Sollte Ringier wie kolportiert den 54-jährigen René Lüchinger an die Spitze des «Blicks» setzen, holt sich der Verlag einen ebenso talentierten wie vorbelasteten Journalisten. Denn Lüchinger verantwortete als früherer «Facts»-Chefredaktor eine Skandalgeschichte, die in den Augen vieler den Anfang vom Ende des Magazins einläutete.

1998 wurde der damals 39-Jährige zum Chefredaktor des Tamedia-Nachrichtenmagazins «Facts» befördert. Ein Jahr später hatte Lüchinger seinen grossen Skandal. «Facts» berichtete ausführlich über das Buch «Verkaufte Illusionen», in dem die Berner «Edelprostituierte» Rita Dolder ihre Kunden beschrieb.

Die biografischen Angaben im Buch führten «Facts» zu Bundesrat Kaspar Villiger, Ex-Armeeoberst Friedrich Nyffenegger und Ständerat Rolf Büttiker. «Nur dürftig verklausuliert» seien die Personen gewesen, rechtfertigte sich Lüchinger in «Facts.» Büttiker gab zu, für Sex bezahlt zu haben. Villiger und Nyffenegger jedoch konnte nichts nachgewiesen werden, und Lüchinger musste sich bei Villiger für die «persönliche und politische Verletzung der Integrität» entschuldigen. «Wir taten das mit einer zu dünnen Faktenbasis», schrieb Lüchinger damals, «durch unser Vorgehen wurde die Beweislast umgedreht».

Was für Ringier einige Zeit später der Fall Borer, war für Tamedia der Fall Dolder/Villiger: ein Trauma. Die Fehlleistung beschädigte die Glaubwürdigkeit von «Facts». Davon habe sich das Magazin nie mehr erholt, sagen Tamedia-Manager rückblickend. Einer drückt es so aus: «Indem Lüchinger die Geschichte ins Blatt hob, wurde er zu dessen Totengräber.» Mit dem einst stolzen Magazin ging es abwärts, 2007 wurde es eingestellt.

Lüchinger verliess «Facts» bereits 2000. Drei Jahre später übernahm er wieder eine Chefredaktion, diesmal beim Wirtschaftstitel «Bilanz». Zuvor schrieb er ein viel beachtetes Buch zum Swissair-Grounding.

Unter Lüchinger war die «Bilanz» wirtschaftlich erfolgreich. Insbesondere die Beilagen, teilweise von der Redaktion selbst verfasst, brachten viel Geld ein. Dennoch musste Lüchinger Ende 2007 den Hut nehmen. «Rauswurf trotz Rekordbilanz», titelte das Branchenblatt «Schweizer Journalist». Lüchinger hatte zusammen mit Birgitta Willmann die autorisierte Biografie des Schokoladekönigs Klaus J. Jacobs verfasst. «Dass sich der Chefredaktor während der Entstehungszeit vorwiegend um diesen Auftrag kümmerte, sorgte für Unmut in der Redaktion», schrieb der «Schweizer Journalist». Dem Springer-Verlag, dem die «Bilanz» seit Anfang des Jahres gehörte, passte das Gebaren ebenfalls nicht. «Das Doppelgeschäft von Lüchinger – einerseits Bezahlung durch Jacobs, anderseits Vermarktung durch die ‹Bilanz› verhalf Springer zum ‹perfekten Rausschmiss›», hielt der «Schweizer Journalist» fest.

Auch nach seiner «Bilanz»-Zeit sorgte Lüchingers Vermischung verschiedener Mandate für Kritik. 2009 rezitierte er in der «Weltwoche» auf zwei Seiten spärlich deklariert sein eigenes Buch über Stephan Schmidheiny. 2011 publizierte Lüchinger ebenfalls in der «Weltwoche» ein Porträt über Coop-Chef Hansueli Loosli, während seine Firma zur selben Zeit eine Broschüre für Coop erstellte.

Lüchinger wollte keine Auskunft zum «Blick» oder zu seinen früheren Tätigkeiten geben.

* Der 54-Jährige war Chefredaktor bei «Facts» und «Bilanz». Heute ist er freier Journalist und schreibt für die «Weltwoche».

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