Die goldene Ära des Schweizer Hip-Hop ist vorbei», sagt Martin Geisser, Chef des Labels Bakara Music. Noch vor zehn Jahren haben die aufstrebenden Helden des Mundart-Rap locker die Säle in der ganzen Schweiz gefüllt. Tempi passati.

Der Sound einer ganzen Generation ist in die Jahre gekommen. Und manch einer fragt sich: Bin ich nicht zu alt, um zu rappen? Bin ich nicht zu alt, um Hip-Hop zu hören? So ist der Rap-Pionier Carlos Leal längst abgetreten, nur noch die Fossile E.K.R. und Black Tiger sind da. Bligg und Stress haben ins Pop-Fach gewechselt. Formationen der glorreichen Generation wie Breitbild, Sektion Kuchikäschtli, Wurzel 5, Wrecked Mob, Gleiszwei und Luut & Tüütli haben sich aufgelöst. Und was macht eigentlich Gimma? Geblieben sind die alten Rädelsführer: Die Berner Greis (35) und Baze (33), die Rap-Poetin Big Zis (37) und der Zürcher Tinguely dä Chnächt sind immer noch das Mass aller rappenden Dinge.

Geisser muss es wissen: Seit knapp zehn Jahren führt er ein Label mit Künstlern wie Steff la Cheffe, Tinguley dä Chnächt, Skor oder Temple of Speed und hat schon unzählige Demos zugestellt bekommen. Sein Fazit ist ernüchternd: «Es gibt zwar so viele Rapper wie noch nie, die über einen soliden Flow verfügen. Aber es ist keine Weiterentwicklung erkennbar. «Es fehlt weitgehend die Innovation und der Mut», sagt er, «seit 20 Jahren hören wir die gleichen Beats. Rapper, die sich am 90er-Jahre-Rap orientieren: ein Sample, ein Beat und darüber wird gerappt.» Geisser spricht deshalb von einem Vakuum im Schweizer Hip-Hop.

Doch jetzt ist Bewegung in die Szene gekommen. Die Berner Rapperin und Beat-Boxerin Steff la Cheffe (26) hat mit ihrem Produzenten Dodo eine frische, neue Version des Mundart-Rap gezimmert und die Hitparaden gestürmt. Der Solothurner Rapper Manillio wird als der neue Shooting-Star des Rap gefeiert, der den Mundart-Rap in eine neue Dimension führen kann. Und jetzt folgt der Höhepunkt: «Glanton Gang», das Album der beiden Berner Rapper Dezmond Dez (33) und Tommy Vercetti (32). Die beiden sind keine Newcomer, doch jetzt ist ihnen mit «Glanton Gang» ein Meilenstein des Schweizer Hip-Hop geglückt. Die zweite grosse Welle des Schweizer Hip-Hop ist da und wird immer grösser.

«Glanton Gang», in Anlehnung an die Kopfgeldjäger-Truppe in Cormac McCarthys Roman «Blood Meridian», ist ein hochambitioniertes, zorniges Album mit messerscharfen Analysen zur politischen und gesellschaftlichen Situation. Mit dem heiligen Ernst von Idealisten beschreiben sie eine Gesellschaft, in der es brodelt und doch alle kuschen. Und das in einer hierzulande bisher unbekannten intellektuellen Brillanz und Radikalität. Überspitzt, manchmal übertrieben und subversiv. Gespickt mit Metaphern und Bildern in einer Dichte, die den Zuhörer schwindlig macht. Dicke Post, schwere Kost. «Uns geht es um Inhalt, Relevanz und Kunst», sagt Vercetti selbstbewusst und Dezmond unterstreicht den «literarischen Gestus» in ihren Raps.

Die beiden sprechen denn auch nicht von einer Krise des Mundart-Rap, sondern von einer nötigen und befruchtenden Midlife-Crisis. «Bis jetzt war der Mundart-Rap Jugendmusik», sagt Dez, «jetzt versucht er, erwachsen zu werden.» Und Vercetti sagt: «Schweizer Hip-Hop leidet unter dem Stigma, dass er Jugendmusik sein muss.» Die Fans der beiden sind zwar immer noch zwischen 19 und 26 Jahre alt, aber die von Glanton Gang beschriebenen Themen und Probleme wie Prostitution («s Puff d Anti-Chile, hiä verliert me de Gloube»), soziale Medien («Facebook, de virtuell Louvre für üse Hedonismus»), das Diktat der Mode («Lääri Zeichä»), übertriebene Mobilität («mer bereise d Wäut, aber kreise glich um üs säuber»), die Beliebigkeit der Postmoderne («offe si für aues isch hüt absolut konform») und Liebe («blibt Liäbi nur Ablänkig, wo notwändig zu Enttüschig wird») haben für alle Generationen Gültigkeit.

