Viel war in den letzten Wochen davon die Rede, der «Moloch» SRG müsse schlanker und kostengünstiger werden. Im Churer Medienhaus der SRG-Einheit Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) gibt es Anschauungsunterricht dafür: Hier bedient die Mitarbeiterin, welche die Moderatoren schminkt, auch den Teleprompter. Und die Radioredaktoren lernen gerade, wie sie Videos mit ihrem Smartphone drehen können. Den Kurs besucht auch die oberste Chefin: Ladina Heimgartner, die erst 35-jährige Direktorin der RTR.

Heimgartner, die aus Scuol stammt und das Idiom Vallader spricht, führt uns durch das Medienhaus. Sie ist Chefin über 167 Mitarbeiter, entsprechend 132 Vollzeitstellen. Ganz schlank ist das auch nicht, oder? Doch, meint Heimgartner, und betont, dass RTR das 25-Millionen-Franken-Budget gezielt einsetze: Es gibt ein Radioprogramm rund um die Uhr, in dem man täglich alle fünf romanischen Idiome hört, aber auch die Schriftsprache Rumantsch Grischun – was die einen befürworten und die anderen kritisieren. Jeden Werktag produziert RTR für das Fernsehen SRF die Sendung «Telesguard» (rätoromanische Tagesschau), ausser in der Sommerpause, und dazu am Wochenende ausführlichere Sendungen. Natürlich gibts auch eine Website mit multimedialen Inhalten.

Das RTR-Angebot wird rege genutzt – wohl auch deshalb verschonten im RTVG-Abstimmungskampf die SRG-Kritiker die RTR. In den rätoromanischen Gemeinden wurde das Gesetz vom Volk deutlich angenommen, anders als etwa im Prättigau und in der Deutschschweiz insgesamt. Man geht von 40 000 Rätoromanen aus, davon hören 12 000 täglich Radio Rumantsch, das Fernsehen hat gar 30 000 Zuschauer (darunter einige Deutschschweizer), und rtr.ch erreichte im ersten Halbjahr 32 000 Unique clients.

Hauptgrund für die pflegliche Behandlung der RTR durch die Politik ist sicher, dass ihr Beitrag zum Erhalt der Sprachenvielfalt unbestritten ist. Heimgartner selber vermeidet es, die Funktion von RTR auf den innerromanischen Zusammenhalt zu beschränken. «Ich spüre manchmal Minderheiten-Mitleid, aber das wollen wir gar nicht. Wir wollen einfach die nötigen Voraussetzungen für guten Jourmalismus.» Diese seien erfüllt, und doch plagen sie Sorgen: Die Rekrutierung von Mitarbeitern entlang der fünf Idiome ist schwierig, denn die Auswahl begrenzt. «Ich fände es schön, wenn mehr Secondos, die Romanisch gelernt haben, den Weg zu uns finden würden», sagt sie. «Etwa Portugiesinnen und Portugiesen, von denen viele in Graubünden leben.»

Ladina Heimgartner, die Mariano Tschuor vor genau einem Jahr als Direktorin ablöste, bringt ideale Voraussetzungen für ihren Job mit: Sie wuchs in Scuol zweisprachig auf (Deutsch und Vallader), ihre Eltern betreiben dort bis heute ein Hotel, sie studierte an der Universität Fribourg Germanistik und Rätoromanisch, schrieb als Kulturjournalistin für das «Bündner Tagblatt» und wechselte 2007 zur SRG, zuerst als Redaktorin von Radio Rumantsch, später als stellvertretende Chefredaktorin, bevor sie 2011 in die Berner SRG-Zentrale ging, zuständig für den neu geschaffenen Bereich Märkte und Qualität. «Es tönt so, als hätte ich auf den RTR-Job hingearbeitet, das ist aber überhaupt nicht so», sagt Heimgartner. «Es ergab sich einfach.»

Am längsten prägt ein anderer Journalist die rätoromanische Medienlandschaft: Martin Cabalzar (58), der Chefredaktor der einzigen Tageszeitung «La Quotidiana». Sie erscheint in einer Auflage von rund 5000 Exemplaren und bedient jede der fünf Regionen mit ihrem Idiom – die überregionalen Texte sind in der Schriftsprache Rumantsch Grischun verfasst. Cabalzar, ausgebildeter Sekundarlehrer, schreibt seit vier Jahrzehnten für romanische Medien. Ursprünglich war er für die damalige «Gasetta Romantscha» tätig, die – wie andere regionale Zeitungen – nicht täglich erschien und eine Parteizeitung (CVP-nah) war. Erst als «Südostschweiz»-Verleger Hanspeter Lebrument 1997 aus diesen Zeitungen «La Quotidiana» machte, erhielt der vierte Landesteil eine eigene Tageszeitung. Sie ist parteiunabhängig, Cabalzar ordnet sie der bürgerlichen Mitte zu.

«Der Anfang war harzig», erinnert sich der Chefredaktor. Die neue, dominante Zeitung provozierte Gegenreaktionen. So lancierte die «Engadiner Post» ebenfalls rätoromanische Seiten. Zudem «wollten wir anfänglich zu viel», sagt Cabalzar, man produzierte beispielsweise eigene Auslandseiten.

Ein Jahr nach dem Start musste die Zeitung zurückbuchstabieren und konzentrierte sich auf die Region. Eine eigentliche Redaktion hat «La Quotidiana» nicht mehr, sie bezieht die Inhalte hauptsächlich von der rätoromanischen Nachrichtenagentur ANR. Diese beliefert auch andere romanische Print- und Onlinemedien, etwa die «Pagina da Surmeir» und die «Posta Ladina» als Teil der «Engadiner Post», aber «La Quotidiana» ist der wichtigste Kunde. ANR wird vom Staat finanziert: Zwei Drittel des Budgets von rund einer Million Franken deckt der Bund, ein Drittel der Kanton Graubünden. Wie die Gebührengelder für RTR sind auch diese Beiträge politisch unbestritten.

«Wir verstehen uns als Sprachrohr der Rätoromanen», sagt Chefredaktor Cabalzar, und er ist zuversichtlich für die Zukunft: «Im Zeitalter der Globalisierung gibt es bei den Jungen einen Trend ‹zurück zu den Wurzeln›», stellt er fest. Die Online-Ausgabe sei bei jungen Lesern gut verbreitet, und die gedruckte Auflage gehe zwar leicht zurück, aber weniger schnell als bei anderen Zeitungen. Allerdings hätte Cabalzar gern mehr Budget: «25 Millionen für RTR und 1 Million für die Zeitung, das ist ein Missverhältnis», kritisiert der Chefredaktor.

Ansonsten fällt auf, dass sich die rätoromanischen Medienschaffenden – anders als in der Deutschschweiz üblich – eher freundlich gesinnt sind: Man sitzt im selben Boot und unterstützt sich gegenseitig. «La Quotidiana» übernimmt Kurzmeldungen von der Website der RTR und stellt dafür in der Zeitung Platz für deren Programmvorschau zur Verfügung. Die rätoromanische Bevölkerung hat ein bemerkenswert vielfältiges Angebot, zu dem auch die deutschsprachigen Radio Südostschweiz und TV Südostschweiz mit ihren romanischen Sendungen beitragen, die sie regelmässig ausstrahlen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper