«See EU later!», titelte die «Sun» mit einem Anflug von Triumphalismus am Tag nach der Abstimmung. Das Boulevardblatt hatte sich im Wahlkampf an die Speerspitze einer Medienkampagne gestellt. Noch nie zuvor war die britische Presselandschaft so gespalten wie in der Brexit-Frage. In zahlreichen Leitartikeln hatte die «Sun» für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU getrommelt. Die Abstimmung wurde zum «Independence Day» und zur «britischen Wiederauferstehung» ausgerufen. Mit dem Brexit-Votum haben nicht nur die Kampagnenführer Boris Johnson und Nigel Farage, Chef der EU-feindlichen Ukip-Partei, triumphiert, sondern auch die britische Boulevardpresse, allen voran die «Sun».

Das Boulevardblatt, das zum Imperium des Medienmoguls Rupert Murdoch gehört, ist mit einer Auflage von 1,8 Millionen gedruckten Exemplaren einer der wichtigsten Meinungsführer in der britischen Presselandschaft. Murdoch, der der EU seit Jahren skeptisch gegenübersteht, führte eine aus eigenem Machtstreben motivierte Kampagne für den Austritt. Einem Journalisten soll er einmal gesagt haben: «Wenn ich nach Downing Street (dem Sitz des britischen Premierministers) gehe, machen sie, was ich sage. Wenn ich nach Brüssel gehe, nehmen sie davon nicht einmal Notiz.» Die «Sun» rüstete er zu einem Kampfblatt im Meinungsstreit auf.

In der britischen Politik, bemerkte der «New Statesman» einmal süffisant, sei es eine beliebte Aktivität von jedem, der nicht die «Sun» lese, zu behaupten, dass die Meinung der «Sun» am meisten zähle. Die «Sun» machte in der Vergangenheit immer wieder aktiv Wahlkampf und reklamierte Wahlergebnisse für sich. Legendär ist die Schlagzeile «It’s The Sun Wot Won It» nach dem überraschendes Wahlsieg der Tories 1992. Nach dem Brexit-Votum fragen sich die Beobachter erneut: Hat die «Sun» die Wahl entschieden?

Murdoch nannte die Schlagzeile damals «geschmacklos und falsch», der verantwortliche Redaktor wurde von ihm getadelt. Von Triumphalismus war bei dem Medienmagnat diesmal keine Spur. Sein Twitter-Account liegt seit der Hochzeit mit dem Ex-Model Jerry Hall im März brach, einige Klatschreporter unkten bereits, seine Gattin habe ihm einen Maulkorb verpasst. Murdochs Zurückhaltung könnte auch darin begründet liegen, dass das zweite Flaggschiff seines Verlags, die seriöse Tageszeitung «The Times», sich nach einigen Volten für einen Verbleib Grossbritanniens in der EU aussprach. Trommelte die «Sun» einfach lauter?

Sinkende Auflagen, gleich bleibender Einfluss
Der Journalismusprofessor Tim Luckhurst behauptete noch vor wenigen Tagen in der «Financial Times»: «Die ‹Sun› erzeugt keine öffentliche Meinung, sie folgt ihr nur.» Am Tag nach der Abstimmung konstatierte der «Guardian» nüchtern: «Es gibt Beweise, dass trotz sinkender Leserzahlen und Vertrauensmangels die Presse immer noch die Agenda setzt.» 1994 lag die Auflage der «Sun» noch bei über vier Millionen.

Eine Umfrage der EU-Kommission vom September vergangenen Jahres zeigte, dass 73 Prozent der Briten der Presse nicht vertrauen – der schlechteste Wert in allen EU-Mitgliedstaaten und 23 Prozent höher als der Durchschnitt. Trotz dieses massiven Vertrauensverlusts ist die Presse noch immer der Agendasetter. Eine Studie der Loughborough University fand heraus, dass die Themen, die die Zeitungen setzten, auch immer Gegenstand der Fernsehnachrichten waren. So waren in den letzten Wochen verstärkt emotional aufgeladene Migrations- als Wirtschaftsthemen ins Fernsehen gedrungen, die den Nährboden für die «Brexiteers» bildeten und von Blättern wie der «Sun» geschickt bespielt wurden. Das Boulevardblatt schürte mit dem Wortspiel «How to be a pole on the dole» – «on the dole» bedeutet arbeitslos – Ressentiments gegen polnische Arbeitsmigranten.

Das kam bei der älteren Arbeiter-Leserschaft in den strukturschwachen Gebieten Nordenglands, wo mit grosser Mehrheit für den Brexit votiert wurde, gut an. Die «Sun» schreckte auch nicht davor zurück, die Queen als vermeintliche Kronzeugin eines Austritts aufs Titelblatt zu heben – wogegen der Buckingham-Palast Beschwerde einlegte.

Das Brexit-Votum war letztlich nicht nur ein Sieg alter gegen junge Wähler, sondern auch ein Sieg «alter» über «neue» Medien wie Twitter und Facebook. Die Abstimmung macht deutlich, dass die Presse trotz erheblicher Auflagenrückgänge ihre politische Macht nicht verloren hat.

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