Der CH-Hip-Hop steckt also nicht in einer Krise, sondern in einer Übergangsphase, einer kreativen Neuorientierung und Identitätsfindung.

Parallel zur Adoleszenz verläuft die musikalische Emanzipation. Schweizer Hip-Hop hat sich gegenüber Einflüssen der Popmusik und anderen Kunstformen (siehe Interview mit Greis) geöffnet, was eine Diversifikation des Genres bewirkt hat. «Die Hip-Hop-Szene ist nicht mehr so homogen wie vor 10 Jahren», sagt Dez. Früher waren die Rapper eine einzige Familie, heute hat sie sich aufgesplittet.

In dieser Phase des Wandels spielt der kleine Markt für den Deutschschweizer Rap eine entscheidende Rolle. Denn selbst in den glorreichen Zeiten konnten die Erfolgreichsten wie Greis nicht vom Rap allein leben. «Trotz Top-10-Platzierungen konnte ich nie von den Album-Verkäufen leben», sagt Greis, «die Verkäufe haben stets nur die Produktionskosten gedeckt.» Die Öffnung und Diversifikation ist im Schweizer Hip-Hop eine Überlebensstrategie.

Stress und Bligg haben ins Pop-Genre gewechselt und auch Steff und Greis integrieren zunehmend Popelemente oder betätigen sich in anderen Genres. So wie Kutti MC, der sich unter seinem bürgerlichen Namen Jürg Halter auch als Schriftsteller profiliert hat. Dazu Rapper und Beatboxer Knackeboul, der sich als Moderator und Animator betätigt.

Klar, dass dieser Prozess die Reaktion der Puristen provoziert. Zum Beispiel im Projekt Temple of Speed um E.K.R., des aargauisch-zürcherischen Rappers der ersten Stunde. Puristen, die sich auf die reine Lehre des 90er-Jahre-Rap beziehen und den Rap in ihrer Ur-Form retten und erhalten wollen.

Dezmond Dez und Tommy Vercetti sind keine Rap-Puristen. Zusammen mit Sir Jai, dem Produzenten des deutschen Rapstars Kool Savas, haben sie ihre Raps zu einer barocken musikalischen Melange verwoben. Eine dunkle, reichhaltige und bläserlastige Begräbnismusik, die sich weit von der reinen Lehre des Hip-Hop entfernt hat. Aber inhaltlich sind sie zu keinen Konzessionen bereit. «I chome us de Schueuh, wo Kunscht Revouhte esch», rappt Dezmond und sagt: «Wir sprechen aus, was andere nicht auszusprechen wagen». «Hüt muesch zum Hammer wärde, nur um nid ä Amboss z si. Mir si di Bösä, friss üsä Zorn», rappen Glanton Gang und teilen gegen die herrschende Gewalt kräftig aus. Sie wagen sogar das Spiel mit Feuer der Gewalt: «Politik fürä Arsch, de muess halt Gwaut si . . . d Strass nid d Queuä vor Gwaut, sondern wo si strandet. Vo struktureller i reali verwandlet.»
Aber auch die angepassten, sympathischen Rapperkollegen wie Knackeboul kriegen ihr Fett ab. «Ich fühle mich von Knack nicht repräsentiert. Ich bin kein Clown, ich bin Künstler», sagt Dezmond. «Dr Knack dä Hueresohn macht üsi Arbeit zumnä Witz. Verharmlost aues wi d Kommentarinnä-Bitch», rappt Tommy.

Es ist ihre Art auf die ökonomische Situation in der Schweiz zu reagieren. «Wenn ich mit Rap meinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann, dann will ich wenigsten mein Ding durchziehen», sagt Dezmond Dez. «Wenn ich mich anpassen muss, dann macht es mir keine Freude und ich verliere ich meine raison d’etre als Rapper», ergänzt Vercetti.

Die beiden sind zusammen mit Manillio und Steff die Anführer der zweiten grossen Welle mit Vorbildfunktion für eine neue Generation von jungen Wilden, die auf dem Sprung sind, nicht nur die Szene aufzureiben. Eine gewaltsame Revolte muss es ja nicht sein, aber die Glanton Gang will aufrütteln, bewegen und zum Denken anregen. Neue Relevanz, neuer Schub. Hip-Hop geht uns alle an. Die Krise war gestern. Und Dezmond Dez betont: «Schweizer Hip-Hop ist so lebendig und vielfältig wie nie.»

Tommy Vercetti + Dezmond Dez: Glanton Gang, Eldorado Rec. Erscheint am 29. Nov.
Live: 21. 12. Platttentaufe, Bierhübeli Bern (ausverkauft). Zusatzkonzert am 22. Dez.

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