politiker zwei Jahre lang angehörte. «Obwohl eine Weisung ausdrücklich schickliche Kleidung verlangt.»

Amacher hat viel erlebt bei seinen Abstechern in den Tunnel. Je mehr sich die 440 Meter lange Maschine in den Berg bohrte, desto länger sei sein Arbeitsweg geworden. Und auch desto heisser sein Arbeitsplatz. Amacher meint nicht die Gefahren, die tief unter dem Berg lauern. Nein: Amacher meint die Temperaturen, die im Innern der Bergriesen herrschen: Es sind nahezu 50 Grad. Im Nachhinein sieht dies Amacher locker . «Das war immer Gratis-Sauna.» Er habe auch abgenommen.

«Kristallsuchen macht süchtig», gesteht Amacher. Der Strahler ist nicht mehr zu halten, wenn im Tunnel eine neue Kluft entdeckt wird. «Dann bin ich auch mitten in der Nacht aufgestanden. Man weiss ja nie», so Amacher. Was – man weiss nie? «Ja», erzählt Amacher. «Einmal hat ein Arbeiter Mineralien im Wert von 20000 Franken gestohlen.» Nicht ohne Folgen. Der Räuber wurde wegen schweren Diebstahls verurteilt.

Es war einmal: Wie ein Märchen erzählt sich die Entstehungsgeschichte der Mineralien. Fertig herangewachsen sind sie vor 12 bis 14 Millionen Jahren, in einer Tiefe von neun bis zwölf Kilometern. Dazu brauchte es einen Hohlraum, gesättigte Lösung, eine Temperatur von mehreren hundert Grad und viel Bergdruck. «Mit dem Wachstum der Alpen sind die Kristalle dann langsam aus der Tiefe aufgetaucht», so Strahler Amacher. Traurig ist Amacher nicht, dass er nicht mehr ins Tunnel kann. «Ich bin ohnehin lieber an der frischen Luft.»

Vorsichtig nimmt Peter Amacher einen Stein in die Hand. Seine Augen strahlen. «Was für ein wundervoller Anhydrit.» Diese Mineralienart würde man nur im Tunnelbau finden. «Zum letzten Mal entdeckte man Anhydriten vor über hundert Jahren – beim Bau des Simplon-Bahntunnels.»

Der Strahler dreht den Lichtschalter. Die Tür fällt ins Schloss. Dann steigt Peter Amacher hinunter: 54 Treppenstufen. Und beginnt zu lachen: «Wissen sie, wie ich ins Schwitzen kam, als ich die Mineralien hier hochtragen musste.» Der schwerste Stein ist allerdings nicht hier, im Schloss «A Pro», sondern im Rathaus in Altdorf ausgestellt. Der Bergkristall bringt achzig Kilogramm auf die Waage.

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